Dienstag, 12. August 2014

VfB Stuttgart - Saisonvorschau

Nach den vergangenen Chaosjahren soll mit dieser Saison endlich wieder Kontinuität und Erfolg beim VfB einkehren. Viele Hoffnungen ruhen dabei auf Armin Veh, der bereits ankündigte, die Fans mit gutem, offensiven Fußball wieder in's Stadion locken zu wollen. Und tatsächlich konnte man in den Testspielen schon einige vielversprechende Ansätze in diese Richtung beobachten.

Vehs Raute


Offensivformation gegen Darmstadt (1. Halbzeit)
In den Tests kristallisierten sich zwei, drei verschiedene Grundordnungen heraus, mit denen das Team wohl die Saison bestreiten wird. Neu ist die Veh-typische Raute, die sehr häufig getestet wurde. Gegen Darmstadt beispielsweise zeigten sich schon einige Merkmale des neuen Systems. Besonders auffällig sind hier die Rollen von Gentner und Maxim. Ersterer nahm gegen den Drittligisten eine passivere Rolle ein als gewohnt, schob weit nach vorne und überließ den Spielaufbau über weite Strecken Didavi und Maxim, die halblinks ein Tandem bildeten. Von den beiden gab es wiederum viele Rückfallbewegungen, die von Kvist balanciert wurden. Allerdings deutete sich schon in diesem Spiel an, dass die beiden VfB-Zehner nicht so richtig gut zusammenpassen, zumal Didavi in seiner eingebundenen Rolle nicht gut zurechtkam. Insgesamt fehlte durch die tiefe Rolle der beiden auch offensive Präsenz in den Zwischenräumen und wegen dem frühen Vorbereitungsstand natürlich die Intensität.

Auch im Test gegen Heidenheim wurde mit Raute gespielt, dort spielte mit Gruezo statt Kvist ein deutlich aktiverer Sechser, der dementsprechend mehr Verantwortung im Spielaufbau übernahm und seine Mittelfeldkollegen damit etwas entlasten sollte. Allerdings fehlten dem Ecuadorianer die passenden Anspielstationen in den Halbräumen, da Gentner und Didavi sich auf den Halbpositionen zu unbalanciert und generell zu inaktiv zeigten. Maxims Zurückfallen von der Zehn aus konnte meist einfach aufgenommen oder er wurde einfach in harmlose Räume übergeben, sodass insgesamt eine eher undynamische, synergienlose Mittefeldaktivität und damit auch wenig produktives Vorwärtsspiel zustande kam.

Insgesamt fehlte in den Spielen mit Raute noch die richtige Balance, zwar gab es viele Rückfallbewegungen, aber noch neigt der VfB dazu, entweder tiefe oder hohe Bereiche zu sehr vollzustopfen. Normalerweise ist Maxim prädestiniert dafür, in solchen Situationen das Gleichgewicht herzustellen, aber Veh möchte ihn viel aktiver und präsenter einbinden, als das bisher beim VfB der Fall war. Grundsätzlich ist das eine gute Idee, aber dafür muss jemand anders für eine ausgewogene Raumbesetzung in hohen Zonen sorgen. Und das ist nicht gerade die Sahnedisziplin von Gentner und Didavi.

Zentrumskombinationen und Gegenpressing gegen Hull


Offensivformation gegen Hull City (1. Halbzeit)
Der letzte Test vor dem ersten Pflichtspiel fand am Sonntag gegen Hull City statt. Als Generalprobe, in der phasenweise schon mit recht hoher Intensität gespielt wurde, ist es wohl das aussagekräftigste Vorbereitungsspiel.

Die Offensivformation in der ersten Halbzeit ist nebenstehend abgebildet. Interessanterweise spielten Gruezo und Gentner nicht in einer klaren 6er/8er-Aufteilung, sondern nebeneinander als gleichberechtigte Doppelsechs, die beide abwechselnd aufrückten, wobei Gentner etwas weiter nach vorne ging und auch länger dort blieb, während sich Gruezo auf einzelne unterstützende Aktionen halbrechts beschränkte. Aus der offensiven Dreierreihe gab es derweil deutlich weniger Rückfallbewegungen als in einigen vorigen Spielen. Maxim driftete vielmehr weit ins offensive Zentrum, teilweise sogar bis in den rechten Halbraum, während Didavi das Zentrum hielt, oder leicht nach links herauskippte. Daraus ergab sich ein kleiner Rechtsfokus. Die Rollen von Harnik und Ibisevic waren wie gehabt und die Abstimmung zwischen den beiden in diesem Spiel gewohnt stark, so zum Beispiel beim feinen 1:2-Treffer. Manchmal lag sogar ein bisschen Rückrunde-2012-Flair in der Luft.

In der ersten Halbzeit gab es auch noch weitere gute Aktionen. Der VfB baute das Spiel gegen Hulls 5-3-2-Mittelfeldpressing geduldig auf und suchte dann nach vertikalen Zuspielen das Zusammenspiel in den Zwischenräumen oder rückte über die freien defensiven Halbräume auf und probierte dann den Durchbruch. Harnik versuchte dabei, Räume freizublocken und sich für Steilpässe hinter die Abwehr freizulaufen, was er wie immer hervorragend erledigte. Allerdings gab es noch einige Probleme, die die Entwicklung von wirklicher Durchschlagskraft verhinderten. Neben dem teilweise zu unbewussten Ausspielen der Situationen war der auffälligste Aspekt die mangelhafte Besetzung des linken Halbraums bei Angriffen über rechts, Maxims Einrücken wurde nämlich einfach von niemandem beantwortet. Auf dem Papier hätten sowohl Didavi als auch Gentner diese Aufgabe übernehmen können. Ersterer hielt allerdings meist das Zentrum, während Gentner eher in Richtung des Strafraums oder des ohnehin schon überfüllten Offensivzentrums tendierte. Die Räume, die die halbrechte Kompaktheit auf der anderen Seite schuf konnten somit nicht ausgenutzt werden und der VfB verlor den Ball einige Male beim Versuch, die extreme Enge halbrechts durchzuspielen. Daraus entstanden einige gefährliche Konter für die Engländer.

Das zeigt auch einen wesentlichen Aspekt bezüglich Kompaktheit und Gegenpressing. Es reicht natürlich nicht, irgendwo kompakt zu sein, um gut gegenpressen zu können; um Zugriff zu erhalten muss man den Ball auch in seiner eigenen Kompaktheit verlieren und nicht irgendwo davor oder sonstwo. Die Gegenpressingmechanismen selbst waren allerdings schon ziemlich gut, der VfB schaltete sehr konsequent um, war sehr griffig, die Verteidiger rückten gut nach und es öffneten sich wenig klare Freiräume. Dadurch konnten die Stuttgarter die gegnerischen Angriffe entschärfen und erzielten ein paar gute Ballgewinne. Der Pressingmechanismus wurde allerdings nur bei eigenen Ballverlusten ausgelöst und nicht aus dem eigenen Spiel gegen den Ball heraus. Dort bleib man meist bei einem recht normalen 4-4-1-1-Mittelfeldpressing.

Romeu und Kostic


Mit der Leihe von Oriol Romeu dürfte der VfB noch einmal richtig ins Schwarze getroffen haben. Der Spanier, der in La Masia ausgebildet wurde verkörpert das angestrebte Ballbesitzspiel wie kein anderer Spieler im Kader. Seine strategischen Fähigkeiten, Antizipation und seine außergewöhnliche Zweikampfstärke heben das Stuttgarter Mittelfeldzentrum sowohl mit als auch gegen den Ball auf eine ganz neue Ebene. Besonders im Verbund mit Gruezo, der einen ähnlich an Antizipation und dem Abtöten von Räumen orientierten Defensivstil verkörpert, könnte Romeu ein extrem griffiges und gleichzeitig aufbaustarkes Mittelfeldzentrum bilden. Getestet wurde ein Zusammenspiel der beiden allerdings leider nicht.

Um die Durchschlagskraft im Team zu erhöhen wurde zuletzt noch der kraftvolle Flügeldribbler Filip Kostic verpflichtet. Er könnte als breiter oder etwas eingerückter Außenspieler ein schlagkräftiges Gegengewicht zu den bisher gesehenen Zentrumsüberladungen für eine ausgewogenere Raumbesetzung sorgen und die enstehenden Räume für seine Diagonaldribblings nutzen. Allerdings wird er sich in Sachen Defensivarbeit weiterentwickeln müssen und hoffentlich auch noch reflektierter in seinen Entscheidungen werden.

Festzuhalten bleibt: Der Kader ist verheißungsvoll wie lange nicht mehr und die Testspiele zeigten gute Ansätze, die noch zuende entwickelt werden müssen. Die kommende Saison vorherzusagen ist schwierig, auch da noch keine genaue Stammformation festzustehen scheint. Vieles wird wohl davon abhängen, wie viel Durchschlagskraft man aus dem Kombinationsfokus entwickeln kann, und wie die einzelnen Spieler letztlich eingebunden werden. Nach dem ersten Pflichtspiel am Freitag gegen Bochum wird man womöglich mehr wissen.

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