Sonntag, 28. September 2014

6. Spieltag: VfB Stuttgart - Hannover 96 1:0

Der erste Saisonsieg war ein hart erkämpfter. Gegen defensiv gut eingestellte Hannoveraner biss sich der VfB lange die Zähne aus und kam erst mit einer Rhythmusänderung nach der Pause zum Siegtor.

Zurück zum 4-2-3-1?


Nachdem Armin Veh unter der Woche in Dortmund auf ein gutes, asymmetrisches Tannenbaumsystem umgestellt und den Borussen damit ein Unentschieden abgerungen hatte, entschied er sich gegen Tayfun Korkuts Hannoveraner offenkundig wieder für ein 4-2-3-1, ohne allerdings an der Feldspieler-Besetzung etwas zu ändern. Der einzige personelle Wechsel war der im Tor: Kirschbaum kam für den zuletzt öffentlich von Veh kritiserten Ulreich.

Formationen in der 1. Halbzeit
Das Stuttgarter 4-2-3-1 hatte jedoch durchaus Ähnlichkeiten mit dem Tannenbaum und unterschied sich klar vom bisherigen 4-2-3-1. So war es in der Offensive von hoher Fluidität mit vielen Positionswechseln innerhalb der offensiven Dreierreihe geprägt. Gentner spielte beispielsweise eigentlich Rechtsaußen, aber beackerte praktisch die komplette Feldbreite und fiel teilweise sogar in die Aufbauräume zurück. Didavi begann auf links, aber hielt sich wie gewohnt in den Randbereichen des Offensivzentrums auf. Leitner unterstützte von der Zehn aus hauptsächlich den Spielaufbau und fiel in unterschiedliche Zonen zurück, von wo aus er das Spiel anzukurbeln versuchte. Nach Ballverlusten übernahmen die drei häufig die Position, die ihnen am nächsten war, sodass beispielsweise auch mal Didavi als zweite Pressingspitze, Gentner links und Leitner rechts auftauchten.

Das Pressing selbst war auf gutem Niveau und als hohes Mittelfeldpressing angelegt. Aus dem 4-4-2 heraus übten sie durch frühzeitige, sehr gut getimte und bei Bedarf auch weite Herausrückbewegungen auf allen Positionen und das gute Nutzen des Deckungsschattens viel Druck aus. Manchmal wurde außerdem ein 4-3-3 hergestellt, indem einer der Außenbahnspieler dauerhaft aufrückte und die restliche Kette hinterherschob. Hannovers Aufbauspiel wurde damit über weite Strecken lahmgelegt und der VfB konnte in der ersten Halbzeit viel Dominanz aufbauen.

Starke 96-Defensive


Korkut stellte seine Hannoveraner jedoch gut auf einige Charakteristika des gegnerischen Aufbauspiels ein. Sie reihten sich in einem tiefen 4-1-4-1-Mittelfeldpressing auf, bei dem die Außenspieler Bittencourt und Kiyotake vereinzelt lose Mannorientierungen auf die Außenverteidiger übernahmen. Um den VfB am Vorwärtsspiel zu hindern rückte jeweils der ballnahe Achter heraus und stellte den ballführenden Spieler, während der ballferne Kollege sich in die Mittelfeldreihe fallen ließ und zusammen mit Gülselam die Lücke andeutungsweise zuschob.

Diese Vorgehensweise nutzte zwei Dinge aus: Das geringe Auffächern der Stuttgarter Aufbaureihe und die extrem hohen Außenverteidiger. Die mittig stehenden Aufbauspieler des VfB konnten frontal angelaufen und der sich öffnende Halbraum durch den Deckungsschatten kontrolliert werden - es fehlten alternative Zuspielmöglichkeiten von der Außenbahn oder dem von Joselu aufmerksam blockierten Sechserraum aus. Besonders zu Beginn des Spiels versuchte der VfB trotzdem konstruktiv in diese Räume hinein zu kommen und attackierte sie mit scharfen Pässen an den herausrückenden Gegenspielern vorbei. Allerdings rückte dann der Außenspieler gut ein und konnte diese Szenen in der ohnehin sehr kompakten Formation bereinigen. Gerade Bittencourt hatte im Pressing ein paar starke Szenen, bei denen er gegnerische Anspiele sehr frühzeitig antizipierte und damit Räume schloss.

Neben der Tatsache, dass Hannover schlicht kaum etwas anbot, fehlte es dem VfB auch etwas an Druck in der Ballzirkulation, bedingt durch die recht chaotische Struktur und die angesprochenen hohen Außenverteidiger. Damit konnte man nur selten Verschiebelücken öffnen und bespielbar machen, die Angriffe liefen stattdessen immer recht ähnlich ab und sahen sich einer schwierig zu knackenden Kompaktheit gegenüber. Ansonsten nutzten die Gastgeber auch viele hohe Diagonalbälle auf die Flügel, gerade Schwaab suchte ein paar Mal Sakai und konnte ihn einmal sogar direkt in den Strafraum schicken. Allerdings war bei diesen, wie auch bei den "normalen" hohen Seitenwechseln, das Nachrücken nur mittelmäßig und daher nicht richtig effektiv, zumal es in der lokal verdichteten Grundstruktur manchmal auch weite Wege erforderte. Wenn sie mal Freiräume erwischten, dann scheiterten sie meist an den bekannten Problemen was die zielstrebige Nutzung der selbigen angeht.

Beispielhafte Aufbauszene: Andreasen rückt als ballnaher Achter heraus und nimmt den dadurch geöffneten Raum in seinen Deckungsschatten. Dafür rückt Schmiedebach ein und schiebt nach, außerdem spekuliert Kiyotake schon ein bisschen auf den Pass zu Gruezo und löst sich frühzeitig von Klein. Tatsächlich spielt Schwaab den Ecuadorianer mit einem scharfen Pass an, den dieser unter Druck nach außen weiterleiten muss. Durch Bittencourts ballferne Mannorientierung auf Sakai kann Hannovers Abwehr weit herüberschieben und es dem VfB nahezu unmöglich machen, über die Seite nach vorne zu kommen. Der rot markierte Verlagerungsraum ist von keinem Stuttgarter besetzt, wäre aber ohnehin schwierig zu bespielen, da Schwaab keine Zeit hat, sein Sichtfeld zu drehen. Der blau markierte Raum ist in dieser Szene natürlich nicht bespielbar und soll nur andeuten, dass Sakai Bittencourt ein paar Mal mit weiten, direkt bedienten Sprints entwischen konnte.
 
Insgesamt war das Gegenpressing allerdings auf ordentlichem Niveau. Im Zentrum gab es eine sehr gute Absicherung mit Romeu und Gruezo, sowie meist Leitner und die sehr enge, fluide Offensive hatte nach Ballverlusten kurze Zugriffsdistanzen, konnte effektiv Druck ausüben und damit Konter verhindern. 96 schaffte es damit (beispielsweise über das Einrücken von Kiyotake) nur vereinzelt Akzente mit Kontern zu setzen und biss sich die meiste Zeit an der gut abgesicherten Struktur der Hausherren fest. Ballbesitzangriffe, auf der anderen Seite, bei denen gerade Gülselam vereinzelt seine Klasse andeuten konnte, kamen bei den Gästen durch die gegnerische Dominanz außerdem kaum zustande.

Umgekehrt nutzten die Gastgeber ihr Gegenpressing jedoch selten für eigene Angriffe, zum Beispiel nach langen Bällen mit bewusstem kollektiven Nachsetzen. Im Gegenzug waren sie eben dominanter und der Spielrhythmus ruhiger. Zumindest bis zur Halbzeit.

Rhythmuswechsel mit Kostic


Nach der Pause kam nämlich Filip Kostic für Gruezo und übernahm die linke Außenbahn, während Didavi auf die Zehn und Leitner neben Romeu auf die Sechs rückte. Der Serbe spielte die Flügelposition wesentlich breiter als zuvor Didavi und dementsprechend änderte sich auch die Marschroute des VfB nach der Pause: Es gab deutlich mehr lange Bälle auf die Außenbahnen, wo nun gerade links deutlich breiter überladen wurde. Dribblings von Kostic und Didavi, der manchmal für den nach wie vor weit einrückenden Gentner nach außen wich, nahmen eine deutlich wichtigere Rolle ein und es segelten mehr Flanken in den Strafraum der Niedersachsen. Ein weiterer positiver Effekt von Kostics Einwechslung: Sakai spielte hinter seinem breiten Vordermann etwas tiefer und vor allem diagonaler, sodass auch der linke Halbraum ein wenig besser genutzt werden konnte. Dazu kamen auch präzisere und besser angebundene Abkippbewegungen von Romeu und Leitner auf diese Seite, sodass es nun diagonale Winkel in den Raum hinter Schmiedebach gab.

Dadurch nahm die Angriffs- beziehungsweise Abschlussfrequenz nach Wiederanpfiff zu, und das etwas monotene und festgefahrene Spiel aus der ersten Hälfte wurde offener, wovon zunächst vor allem der VfB profitierte, der zu einigen Halbchancen kam. Weiterhin, eventuell als psychologische Folge, machte Hannover nun vereinzelte Staffelungsfehler, z.B. indem die Flügelspieler zu mannorientiert wurden, oder die ganze Formation sich zu weit zurückzog. Umgekehrt stieg durch das höhere Tempo, das Vorrücken in die Spitze und die Flanken auch Hannovers Kontergefahr ein wenig, wenngleich der VfB mit Leitner und Romeu immer noch recht konstant abgesichert war und mit Gentners Einrücken lokale Kompaktheiten erzeugte, aus denen sich Hannover nur schwer lösen konnte.

Das Siegtor fiel letztlich zwar nach einer Ecke und erforderte dementsprechend ein bisschen Glück, aber kann durchaus als Folge der Umstellung angesehen werden. Anschließend war 96 am Zug; sie fokussierten sich gegen das immer noch aufrückende, aber tiefere Mittelfeldpressing des Gegners auf den rechten Flügel, wo zwischen Joselus und Sobiechs Ausweichen (letzterer wurde inzwischen als zweite Spitze eingewechselt), Kiyotakes Einrücken, Sakais Aufrücken und Bittencourt als Rechtsaußen gute Synergien entstanden. Mit sinnvollen langen Bällen, die den Gegner zurückdrängten und ein paar ansehnlichen Kombinationen konnten sie Stuttgarts Aufrücken im Pressing bespielen und die etwas zu großen Abstände in der Vertikalen nutzen. Darüber hinaus banden sie im weiteren Verlauf ihre Sechser gut ein und hatten damit ein vielseitigeres Aufbauspiel. Den Niedersachsen, die am Ende alles nach vorne warfen gelang jedoch kein Treffer mehr und der VfB hatte am Ende sogar noch 1-2 Chancen, den Sack zu zu machen.

Schlussbemerkungen


Am Ende also ein Sieg in einem Spiel, das eigentlich nur ein Unentschieden hergab. Allerdings stellte Veh zur Pause gut um und Stuttgart war in der Folge leicht überlegen, sodass das 1:0 auch nicht völlig unverdient ist. Möglicherweise liegt hier auch die Erklärung dafür, dass der VfB-Coach Kostic lieber für den weiteren Spielverlauf spart, anstatt ihn von Anfang an zu bringen, denn so eine Rhythmusänderung ist mit dem Serben einfacher möglich als mit jedem anderen Spieler im Kader. Auf der anderen Seite will man das Spiel vielleicht zunächst nicht offener gestalten als es sein muss, und lieber versuchen, über Kombinationsspiel und Dominanz den Gegner zu knacken. Was die Spielkontrolle angeht, hat das in diesem Spiel ja auch gut funktioniert.

Auf der anderne Seite verwundert es allerdings auch, dass Hannover sich lange Zeit kaum bemühte, einen Fuß in die Tür zu bekommen und nur vereinzelt ihr hohes Offensivpotential aufblitzen ließen. Dennoch war Korkuts gut angepasste Defensivausrichtung durchaus effektiv und an sich lobenswert.

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