Samstag, 29. November 2014

13. Spieltag: SC Freiburg - VfB Stuttgart 1:4

Huub Stevens macht den VfB wieder zu einer ernstzunehmenden Bundesligamannschaft. Der SC Freiburg startet gut eingestellt in die Partie, muss sich aber nach einer schwächeren zweiten Halbzeit dennoch geschlagen geben.

Huub Stevens reloaded


Formationen
Nach nur wenigen Tagen Vorbereitung änderte Stevens an der Aufstellung zunächst gar nicht so viel. Die gesperrten Schwaab und Romeu wurden positionsgetreu von Klein und Gruezo ersetzt. Darüber hinaus setzte er auf Werner statt Kostic auf Linksaußen und Sararer für Ginczek, sodass Harnik wieder ins Sturmzentrum rückte.

Gegen den Ball erinnerte der VfB stark an die Spiele aus Stevens' erste Amtszeit. Die gesamte Formation war von engen Mannorientierungen durchzogen, so spielte oft Außenstürmer gegen Außenverteidiger und Außenverteidiger gegen Außenstürmer. Auch im Mittelfeld wurden die Gegenspieler eng verfolgt, die Aufnahme erfolgte aus Gründen der Stabilität aber spontaner und aus einer raumtreueren Grundhaltung heraus. Gentner und Harnik komplettierten schließlich das eher passive Mittelfeldpressing und lauerten zwischen den gegnerischen Sechsern und Innenverteidigern.

Freiburgs Antwort


Christian Streich hatte in der Freiburger Spieltags-PK zu Protokoll gegeben, dass er insbesondere die Spiele aus der ersten Stevens-Zeit zur Vorbereitung herangezogen hatte. Dementsprechend überraschte es nicht, dass seine Mannschaft in der ersten Halbzeit einige effektive Mittel gegen das Stuttgarter System aufbieten konnte.

Da der VfB darauf verzichtete, breitflächig Druck auszuüben, kamen die Breisgauer immer wieder in offene Stellungen im Mittelfeld und konnten von dort aus die Mannorientierungen des Gegners bespielen. Dabei bevorzugten sie, auch wegen der leicht rechtsseitigen Position von Harnik, ihre eigene rechte Seite. Dort wechselte Klaus recht gezielt zwischen sehr breiter und weit eingerückter Stellung und zog damit Hlousek aus seiner Position.

Beim VfB war es so, dass die Mannorientierungen der Außenspieler nicht an einen Kettenmechanismus angeschlossen waren - das heißt, die Innenverteidiger schoben in der Regel nicht hinterher, wenn der Außenverteidiger nach außen ging. Dadurch ging teilweise ein riesiger Raum zwischen Außen- und Innenverteidiger auf, den Freiburg zum Beispiel mit dem nach außen rochierenden Mehmedi nutzte. Dieser musste dann aufwendig von einem Mittelfeldspieler verfolgt werden. Häufig wurde auch Sorg frei, wenn er die Linie entlang lief, da Werner nicht konsequent seinen Mann verfolgte. Wurde Hlousek dann von Klaus in die Mitte gezogen, konnte der SC mit einem einfachen Pass über den Flügel durchkommen. Daraus entstanden Freiburgs gefährlichste Offensivszenen.

Timo!
- irgendeiner da unten vor der Chance von Schmid in der 13. Minute, als Sorg Werner davonlief.

Eine andere Möglichkeit für die Gastgeber war das Ausnutzen des Mittelfeldzentrums. Auch hier gab es durch den Stuttgarter Mannfokus keinen klaren Kettenmechanismus, sodass manchmal Lücken entstanden. Dazu kam, dass Leitner und Gruezo etwas unbalanciert herausrückten, Leitner verfolgte zum Beispiel oft Darida, wenn dieser herauskippte, während Gruezo ohnehin sehr antizipativ spielte. Die beiden wurden daher oft nach außen gezogen und das manchmal auch gleichzeitig. Teilweise konnte Gentner solche Situationen auffangen, indem er sich nach hinten fallen ließ, aber er tat das weder besonders konstant noch präzise.

Szene vor dem 1:1. Bei einem raumtreueren Deckungsspiel würde Werner als ballferner Flügelspieler in den Freiraum einrücken. Wegen dem Mannfokus hält er stattdessen den Kontakt zu Sorg. So kann Darida unbedrängt zum Fernschuss ansetzen.

Stevens bringt dem VfB das Kontern bei


Mit diesen Abläufen konnte sich Freiburg in der ersten Hälfte ein deutliches Chancenplus erarbeiten (13 zu 7 Schüsse, davon 8 zu 4 aufs Tor). Trotzdem zeigen diese Zahlen, dass der VfB ebenfalls Möglichkeiten hatte, auch wenn für das Führungstor eine Ecke herhalten musste. Der entscheidende Schritt, den Stevens im Angriffsspiel vermittelt hat, ist, endlich wieder ein vernünftiges Verhalten im Konter einzuführen.

Dann siehst du doch in bestimmten Momenten, dass Spieler Fehler machen untereinander, in der Abstimmung, und da muss man auch ansetzen, denke ich, dass die Fehlerquote geringer wird. Damit meine ich nicht nur die Fehlerquote in der Defensive [...] [sondern] auch Fehler in der Offensive, wie die Laufwege dann sind, oder wie dann abgeschlossen wird.
- Huub Stevens auf der Pressekonferenz vor dem Spiel

Zu diesem Zweck ergriff Stevens offensichtlich zwei veschiedene Maßnahmen: Zum einen stellte er, wie schon in seiner ersten Amtszeit beim VfB, die Flügelspieler enger (und verzichtete folglich auf Filip Kostic). Das wirkte sich zum einen positiv auf die Kompaktheit bei zweiten Bällen aus, die man nun stabiler herstellen konnte. Zum anderen verkürzten sich damit auch die Verbindungswege bei Gegenangriffen, sodass man kaum mehr in undynamische Situationen auf dem Flügel gefangen wurde. Stattdessen suchten sie fokussiert direkte Anspiele auf das extrem schnelle Trio Sararer, Werner und Harnik.

Die zweite Maßnahme betraf individuelles Verhalten in Umschaltmomenten. In den letzten Monaten unter Veh hatte sich in dieser Hinsicht eine fatale Geistlosigkeit entwickelt, die sich in unfassbar schwach ausgespielten Kontern widerspiegelte. Es ist leicht zu erraten, was demzufolge eines der Hauptthemen bei Stevens' Einzelgesprächen mit den Spielern gewesen sein wird.

Christian, wenn wir den Ball erobern, läufst du mit nach vorne. - Okay, Trainer.
- keine Ahnung, aber so ähnlich stell' ich mir das Gespräch mit Gentner vor.

Besonders der VfB-Kapitän verkörperte dieses Umschaltphlegma unter Veh - noch vor einer Woche gegen Augsburg demonstrierte er es sogar in vollem Umfang. Dieses Mal war es fast ein anderer Spieler, der da auf dem Platz stand. Gentner nutzte seine Kreativität fokussiert für aggressive Bälle in die Spitze und zog Höfler bei Kontern immer wieder in die letzte Linie. Da Freiburg mit Darida und den offensiven Außen ohnehin recht hohe Präsenz aufbaute, gab es für den VfB Konterräume im Mittelfeld, über die sie immer mal wieder attackieren konnten. Da Höfler als Absicherung aus dem Weg geräumt wurde, entstanden daraus vereinzelte Situationen, in denen die Stuttgarter auf Freiburgs Abwehrkette zulaufen konnten und Sararer, Harnik und/oder Werner in den Rücken der Abwehr starteten. Nicht angenehm. Allerdings brachte der VfB diese Angriffe noch nicht gut genug durch und sie blieben in den ersten 45 Minuten die leicht unterlegene Mannschaft.

Freiburg tappt in die Falle


Schon in der ersten Hälfte war der VfB darauf gepolt, frühe Ballgewinne gegen die spielerisch eher flatterhaften SC-Innenverteidiger zu erzielen. Dafür rückten Gentner oder Harnik auf und liefen Torrejon oder Mitrovic bogenartig an und isolierten ihn damit von seinem Nebenmann. Ein Vorstoß des Gegners gab dann das Signal, auf den umliegenden Positionen enge Deckungen einzugehen und damit so viele Optionen wie möglich zu verschließen. Daraufhin sollten der Ballführende hektisch werden und möglichst einen Fehlpass spielen. Andernfalls sollten dem angespielten Mittelfeldspieler, verbunden mit einer leichten Aufrückbewegung, auf ähnliche Weise die Möglichkeiten genommen werden. Freiburg musste schon mit dem starken Mehmedi aufwarten, um diese engen und komplizierten Situationen aufzulösen.

Das Prinzip: Torrejons Vorstoß wird zugelassen, aber dann alle Anspielstationen zugestellt. Leitner und Gruezo stellen mehrere Spieler geschickt in ihren Deckungsschatten, während Harnik hinter Torrejon lauert. Gentner erkennt die Situation und läuft frühzeitig in Höflers Rücken, wo er den unsauberen Rückpass des Spaniers erobern kann.

Nach dem Seitenwechsel nutzten die Gäste dieses Mittel noch einmal fokussierter, und außerdem war das Mismatch zwischen Werner und Sorg durch eine konsequentere Deckung behoben worden. Der Wegfall dieser einfachen Möglichkeit für den SC, über den Flügel nach vorne zu kommen, sorgte mit dafür, dass sich diese Pressingsituationen und anschließende tiefe Ballverluste Freiburgs mehrten. In dieser extremen Häufung konnte das allerdings nur passieren, weil zusätzlich auch ein paar nicht zwingende Fehlpässe ohne Gegnerdruck dabei waren. Der VfB erzielte zwei Tore nach Kontern und erzwang eine Notbremse von Mitrovic, der dafür einen Platzverweis kassierte. Das Spiel war damit gelaufen.

Ehrenrunde. Zu Gast: Gotoku Sakai als Achter


Formationen ab der 75. Minute
Zum Schluss noch ein paar allgemeine Auffälligkeiten. Anzumerken ist, dass der VfB trotz 44% Ballbesitz (in der ersten Hälfte gar nur 41%) auch bei eigenen Positionsangriffen gut strukturiert war. Im Mittelfeld spielte Gruezo im Wesentlichen ähnlich wie Romeu und balancierte ganz gut die Bewegungen von Leitner. Davor spielte Gentner als Zehner recht hoch und fiel nur situativ zurück. Ansonsten gab er, das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, häufig selbst die Tiefe und unterstützte damit seine Kollegen besser als in praktisch jedem Veh-Spiel. Mit den Flügelspielern und Harnik ergaben sich dann recht klare Mechanismen, über die ein Angreifer hinter die Viererkette gebracht werden sollte. Getragen wurden diese vom starken gruppentaktischen Gespür von Harnik und Sararer, während sich Werner auf Läufe in die Tiefe beschränkte.

In der 75. Minute gab es beim VfB noch einen interessanten Wechsel: Leitner musste angeschlagen raus, und wurde nicht etwa vom Mittelfeldspieler Maxim ersetzt, sondern von Sakai, der die Position auch eins zu eins übernahm. Der Japaner fügte sich sehr gut ein und zeigte auf der ungewohnten Position ein engagiertes und kluges Pass- und Bewegungsspiel, mit dem er noch einmal Dynamik reinbrachte. Damit bespielte der VfB die dezimierten Freiburger recht effektiv und musste dementsprechend nicht mehr zittern. Das 4:1 bereitete Sakai vor, und in der Nachspielzeit hätte er nach einem starken Lauf in die Tiefe sogar noch selbst eins schießen können.

Zusammenfassung


Huub Stevens brauchte nur ein paar Tage, um eine dramatische Schwäche in eine große Stärke zu verwandeln. An dieser Stelle sei noch mal erwähnt, dass hierbei nicht entscheidend war, einfach "auf Konter zu setzen". Das hat auch Veh schon probiert. Viel wichtiger war es, erstens die grundlegenden Mechanismen wieder zu finden, und zweitens, diese in eine sinnvolle Umgebung einzubetten. Wie wollen wir zu Ballgewinnen kommen? Was machen wir, wenn wir in Ballbesitz sind? Auf diese Fragen hat Stevens mit seiner mannorientierten Ausgestaltung des Pressings und den engeren Flügeln ganz hervorragende Antworten gefunden. Darüber hinaus konnte der VfB mit seinem "Lauerpressing" und den antizipativen Pressingspitzen die Unsicherheit der Freiburger Innenverteidiger ausnutzen. Und im nächsten Spiel wird es eben etwas anderes sein. Das zeichnet Stevens aus und hebt ihn von seinem Vorgänger ab.

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