Sonntag, 3. Mai 2015

31. Spieltag: FC Schalke 04 - VfB Stuttgart 3:2

Bedenklicher Rückschritt oder kann Huub Stevens "seinen" Schalkern einfach nicht wehtun? Ein durchaus formstarker Auftritt des VfB reicht nicht, um die Schwächen des mannorientierten Systems zu kaschieren.

Willkommen im Herbst 2014


Um gegen das breit angelegte 4-2-3-1 von di Matteos Schalkern zu bestehen setzte Stevens, ähnlich wie in der Partie gegen Wolfsburg, wieder auf ein sehr mannorientiertes, breites und von wenig horizontaler Unterstützung geprägtes Defenisvsystem.

Zunächst rückte der VfB daraus mutig ins Pressing auf und setzte Schalkes Aufbauspiel unmittelbar unter Druck. Die Gastgeber lösten sich daraus risikolos mit langen Bällen, was durchaus effektiv war. Oft konnten sie die Abpraller aufsammeln und sich anschließend auf die Seite lösen, um dort die Schwächen der Stuttgarter Ausrichtung offenzulegen. Aufgrund des nicht existenten Nachschiebens der Sechser nach außen hatte der VfB die gesamte Partie über große Probleme bei der Flügelverteidigung.

Nach Verlagerungen oder auch aus dem Aufbau heraus kam es häufig zu unangenehmen 2-gegen-2- und 1-gegen-1-Situationen auf dem Flügel, die gegen Farfán und Sané nicht allzu angenehm zu verteidigen waren. Die Außenverteidiger unterstützten ihre Vorderleute dann oft durch "Vorderlaufen", also indem sie innen am Flügelstürmer vorbeisprinteten. Dadurch waren sie für die ebenfalls mannorientiert ausgerichteten Flügelspieler des VfB schwierig aufzunehmen. Im Speziellen war Kostic sehr unaufmerksam gegen Höwedes, was aufgrund dessen zurückhaltender Positionierung aber nicht zu einem dauerhaften Gefahrenherd wurde.

Abgesehen von den Flügelangriffen verstand es Schalke auch im Mittelfeld gut, mit passenden Gegenmaßnahmen auf die Mannorientierungen zu reagieren. So rückte Aogo als Außenverteidiger gelegentlich diagonal ins Zentrum und öffnete damit den Flügel. Auch Goretzkas weites Aufrücken stiftete Verwirrung und öffnete die Halbräume ein wenig. Individuell am auffälligsten war allerdings Schalkes Zehner/zweite Spitze Choupo-Moting, der sich äußerst umtriebig präsentierte und ohne direkten Bewacher (Die übernahm ihn nur gelegentlich) ganz verschiedene Freiräume entdecken konnte.

Bei der Entstehung des 1:0 werden gleich zwei Probleme des VfB offensichtlich. Zunächst eröffnet Matip mit einem langen Ball auf Goretzka, der Gentner in die letzte Linie zieht und damit Raum für Choupo-Moting öffnet...

... Die Szene entwickelt sich Richtung Flügel, wo Sané und Aogo mannorientiert von Schwaab und Harnik verteidigt werden. Entscheidend ist jetzt, dass alle zentralen Mittelfeldspieler ebenfalls rigide Mannorientierungen eingegangen sind (gestrichelte Kreise). Besonders problematisch ist das bei Die, der sich in Richtung Choupo-Moting orientiert, anstatt ein komfortables 3-gegen-2 in Ballnähe herzustellen. Schwaab geht anschließend zu riskant in den Zweikampf mit Sané und wird ausgedribbelt. Ein bisschen Slapstick folgte und Huntelaar netzte zum 1:0 ein. Auch wenn man geneigt sein mag, so ein Tor "individuellen Fehlern" zuzuschreiben, so hatte es doch klar systematische Ursachen.

Die Starrheit und das fehlende Unterstützungsverhalten erinnerte unangenehm an die ersten Spiele unter Stevens, unter anderem eben das Hinspiel gegen Schalke. Die diesmal allerdings durchaus vorhandene Flexibilität in den Mannorientieungen selbst machte aber einen sehr wackeligen Eindruck und rief ohne vernünftige Absicherung eher Unklarheiten und Verunsicherung hervor. Es kam dadurch auch zu einer Reihe von total chaotischen Situationen, in denen Harnik plötzlich als Linksverteidiger endete oder Maxim von Goretzka in den eigenen Strafraum gedrängte wurde. Dazu passte, dass Serey Die eine ganz merkwürdige Rolle als viel zu tiefer Sechser ohne durchgängigen Mannfokus innehatte. Generell war der Ivorer defensiv nicht so stark wie sonst und übersah einige Male Gefährliches.

Stuttgarts Konter


Die gefährlichere Angriffsseite der Gelsenkirchener war die linke, weil hier einerseits wegen Goretzkas und Choupo-Motings rechtsseitiger Grundposition die Freiräume lagen und andererseits mehr gruppentaktische Aktivität seitens der Gastgeber herrschte. Wenn Schalke über rechts kommen wollte, schnürten sie sich oft selbst ein, weil die formative Ballung den VfB mannorientiert mit herüber zog. Besonders wenn dann Neustädter gelegentlich unterstützend dorthin schob und Maxim mitbrachte, kam Schalke unter Druck und öffnete noch dazu den Sechserraum. Durch genau den erkonterte sich der VfB früh das 1:1.

Da Schalke aufgrund ihrer unkompakten Offenisvstruktur und der allenfalls mittelmäßigen Intensität im Gegenpressing keinen rechten Zugriff erzeugen konnte, konnte der VfB recht problemlos umschalten. Besonders ab der 20. Minute kam der VfB damit besser ins Spiel, indem er sich zurückzog und die Schalker spielen ließ. Das einkesselnde Rückwärtspressing kam so wesentlich besser zum Tragen und Stuttgart konnte den Gegner so ein paar Mal in (häufig auch selbstverschuldeten) unangenehmen Flügelsituationen den Ball abnehmen. Die folgenden Gegenpressingansätze umspielten vor allem Klein und Niedermeier auf der (aus den erwähnten systemischen Gründen stabileren und damit zugriffsfähigeren) linken Seite überraschend gut.

Anschließend profitierten die Gäste von den inzwischen sehr gut eingespielten Mechanismen zwischen Maxim, Ginczek und Harnik. Kostic positionierte sich zudem ein wenig eingerückter als zuletzt und konnte von dort aus seine Abschlussstärke am langen Pfosten besser einbringen. Garniert wurde das ganze beispielsweise durch die Weltklasse-Weiterleitung von Ginczek beim 1:1, sodass am Ende 15 Schüsse auf das Stuttgarter Konto wanderten - so viele wie sonst selten.

Di Matteo holt sich den Sieg


So lief das Spiel lange recht ausgeglichen hin und her, mit Stuttgarts Kontern auf der einen und Schalkes vielfältigen Verlagerungsangriffen auf der anderen Seite. Spätestens nach dem Führungstor für die Gäste riss Schalke das Spiel aber langsam an sich. Der VfB rückte aus dem Abwehrpressing nicht mehr vernünftig auf und ließ sich hinten reindrängen. Geschenkte Offenisvpräsenz für den Gegner.

Mit der Einwechslung von Draxler und Meyer stellte di Matteo die Weichen dann auf Sieg. Ersterer kam für Farfan und rückte als neuer Linksaußen wesentlich weiter ein als Sané zuvor. Damit fiel er in den Verantwortungsbereich der Sechser, die aber zu starr gebunden waren, um ihn richtig aufzunehmen. Mit Meyers Beweglichkeit im Zehnerraum und der Umstellung auf 4-1-4-1 war der Pressingwiderstand des VfB dann endgültig gebrochen. Das bis dato starke Rückwärtspressing von Harnik wurde dramatisch schlechter und im ohnehin schwach gesicherten rechten defensiven Halbraum wurde der VfB schließlich von den beiden eingewechselten Schalkern auseinandergenommen.

Fazit


Es wäre müßig und sinnlos, jetzt die einzelnen Fehler, die zu den Toren führten, aufzudröseln. Das viel größere Problem ist: Der VfB hat offenbar ganz wenig Vertrauen in das eigene Pressing und verfällt in zweiten Halbzeiten immer wieder in übertrieben vorsichtige, tiefe Stellungen, die dem Gegner unnötig zu Offensivpräsenz kommen lassen. Das vermischte sich in dieser Partie mit einer ohnehin problematischen Ausrichtung von Stevens, die in der zweiten Halbzeit nicht zu Antworten auf Schalkes Wechsel imstande war. Trotz der vielen Gegentore in den letzten Spielen würde ich daraus jetzt aber keinen Negativtrend ableiten, denn dafür war die Vorbereitung auf das Spiel gegen Bremen beispielsweise zu gut. Dennoch weise ich darauf hin, dass der VfB einen schwächelnden Stevens in den letzten Spielen am allerwenigsten gebrauchen kann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen