Samstag, 27. Juni 2015

VfB Stuttgart Saisonrückblick 2014/15

Diese Rückschau stützt sich auf 35 Spielanalysen, die auf diesem Blog erschienen sind und lässt den Saisonverlauf aus taktischer Perspektive noch einmal zusammenfassend Revue passieren.

Die Ausgangslage


"Nie wieder so eine Zittersaison.", ist aktuell schon zum dritten Mal hintereinander der Tenor beim VfB Stuttgart. Vor der Saison hatte man schon zwei Mal im Abstiegskampf überleben müssen. Richtig brenzlig war es in der Vorsaison geworden, als man mit Thomas Schneider und radikalem Fokus auf die Jugend den "Stuttgarter Weg" erfolglos zu erzwingen versuchte. In der Rückrunde, die man ob des einigermaßen hirnrissigen Verkaufes von William Kvist ohne richtigen Sechser und teilweise mit der Chaosdoppelsechs Leitner-Gentner im Zentrum meinte bestreiten zu müssen, stürzte der VfB dann aufgrund von Problemen im Pressing, vor allem was die Sicherung der Raums vor der Abwehr angeht, bis auf Platz 15 ab.

Mit Huub Stevens hielt dann ein pragmatisches passives System mit vielen Mannorientierungen gegen den Ball Einzug und rettete den VfB, trotz mittelmäßiger Punktausbeute. Entscheidend dafür waren das solide, stimmige System, Stevens' Gegneranpassungen und der Einbau von Carlos Gruezo, sowie dem lange verletzten Daniel Didavi.

Nach der kurzen Rettungsmission stellte sich im Sommer 2014 erneut die Frage nach der gewünschten Gesamtkonzeption und der konkreten Spielweise der Profis. Als Antwort präsentierte der VfB Armin Veh als neuen Trainer und verpflichtete mit Oriol Romeu einen sensationellen Ballbesitzfußballer für die Sechs. Außerdem sollte der Abgang des wichtigen Flügeldribblers Traoré durch den individuell noch einmal durchschlagskräftigeren Filip Kostic aufgefangen werden. Die weiteren Einkäufe waren entweder wegen Verletzungen oder positionsbedingt (Außenverteidiger) erst einmal nicht ganz so prägend. Demgegenüber standen sportlich eher unbedeutende Abgänge - eine offenkundige Verstärkung des Kaders also, verbunden mit vielen Hoffnungen, aber es kam bekanntlich anders...

Saisonverlauf


Aus taktischer Sicht verlief die Spielzeit (nicht zuletzt aufgrund des Trainerwechsels) in relativ scharf voneinander abgrenzbaren Phasen, mit abrupten und häufig überraschenden Übergängen zwischen unterschiedlichen Ausrichtungen. Aus diesem Grund bietet es sich an, die Saison in gewisse Zeiträume aufzuteilen und sich diese jeweils genauer anzuschauen. Ich mache das folgendermaßen:

Sieht vielleicht erst mal willkürlich aus, aber der Blick auf Tore, Gegentore und Punkte zeigt schon mal merkbare Unterschiede in den Ergebnissen zwischen den gewählten Phasen. Das Schöne: Sie sind taktisch erklärbar. (Trainerwechsel nach dem 12. Spieltag)

Phase 1.1: Harmlos und Instabil


DFB-Pokal 1. Runde: VfL Bochum - VfB Stuttgart 2:0
1. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - VfB Stuttgart 1:1
2. Spieltag: VfB Stuttgart - 1. FC Köln 0:2
3. Spieltag: Bayern München - VfB Stuttgart 2:0
4. Spieltag: VfB Stuttgart - TSG 1899 Hoffenheim 0:2

Nach den ersten fünf Spielen (inklusive der Niederlage im DFB-Pokal) stand eine ernüchternde Bilanz von einem Punkt und nur einem einzigen gelungenen Tor zu Buche. Die spiegelt ganz passend die grundsätzlichen Offensivprobleme wieder, die in diesen ersten Spielen sehr offen zutage traten und Armin Veh den überwiegenden Teil seiner Amtszeit vermiesten.

Zumindest der Spielaufbau gehörte allerdings zunächst noch zu den erfreulicheren Erscheinungen. In der Aufbaureihe versammelte sich immenses Potential, das zu dieser Zeit immer mal wieder gut ausgeschöpft wurde. Die Aufbaumechanismen selbst waren eher wechselhaft ausgestaltet: Die Außenverteidiger spielten beispielsweise viel zu hoch und schoben nicht selten gleichzeitig in die letzte Linie. Dadurch fehlten wertvolle Rückpassoptionen für das Mittelfeld und vor allem die Breite im zweiten Drittel, was im Zusammenspiel häufig für eine unsaubere und bisweilen riskante Zirkulation sorgte.

Dennoch war das Aufbauspiel in seinen guten Phasen recht ansehnlich. Gegen Köln spielten beispielsweise Maxim und Didavi als Linksaußen bzw. Zehner sehr zurückfallend und wurden durch Romeus balancierendes Ausweichen nach rechts strukturell gut eingebunden. Dazu kam, dass Daniel Schwaab zu einer spielerischen Hochphase auflief und viele konstruktive Eröffnungen zwischen die Linien spielte. Mit Romeu auf der Sechs gab es außerdem einen sehr pressingresistenten Akteur, der den Ball auch ohne viel Unterstützung behaupten konnte. Dadurch wurde die vorherrschende Unkonstanz im Herstellen der Strukturen teilweise aufgefangen und es konnten recht konstant brauchbare flache Eröffnungen garantiert werden.

Im Gegensatz zu den Aufbauspielern fanden die Angreifer allerdings wesentlich weniger zueinander. Spieler mit eher gleichgültigem Bewegungsspiel wie Didavi und Gentner waren als zentrale Mittelfeldspieler für die Verbindung des kombinationsorientierten Offensivspiels zuständig, aber schafften es nicht, sich darauf einzustellen und diesen Aufgaben gerecht zu werden. Beide neigen dazu, sich sehr unkonstant in Strukturen einzugliedern und, zumindest im Falle von Didavi, eher individualistisch zu denken, was beide zu wenig ablegen konnten. Mehr oder weniger betraf dieses Problem auch die Flügelspieler und Außenverteidiger.

Konkret äußerte sich das beispielsweise darin, dass bei Vorrücken über die Seite viele Spieler in den Strafraum rückten, vergleichsweise viele direkt am Flügel waren, aber niemand dazwischen stand, um die beiden Ballungsgebiete zu verbinden. Gegen den nachschiebenden Gegner mussten dann häufig Angriffe abgebrochen oder mit ineffektive Flanken unter Bedrängnis und mit statischer Strafraumbesetzung abgeschlossen werden. Aus den selben Gründen und wegen des angesprochenen Problems der zu hohen Außenverteidiger stand der VfB häufig mit vielen Spielern ohne Tiefenstaffelung an der letzten Linie des Gegners, was keine sinnvollen Angriffsmöglichkeiten eröffnete und konteranfällig war.

Symptomatische Szene: Große Konterräume, weil viel zu hohe Außenverteidiger. Offensive außer Maxim wenig strukturbewusst (in dieser Szene konkret Didavi, der sich nicht anbietet). Die Folge: Zwar viele Leute vorne, können aber nicht richtig einbezogen werden und fehlen nachher hinten.

Selbst wenn die Strukturen dann mal passten, entwickelte der VfB sehr wenig Zielstrebigkeit und war in den Folgeaktionen zu sehr auf den (weit vom Tor entfernten) Flügel, als auf das (tatsächlich oft freie) Zentrum konzentriert. Unterstützende Läufe waren meist nicht gut abgestimmt oder wenig vorausschauend und mussten dann wegen der Verzögerung umständlich bedient werden. Dementsprechend konnte sich keine Durchschlagskraft entwickeln und der VfB blieb meistens torlos, während die hohe Offensivstaffelung zu Kontern für den Gegner führte. Lösungen mussten her.

Phase 1.2: Vehs Kreativmomente


5. Spieltag: Borussia Dortmund - VfB Stuttgart 2:2
6. Spieltag: VfB Stuttgart - Hannover 96 1:0
7. Spieltag: Hertha BSC - VfB Stuttgart 3:2
8. Spieltag: VfB Stuttgart - Bayer Leverkusen 3:3
9. Spieltag: Eintracht Frankfurt - VfB Stuttgart 4:5

Es waren keine besonders stabilen oder detailliert durchdachten Ideen, die Veh ab dem Dortmundspiel einbrachte, aber sehr ungewöhnliche und teilweise spektakuläre. Vor allem aber war er damit ganz schön erfolgreich: Allein in diesen fünf Spielen schoss der VfB 11 Tore und holte 8 Punkte. In den übrigen sieben Veh-Partien waren es gerade mal 1 Tor und 1 Punkt.

Genau genommen fällt auch das Spiel gegen Hoffenheim noch in diese Phase, da Veh hier mit einer Raute einen neuen Impuls setzen wollte. Allerdings traten gegen die betont passiven Kraichgauer immer noch sehr klar die Probleme der Vorwochen zutage. Am 5. Spieltag überraschte Veh gegen den BVB dann mit einer unorthodoxen 4-3-2-1-Formation, die überraschend gut an die Schwächen der Dortmunder angepasst und etwas asymmetrisch angelegt war, sodass sich der BVB immer wieder im kompakteren Teil des Defensivblocks festspielte. Positiv war neben der (allerdings nur zeitweise) ordentlichen Stabilität außerdem die Aufwertung des Konterspiels durch mittelhohe Ballgewinne und die zwei eng beieinander stehenden Zehner, was mit einem Punkt im Signal-Iduna-Park belohnt wurde.

Gegen die passiver auftretenden Hannoveraner wurde diese Systematik in den Grundzügen beibehalten, aber deutlich 4-2-3-1-hafter ausgelegt. Dabei war vor allem prägend, dass die „Flügelspieler“ Gentner-Didavi, der Achter/Zehner Leitner sowie Werner als Sturmspitze sehr fluid spielten und extreme Ballungen in Ballnähe erzeugten. Das ganze war so chaotisch und verrückt, dass es offensiv kein bisschen funktionierte, aber das System hatte immerhin zur Folge, dass der VfB nach Ballverlusten sehr viele Spieler zum Gegenpressing parat hatte und so die allermeisten Konter von 96 abwürgen konnte. So kam es mit etwas Glück am Ende zu einem knappen 1:0-Stabilitätssieg.

Die nächsten Partien reflektierten wiederum das gesamte Spektrum von sehr guten und furchtbar schlechten Ausrichtungen. In Berlin verwechselte sich Veh empfindlich und verwarf die zunächst aufgebotene Mischformation zugunsten eines mies verbundenen 4-2-3-1, das die Hertha letztlich zerkonterte. Gegen Leverkusen war es witzigerweise umgekehrt und der wieder im 4-3-2-1 angetretene VfB holte erst mit einer Umstellung von Veh (und etwas Glück) noch einen Punkt. In Frankfurt wiederum dominierte der VfB zunächst mit extremem 4-4-2-Angriffspressing, wurde aber von einer simplen Umstelung von Schaaf in der Pause auseinandergenommen und gewann das Spiel nur durch viel Glück noch.

Die Betrachtung der fünf Spiele zeigt: Vehs Experimentierfreude zahlte sich aus, und konnte trotz der nicht absolut detaillierten Ausarbeitung der Systeme die eine oder andere Mannschaft überraschen. Das vorübergehend zurückgekehrte Glück veredelte diesen Saisonabschnitt zu einem der Erfolgreichsten.

Phase 1.3: Rückschritt


10. Spieltag: VfB Stuttgart - VfL Wolfsburg 0:4
11. Spieltag: Werder Bremen - VfB Stuttgart 2:0
12. Spieltag: VfB Stuttgart - FC Augsburg 0:1

Leider stellte sich dieser eher als ein wenig nachhaltiges Strohfeuer heraus und wurde bald wieder von den alten Problemen abgelöst. Gegen den VfL Wolfsburg brachte Veh, wie schon vorher gegen Frankfurt ein 4-2-3-1 auf den Platz. Dabei zahlte sich zunächst die Hereinnahme von Sararer aus, der auf der rechten Seite mit Gentner, Maxim und Harnik sehr gute Synergien aufbaute, die wegen des gedulidigen Ballbesitzspiels sehr fokussiert eingesetzt werden konnten. Allerdings war das System wieder einmal nicht zu Ende gedacht: Der linke Halbraum war nicht richtig besetzt und Filip Kostic ruinierte den Abschluss einiger schöner Szenen durch sein unbeteiligtes Bewegungsspiel. So wurde der VfB trotz einer Reihe von gut herausgespielten Szenen von Wolfsburgs gnadenloser Effektivität deutlich geschlagen.

Am Folgespieltag ließ Bremens Trainer Skripnik Romeu und Schwaab manndecken und brachte auf diese Weise das Aufbauspiel des VfB komplett zum Erliegen. Tief links eingeschlossen und weit weg von den potentiellen Synergien der rechten Seite dominierten beim VfB furchtbare Staffelungen und gruseliges Flankenspiel. In Vehs letztem Spiel gegen Augsburg stellte er um auf ein tieferes Mittelfeldpressing, brachte einige neue Spieler und verordnete dem VfB Konterspiel. Ganz im Stile des lange andauernden Mangels an Zielstrebigkeit und Druck in den Offensivaktionen scheiterte dieses Vorhaben allerdings komplett. Die Balleroberungen waren da, vernünftige Konter nicht. Vehs letzte Patrone war verbraucht.

Wegen der erneut aufbrandenden Negativserie zog er dementsprechend einen Schlussstrich unter seine zweite Amtszeit beim VfB und der Verein tat das selbe unter das Vorhaben Ballbesitzfußball. Der schon im Vorfeld zum Scheitern verurteilte Versuch, eine ungefestigte Mannschaft ohne einen gewissen Grundstock an funktionierenden Mechanismen von einem wenig akribischen „Verwalter“ aufbauen zu lassen war zu Ende. Armin Veh überzeugte zwar teilweise mit seiner lobenswerten und zum Kader passenden Spielidee, seinen kreativen Ideen und grundsätzlich nicht undurchdachter Zusammenstellung seiner Elf, war aber letztlich nicht der richtige Mann, um den VfB nach den vielen unruhigen Vorsaisons taktisch zu festigen. Der VfB hatte quasi von einem Java-Entwickler verlangt, Assembler-Code zu schreiben.

Phase 2.1: Passivität, Mannorientierungen, Konter


13. Spieltag: SC Freiburg - VfB Stuttgart 1:4
14. Spieltag: VfB Stuttgart - FC Schalke 04 0:4
15. Spieltag: 1. FSV Mainz 05 - VfB Stuttgart 1:1
16. Spieltag: Hamburger SV - VfB Stuttgart 0:1
17. Spieltag: VfB Stuttgart - SC Paderborn 0:0
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18. Spieltag: VfB Stuttgart - Borussia Mönchengladbach 0:1
19. Spieltag: 1. FC Köln - VfB Stuttgart 0:0
20. Spieltag: VfB Stuttgart - Bayern München 0:2
21. Spieltag: TSG 1899 Hoffenheim - VfB Stuttgart 2:1
22. Spieltag: VfB Stuttgart - Borussia Dortmund 2:3

Als Konsequenz der kurzfristig aussichtslosen Krise trat Armin Veh bekanntlich zurück und überließ Huub Stevens das Feld für dessen zweiten Rettungseinsatz. Einzug hielten in der Folge die aus dem Frühjahr 2014 gewohnten Mannorientierungen, eine passive Grundhaltung und ein Konterfokus. Gleich in seinem ersten Spiel gegen Freiburg sah man, dass er zumindest eines der gröbsten Probleme zügig beseitigen und dem VfB ein brauchbares Umschaltspiel zurückgeben konnte, das gegen die ambitioniert aufbauenden Breisgauer auch gleich voll zur Geltung kam. Der eine Woche zuvor noch extrem unfokussierte und phlegmatische Gentner war bei gleichbleibender Position wie ausgewechselt.

Trotzdem plagten den VfB zu dieser Zeit Defensivprobleme im Zusammenhang mit den Mannorientierungen, weil diese zu starr gespielt wurden, während gleichzeitig kein zusammenhängendes und ausgewogenes Pressing in der ersten Linie bestand. Dadurch konnten vor allem Schalke, aber auch Freiburg ohne viel Aufwand zu Freiheiten im Aufbauspiel kommen und wiederum das fehlende Unterstützungsverhalten in den Reihen dahinter ausnutzen. In der Folgewoche mündete das, auch wegen unpassender Formationswahl von Stevens, in einer klaren Niederlage gegen Schalke.

Daraufhin wurde das bis dato verwendete, von der Besetzung her recht handelsübliche 4-2-3-1 eingepackt und an dessen Stelle trat ein 4-1-3-2-artiges Gebilde mit eigentlichen Außenverteidigern – Klein und Hlousek – auf den offensiven Außenbahnen und Gentner als Achter/Zehner versetzt vor Romeu. Das ganze war vor allem auf den Außenbahnen flexibler, insofern dass die Außenstürmer sich nicht konstant von den gegnerischen Außenverteidigern nach hinten ziehen ließen, sondern sich zum Beispiel auch mal im Halbraum um Kombinationsansätze des Gegners zusammenziehen konnten. Darüber hinaus unterstützten sie gelegentlich die Arbeit der Pressingspitzen, die wiederum intensiver und abgestimmter horizontal verschoben – gegen Hamburg spielte außerdem das pressingstarke Duo Maxim und Harnik – und so die Aufbauspieler besser unter Druck setzten. Daraus resultierten 4 Punkte gegen Mainz und den HSV bei nur einem Gegentor, während das folgende 0:0 gegen Paderborn wieder mehr nach einen Rückschritt aussah und die Ansätze von mehr Kompaktheit und Flexibilität nicht so richtig bestätigte.

Nach der Winterpause wurde auch das 4-1-3-2 wieder eingepackt. Stattdessen lief der VfB nun in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-1-4-1 auf, allerdings immer noch häufig mit einem oder zwei Außenverteidigern auf den offensiven Flügeln. Wirklich gut funktionierte das nicht, da der VfB einerseits wegen der eher limitierten und nicht allzu kreativen Besetzung des offensiven Mittelfelds wenig Durchschlagskraft entwickelte und andererseits durch inkonsequentes Zugriffsverhalten nicht genügend Konterchancen bekam, um ebendas zu kaschieren. Zwischenzeitlich war diese Problematik so dramatisch, dass der VfB vier Spiele lang ohne eigenes Tor blieb und daher trotz guter Defensivleistungen wie zum Beispiel gegen Bayern und Köln wenig Punkte holte. Stevens geriet in der Folge öffentlich unter Druck und schwenkte letztendlich doch um und gestaltete das Spiel seiner Mannschaft offensiver.

Phase 2.2: Kesselpressing und Durchschlagskraft


23. Spieltag: Hannover 96 - VfB Stuttgart 1:1
24. Spieltag: VfB Stuttgart - Hertha BSC 0:0
25. Spieltag: Bayer Leverkusen - VfB Stuttgart 4:0
26. Spieltag: VfB Stuttgart - Eintracht Frankfurt 3:1
27. Spieltag: VfL Wolfsburg - VfB Stuttgart 3:1
28. Spieltag: VfB Stuttgart - Werder Bremen 3:2
29. Spieltag: FC Augsburg - VfB Stuttgart 2:1
30. Spieltag: VfB Stuttgart - SC Freiburg 2:2
31. Spieltag: FC Schalke 04 - VfB Stuttgart 3:2
32. Spieltag: VfB Stuttgart - 1. FSV Mainz 05 2:0
33. Spieltag: VfB Stuttgart - Hamburger SV 2:1
34. Spieltag: SC Paderborn - VfB Stuttgart 1:2

Eng verbunden mit dem Umschwung, der ab dem 23. Spieltag einsetzte ist der Einbau des Winterneuzugangs Serey Die. Nachdem Stevens den Ivorer gegen Dortmund noch als Teil einer gleichberechtigten Doppelsechs mit Gruezo einsetzte (klappte nicht besonders gut), kehrte er danach wieder zum „alten“ 4-2-3-1/4-1-4-1 zurück, diesmal allerdings mit deutlich offensiverer Besetzung, also einem Zehner statt einem zweiten Achter und „echten“ Flügelspielern. Gleichzeitig wurde das Pressing wesentlich höher gespielt und hatte in einigen Spielen nicht mehr viel mit dem zuvor genutzten passiv-mannorientierten Ansatz zu tun.

Stevens wollte auf diese Weise vermutlich Ballgewinne erzielen. Dazu verordnete er (hauptsächlich) dem Mittelstürmer isolierende Läufe nach außen und den Sechsern außerordentlich weite horzontale Herausrückbewegungen. Gemeinsam mit dem zustellenden oder manchmal auch zugreifenden Nachschieben der umliegenden Spieler erzwang der Sechser Ballgewinne auf der Seite. Natürlich verbunden mit dem Risiko, dass der Gegner in die dabei entstehende Lücke im Sechserraum hineinfindet. Viele Mannschaften taten sich dabei allerdings schwer, was dem VfB wiederum in die Karten spielte.

Die erfolgreiche Endspurt-Elf
Möglich machte diese Spielweise vor allem Serey Die mit seiner enormen Beweglichkeit und dem damit verbundenen monströsen Deckungsschatten. Auf der anderen Seite litt die Ballsicherheit im Spielaufbau ohne den zuverlässigeren Romeu und es kam so das eine oder andere Mal zu tiefen Ballverlusten, die auch zu Gegentoren führten. Das Ballbesitzspiel blieb ohnehin ziemlich schwach und wurde gegenüber der Veh-Ära kaum verbessert. Die Spiele gegen Hertha und auch gegen Frankfurt sind gute Beispiele dafür.

Erst als mit der Zeit Filip Kostic als Linksaußen eingebaut wurde, fand der VfB endlich ein verlässliches Gesamtsystem. Der Serbe musste im riskanten Pressing nur einfache Defensivaufgaben übernehmen und konnte wegen des massiven Zustellens ballfern höher bleiben und auf den Ballgewinn spekulieren. Anschließend dribbelte er linear zur Grundlinie und flankte in den von Ginczek, Harnik, Gentner und Didavi klug und massiv besetzten Strafraum, während der Gegner sich in unangenehmen Rückzugsbewegungen befand. Abgesichert wurde das von den diagonal einschiebenden Außenverteidigern und dem weiträumig herausrückenden Die. Die hohe Abschlussfrequenz bei gleichzeitig hoher Erfolgsquote von Kostics Dribblings, dessen Flankengenauigkeit und der guten Straf- und Rückraumbesetzung machte diese konsequent durchgezogene Vorgehensweise recht effektiv. Dazu kamen gute Anpassungen von Stevens (z.B. gegen Bremen), die hier und da für besonders viele Ballgewinne sorgten, sowie teilweise dankbare Ausrichtungen von gegnerischen Mannschaften (z.B. Mainz). In den machbaren letzten drei Spielen holte der VfB so neun Punkte und erreichte mit letzter Kraft noch das rettende Ufer.

Quo vadis VfB?


Die Erleichterung über den Klassenerhalt wich im Rahmen der Analyse-Pressekonferenz sogleich dem Blick in die Zukunft. Mit der Ankündigung eines umfassenden sportlichen Konzeptes im Zusammenhang mit der Verpflichtung von Alexander Zorniger scheinen diesen Sommer die entscheidenden Fragen früh und eindeutig geklärt zu sein. Welchen fachlichen Unterbau das ganze hat und wie der VfB den angedachten Pressingfußball konkret und mit welchen eigenen Ideen füllen will, wird man dann sehen. Näheres dann in der vielleicht irgendwann erscheinenden Vorschau auf die hoffentlich nicht ganz so ätzend und nervenaufreibend werdenden Saison 2015/16.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diese ausführliche Analyse! Die Staffelung in verschiedene Saisonphasen war sehr hilfreich und hat dem Text eine schöne Struktur verliehen. Außerdem gefällt mir Dein Stil sehr gut. Weiter so!

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