Donnerstag, 5. November 2015

Der Ballbesitzunfall gegen Darmstadt

Es ist schon ein bisschen kurios - klammert man das Spiel gegen Leverkusen aus, ist beim VfB nicht mehr viel von furiosem Offensivfußball zu sehen. Und dennoch robben sich die Stuttgarter langsam aus dem Tabellenkeller. Es scheint, als sei das Glück fürs Erste zurückgekehrt, denn das gegen Darmstadt, Jena, Ingolstadt und  Hoffenheim geforderte Ballbesitzspiel erwies sich bislang immer noch als Sorgenkind. Anhand der jüngsten Partie gegen Darmstadt versuche ich zu zeigen, woran das meiner Meinung nach liegt.

Frische Elemente


Gegen den Aufsteiger ergaben sich durch die Rückkehr von Die und Gentner neue Optionen für die Ausgestaltung des Mittelfelds. Alexander Zorniger entschied sich dafür, die Beiden als Achter in seine neue Rautenformation einzubauen und ließ Daniel Schwaab weiter auf der Sechs spielen.

Der VfB in der Offensive

In der ersten Hälfte hatte der VfB mit 61% Ballbesitz gegen die tief stehenden und nur selten mal höher pressenden Darmstädter zahlreiche Möglichkeiten zum ruhigen Spielaufbau. Meistens kippte einer der Achter hinter den jeweils sehr hohen Außenverteidiger heraus und forderte den Ball. Da Darmstadts Außen - vor allem Konstantin Rausch - die gegnerischen Außenverteidiger mannorientiert verfolgten und mit in die Abwehrkette zurückfielen, hatte gerade Serey Die viel Raum, um das Spiel von dort weiterzuentwickeln. Auch von Didavi und später Maxim gab es zahlreiche zurückfallende Bewegungen zu sehen.

Währenddessen konnte Schwaab als Sechser deutlich mehr überzeugen als beispielsweise gegen Leverkusen. Mit leichtem Ausweichen oder Aufrücken hielt er einige Male die Balance im bewegungsreichen VfB-Mittelfeld und spielte insgesamt recht aufmerksam. Meistens fiel er jedoch zwischen die Innenverteidiger zurück und ermöglichte Baumgartl aus einer sehr breiten Position nahe der Seitenlinie aufzubauen.

Davor zeigte sich Werner als linke Sturmspitze sehr beweglich und driftete in verschiedene Räume, während Gentner viel in die letzte Linie ging und, für ihn typisch, mal überraschend einfach irgendwo auftauchte. Harnik dagegen war der höchste aller Offensivspieler und lieferte abgesehen von gelegentlichem Ausweichen nur Läufe in die Spitze.

Was gegen die mannorientiert spielenden Gäste eigentlich nach einer ordentlichen Ausgangssituation mit vielen möglichen Mechanismen klingt und auch teilweise für ordentliches Aufrücken sorgte, brachte so gut wie nichts direkt Effektives ein - kein einziger Schuss aufs Tor stand nach 45 Minuten auf der Habenseite. Das hatte verschiedene, aber auch miteinander verwandte Ursachen.

Alte und neue Schwächen im Ballbesitzspiel


Ein großes Problem, das auch eng mit der grundsätzlichen Spielidee verknüpft ist, ist, dass sich die Offensivspieler des VfB zu früh auf ein einziges, simples Angriffsmuster festlegen, welches dann unbeirrt durchgezogen wird - unabhängig davon, was eigentlich der Gegner so macht und wo er Räume lässt. Dirk Schuster machte sich das voll und ganz zu Nutze, indem er seine Sechser extrem weit auf die Seiten verschieben ließ und damit absichtlich ballfern das Zentrum offen ließ - bespielt der VfB ja eh nicht. Ein Beispiel:

Symptomatische Szene. Gentner dribbelt aus der Tiefe an und hat keine Anspielstationen, weil die Mitspieler alle auf die ballnahe Seite ziehen. Auf diese Weise wird das Spiel unnötig zum Flügel getrieben, Gondorf kann weit nachschieben und es entsteht toter Raum, der dem Gegner nicht wehtut.

Noch eindrücklicher ist das, was Sekunden später passiert: Nach Gentners Pass auf Insua orientiert sich der Kapitän nach vorne, während Maxim kurz kommt und Gondorf noch weiter aus seiner Position zieht. Darmstadt steht jetzt in einer völlig verzerrten Formation ohne Mittelfeld da, aber der VfB weiß nichts damit anzufangen. Für die meisten Spieler ist der Angriff nach dem ersten Durchbruchsversuch beendet und es gibt keine Bemühungen noch für Struktur, Verbindung und Verlagerungsmöglichkeiten zu sorgen. Nach Insuas Rückpass schiebt Wagner gut nach und er kann Maxims gute Folgebewegung in den freien Raum abdecken.

Ganz allgemein stehen die Läufe der Offensivspieler oft in keinem wirksamen Zusammenhang zueinander. Ich habe vorhin die vielen zurückfallenden Bewegungen erwähnt - die erfolgten allerdings hauptsächlich aus der gegnerischen Formation heraus. So kam es manchmal dazu, dass bis zu drei Spieler gleichzeitig ab- und herausgekippt dastanden, was natürlich keine sinnvolle Aufbauformation ist. Das Zurückfallen etwa von Didavi müsste öfter mal innerhalb des gegnerischen Blocks enden und dort einen Verbindungsanker für das Spiel nach vorne bilden. Auch die durchaus vielfältigen Läufe von Harnik und Werner sind eigentlich nicht schlecht, aber ihrer Stürmernatur entsprechend besetzen sie tiefere Zonen eher temporär und unverbindlich ohne daraus eine belastbare Struktur zu entwickeln. Daher fallen diese Bewegungen häufig etwas zusammenhangslos unter den Tisch. Das paradoxe Resultat: Es ist zwar viel los im Mittelfeld des VfB und es laufen viele Leute durch die Gegend, aber es bleibt alles sehr diffus und wenig konkret. Die vielen Mittelfeldspieler und beweglichen Spitzen interagierten mit überschaubarer Komplexität und wenig Erfolg.

Das Ganze könnte man auch als Symptom einer eher individualistisch und simpel als kollektiv und vielfältig orientierten Denkweise werten. Zurückfallen heißt eher: »Ich entziehe mich jetzt dem Gegner, hole mir den Ball und spiele ihn dann nach vorne«, anstatt dass ein wirklich strukturbildender Gedanke dahintersteckt. Ähnliches könnte man bei Läufen in die Tiefe interpretieren, die beim VfB häufig nur als Aufforderung zum Steilpass oder langen Ball gedeutet werden. Selten steckt in der gesamten Aktion eine Idee, die konkret und sauber die Einbindung mehrerer Mitspieler vorsieht, beispielsweise, indem ein Lauf in die Tiefe nur den Verteidiger binden und Raum für den Zehner öffnen soll. Dazu ein Beispiel:

Wieder Aufrücken über den herausgekippten Achter. In dieser Szene macht Werner auch einen sehr guten Lauf, bei dem er erst Niemeyer wegzieht und dann selbst mit gutem Timing in den offenen Raum vor Harnik reinstartet. Allerdings geht der Österreicher hier unsinnig in die Tiefe, anstatt sich kurz für eine Ablage in den Raum abzusetzen. Dies Pass kann von Junior Diaz locker abgefangen werden. Verlagerung in den ballferner Halbraum ist übrigens wieder keine Option beim VfB. Lieber irgendwie am Flügel durchmurmeln.

Nicht zuletzt spielt auch Hektik in individuellen Entscheidungen eine Rolle. Unruhe und fehlendes strategisches Bewusstsein kann verhindern, dass sich die richtigen Konstellationen herausbilden und man sich passende Situationen zum Eröffnen aussuchen kann. Frühe lange Bälle und ein ansonsten recht monotoner, vorhersehbarer Aufbaurhythmus sind die Folge davon. Wie die letzte Szene direkt aus dem Kuriositätenkabinett zeigt, kann sogar das Gegenteil vorkommen...

Serey Die mit der eigenwilligen Entscheidung, abzudrehen
(und dabei den Ball zu verlieren), anstatt die Gleichzahl im
Zentrum zu bedienen.

Nun ist es im Spiel des VfB auch einfach (noch?) nicht vorgesehen, dass es eine längere Ballzirkulation und flache Aufbauangriffe gibt. Es ist Teil des Plans über andauernde Intensität, Individualität und eine hohe Angriffsfrequenz ins Spiel zu kommen. Ausgehend von dieser Grundhaltung müsste der VfB schon verdammt wandlungsfähig sein, um plötzlich ein besonnenes, kollektives Ballbesitzspiel aufzuziehen und sich auf einmal für das Finden offener Räume anstelle der sofortigen Abschlussmöglichkeit zu interessieren.

In diesem unförmigen Zustand zwischen vertikaler, individualistischer Spielanlage und durch verletzungsbedingte Besetzung und tief stehende Gegner erzwungene kollektivere Ausrichtung mit Ballbesitzansätzen befindet sich der VfB momentan. Entsprechend wenig war zuletzt gegen Jena und Darmstadt von der Stuttgarter Offensivpower zu sehen. Wenn das Pech nicht noch einmal zurückkehrt und man bis zum Winter genug Punkte sammeln kann, dann hätte man in der Vorbereitung auf die Rückrunde ja vielleicht mal die Möglichkeit, gewisse Baustellen anzugehen...


P.S. Darmstadt war defensiv nicht schlecht. Das konsequente Verschieben der Sechser kaschierte die tiefen Außen ziemlich gut, die wiederum Flügeldurchbrüche erschwerten. Auch das Pressingverhalten der beiden Spitzen, insbesondere das des genialen Jan Rosenthal war sehr löblich. Immer wieder nahm er die vielen freien Quadratmeter hinter den nachrückenden Sechsern in seinen Deckungsschatten und blockierte etwaige Stuttgarter Verlagerungen.

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