Mittwoch, 3. Februar 2016

Kramnys Erfolgsrezept

Seit fünf Spielen ungeschlagen, zuletzt drei Siege in Folge und bereits sieben Punkte Vorsprung auf Platz 17 - der VfB scheint sein Trainerglück gefunden zu haben. Oder? Ein kurzer Blick auf Jürgen Kramny, seine Maßnahmen und seinen Erfolg.

1. Kramny nutzt die Schwächen der Liga


Mit der Wahl seines Defensivsystems setzt sich der Stuttgarter Coach von vielen anderen Bundesligatrainern ab. Das auffälligste Merkmal in diese Richtung sind die Abstände innerhalb des Defensivverbunds. Zwar gebraucht auch er häufig das Wort "kompakt", allerdings legt Kramny diesen Begriff etwas anders aus als viele seiner Kollegen. Die Abstände in der Horizontalen sind beim VfB ungewöhnlich groß und die Pressinglinien damit an sich alles andere als kompakt oder eng. Die resultierenden Räume zwischen den einzelnen Spielern werden nicht selten aus den anderen Ketten heraus geschlossen - Beispiele dafür sind etwa Niedermeiers Herausrücken in den von Gentner besonders häufig freigelassenen linken Sechserraum oder auch das aggressive Rückwärtspressing von Didavi.

Diese Grundausrichtung wird gefüllt mit vielen Mannorientierungen. Besonders die Flügelspieler bleiben eng an den gegnerischen Außenverteidigern und verfolgen deren Vorstöße bei Bedarf sehr weit. Auch die Sechser orientieren sich lose an ihren Gegenspielern, behalten jedoch eine klare Bindung zu ihrer Grundposition.

Für die Gegner des VfB stellt das Ganze keine alltägliche Herausforderung dar: Die Teams sind gewohnt, dass sie zurückgezogene Gegner in einem engen, intensiv verschiebenden Block vorfinden, um den sie auf der Suche nach Lücken ein bisschen außenrum spielen dürfen. Insbesondere sind sie gewohnt, dass die Flügel tendenziell offen und das Zentrum eng besetzt ist. Beim VfB ist das alles genau umgekehrt: Die Formation steht in einem passiven, gestreckten Mittelfeldpressing da und lässt sich phasenweise weit zurückdrängen. Dank der breiten Staffelung und den weit zurückfallenden Außernspielern, sind die Flügel außerordentlich gut gesichert. Die offenen Räume liegen stattdessen eher im Zentrum (mehr noch: Sie liegen oft nicht mal zwischen den Linien, sondern innerhalb der Linien selbst.). Die bisherigen Gegner hatten große Probleme, sich daran anzupassen und versuchten immer wieder, ihre Abläufe auf den Seiten abzuspulen, bei denen sie dann meistens hängen blieben. Olkowskis absurd wirkender Fehlpass, der im Spiel gegen Köln zum Ausgleich für den VfB führte, ist das Musterbeispiel schlechthin für diesen psychologisch unangenehmen Effekt.

Ein effektiver Kniff ist außerdem, dass der VfB den ganzen Raum, den er im Zentrum anbietet quasi auf zwei Bereiche verteilt: Halblinks und halbrechts, getrennt durch Serey Die. Das macht es nicht einfach, beide Teilzonen in einem Angriff gleichzeitig zu nutzen, denn an Serey Die kommst du nicht vorbei.

So waren es meist nur einzelne Spieler, die sich dort in den richtigen Räumen positionierten und individuell oder mit Kombinationsanstößen in Erscheinung traten: Maxi Arnold und Yuya Osako zeigten, wie man durch kluge Positionierungen und viel Spielgefühl die Lücken im VfB-Verbund aufdecken kann. Wirklich organisierte, clevere Angriffe durch die Räume bekam aber noch niemand auf den Rasen - außer Borussia Dortmund, die Mannschaft, die Kramny seine bislang einzige Niederlage als Cheftrainer zufügte.

2. Disziplin und Konsequenz


Ein weiterer Grund, warum die Defensive trotz ihrer Lückenhaftigkeit funktioniert, liegt in der konsequenten Ausführung des Systems, welches trotz Winterpause noch kaum Weiterentwicklungen erlebt hat. Zwar präsentierte der VfB durchaus Ansätze, wie zum Beispiel ein sehr hohes, zustellendes Angriffspressing oder neue Bewegungsmuster im Mittelfeld, aber nichts davon wurde bisher in den Ligaalltag übernommen. Kramny wirkt in dieser Hinsicht recht konservativ und risikoscheu. Er verzichtet weitgehend darauf, Neuerungen auf den Platz zu bringen, solange sie noch nicht optimal funktionieren.

Stattdessen sind schnelles Zurückziehen in die Formation und disziplinierte Defensivarbeit aller Spieler auf dem Platz weiterhin Kernmerkmale des neuen VfB-Fußballs. Besonders die Pressingarbeit von Werner und Didavi ist sehr wichtig, um den gegnerischen Sechserraum zu schließen und die direkten Zugangswege in die Offensivräume zu blockieren. Für diese Zentrumsorientierung der Spitzen nimmt Kramny billigend in Kauf, dass auch mal ein Innenverteidiger oder herausgekippter Sechser ungestört an den beiden vorbeilaufen und über die Seite aufbauen kann. Darüber hinaus halten die Stürmer engen Kontakt zum Mittelfeld und können dort immer wieder Lücken stopfen und nach Rückpässen Druck ausüben. Damit stören sie den Rhythmus des Gegners, verursachen Hektik und beschützen so indirekt die offenen Zonen. Vielleicht ist Kramny dieser konsequente Sinn für Defensivarbeit noch zu wertvoll, um ihn gegen eine aktivere und vielleicht auch riskantere Pressing-Mentalität auszutauschen

3. Konter und individuelle Klasse


Nicht zuletzt profitiert der VfB auch von seinen im Vergleich zu vielen Abstiegskampf- und Mittelfeldmannschaften überlegenen Einzelspielern. Inzwischen haben sich zwischen diesen außerdem ein paar gute Mechanismen auf der rechten Seite gefunden. Dort herrscht mit Rupp und Großkreutz, unterstützt durch Didavi, Gentner und Werner viel Dynamik und Kombinationsstärke, was sowohl im Konter, als auch in ruhigeren Situationen bereits für hochwertiges und zielgerichtetes Zusammenspiel gesorgt hat. Im Zentrum gibt es mit Die und dem bei langen Bällen oft tief zurückfallenden Rupp zwei pressingresistente, dynamische Spielauslöser, die sich gerade nach Ballgewinnen hervorragend von gegnerischem Druck befreien und Konter einleiten können. Die linke Seite wiederum wird von Kostics simplen aber effektiven Läufen und Flanken dominiert. Bisweilen gibt es auch hier durch Insuas flexibles Aufrücken und gelegentliche Rochaden aus dem Mittelfeld schematische Mechanismen. Abgesehen davon sind in der aktuellen Stammformation fast alle sechs Mittelfeld- und Offensivspieler sehr gute Dribbler, die sich auch ohne Unterstützung in unterschiedlichen Situationen durchsetzen können. Ergo: Es ist völlig egal, wo und an wen du den Ball verlierst, der VfB weiß bestimmt was damit anzufangen.

In gewisser Weise zehrt der VfB auch ein bisschen vom Vermächtnis der Zorniger-Amtszeit. Die Intensität und Aggressivität ist gegen den Ball zwar weitgehend verschwunden, aber im Umschaltmoment ist beides immer noch voll da.

Wie geht's weiter?


Die Frage, ob Kramny in der Lage ist, den VfB über den aktuellen Stand hinaus zu entwickeln, ist eine, die vielleicht schon in der Rückrunde, möglicherweise aber auch erst kommenden Sommer akut wird. Im Moment tritt er als taktisch unspektakulärer, zurückhaltender Coach auf, der sich vor allem dadurch auszeichnet, bislang wenig falsch gemacht zu haben. Mit ein paar geschickten Maßnahmen und einer konsequenten Ausrichtung schafft er es aktuell, den VfB auf sein Normalniveau zu hieven.

Bis die Saison überstanden ist, gilt es jedoch noch einige Stolpersteine zu meistern. Das müssen gar nicht die ganz großen Kaliber sein, vielleicht reicht schon eine Mannschaft wie Hannover 96 mit Schaafs Mittelfeldraute, um das VfB-Zentrum ins Wackeln zu bringen. Vielleicht kommen auch Verletzungen oder Formschwächen dazwischen und die Abläufe müssen neu angepasst werden. Wie der auf Sicherheit und Eingespieltheit vertrauende VfB-Chefcoach auf solche Dinge reagieren wird, könnte noch spannend zu beobachten werden.

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