Sonntag, 28. Februar 2016

Spielanalyse: VfB Stuttgart - Hannover 96 1:2

Es hat tatsächlich jemand getan. Thomas Schaaf schmeißt sein ganzes kreativ-kombinatives Personal zusammen und überlädt genau da, wo es Kramny am meisten wehtut. Hannover 96 zeichnet ein Muster, wie man den aktuellen VfB schlagen kann.

Schaafs Turm gegen Gentners Undiszipliniertheit


Vor dem Anpfiff rätselten viele über die genaue Startformation der Niedersachsen. Thomas Schaaf verzichtete auf einen gelernten Stürmer und ließ mit Iver Fossum und Marius Wolf zwei Neuzugänge erstmals von Beginn an auflaufen. Was sich dann bei den Gästen gegen den Ball zunächst als Raute zu manifestieren schien, stellte sich früh als recht standardmäßiges 4-4-2 heraus, wobei Wolf und Karaman die Außen bekleideten und Kiyotake und Fossum als Doppelspitze hin und herschoben. Der Clou an Hannovers Formation war vielmehr die Umformung in eigenem Ballbesitz. Dann nämlich rückten die Flügelspieler in das Sturmzentrum auf, während Kiyotake und Fossum eine bewegliche Doppelzehn bildeten.

Es resultierte ein extrem enges 4-2-2-2 ohne Flügelspieler, das man analog zum 4-3-2-1-„Tannenbaum“ vielleicht „Turm“ nennen könnte. Damit überlud Hannover massiv das Zentrum – die Spielfeldzone, die beim VfB unter Kramny am anfälligsten ist und die in der Taktik der meisten bisherigen Gegner keine prominente Rolle gespielt hatte. Schaaf versah diesen Turm noch mit ein paar Asymmetrien: Während zum Beispiel Wolf vorrangig Tiefe geben sollte, war der vielfältigere Karaman mehr in die Kombinationen eingebunden und streute einige diagonale Dribblings ein. Auch die Aufgaben der Sechser waren geteilt: Yamaguchi rückte oft weit auf, um die Überladungen zu unterstützen, während Hoffmann den Sechserraum hielt und die Bewegungen um sich herum balancierte. Manchmal schob er dabei auch selbst etwas nach vorne und beteiligte sich am Zusammenspiel seiner Kollegen.

Dieses Zusammenspiel funktionierte gerade in der ersten Halbzeit extrem gut. Der VfB fand zunächst nicht so richtig in eine geordnete Pressingformation und agierte mit teilweise vertikal gestaffelten und oft etwas isolierten Spitzen, die keinen wirklichen Druck auf die Innenverteidiger ausüben konnten. Gegen den weit aufrückenden Sakai fiel Kostic außerdem mannorientiert zurück, sodass eine weitere potentielle Zugriffsoption wegfiel. Zudem verhielt sich Gentner defensivtaktisch fatal und versuchte immer wieder die erste Pressinglinie aufzufüllen, wobei er viel eher im Sechserraum gebraucht worden wäre. Auch in den Szenen, in denen er sich augenscheinlich dort aufhielt, ließ er sich immer wieder mannorientiert aus dem Zentrum ziehen, was wenn der Gegner mit fünf Leuten dort präsent ist, unvermeidlicherweise Raum für die restlichen vier aufreißt. Hannover schaffte es immer wieder sich mit kleinen Zurückfallbewegungen in den von Sakai freigezogenen Raum zu lösen und anschließend das geflutete Zentrum kombinativ auszuspielen. So bildete sich ein ausgeprägter Rechtsfokus im Spiel der Niedersachsen.

Gentner rückt unsinnig in die erste Pressinglinie auf und es gibt keinen Mechanismus, der das Nachrücken dahinter regelt. Kostic versucht halbherzig den Vorstoß von Sakai mannorientiert aufzunehmen, während Insua nah bei Karaman bleibt. Die weit offenen Halbräume neben Die werden zum gefundenen Fressen für Hannovers Zentrumsüberladung: Eine wunderschöne Ballstafette über Karaman, Fossum, Sakai, Kiyotake und Hoffmann endet in einer Großchance für Kenan Karaman.

Die folgenden Kombinationen selbst waren überwiegend sehr ansehnlich und führten auch zu guten Chancen. Kiyotake glänzte mit seinen technischen Fähigkeiten und kombinierte teilweise spektakulär mit seinen Mitspielern. Fossum zeigte sich beweglich und wich, wie Kiyotake auch, häufiger ein wenig aus, um Raum zu öffnen. Währenddessen fügten sich Yamaguchi und Karaman in die spielerischen Bemühungen sehr gut ein. Im Detail gab es beim Durchspielen des Zentrums allerdings auch ein paar Probleme: Manchmal kam 96 nicht schnell genug durch und konnte von den zurückpreschenden Sechsern noch abgedrängt werden. In anderen Szenen fehlte nur der letzte Pass zum finalen Durchbruch oder der abschließende Lauf passte nicht.

Eine weitere kleine Schwachstelle war, dass das 4-2-2-2 im Gegenpressing nicht optimal funktionierte. Die Überladungen waren teilweise dermaßen eng, dass dem VfB lediglich ein Pass zur Seite reichte, um sich aus der Umklammerung zu lösen. Auch zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld gingen kleinere Freiräume auf, die zwar vom VfB nicht in Konter umgesetzt werden konnten, aber zumindest so ein bisschen verhinderten, dass Hannover mit seiner brachialen Präsenz in Ballnähe nach Ballverlust sofort Zugriff erlangen konnte. Sie schienen es darauf auch gar nicht anzulegen, sondern zogen sich lieber schnell in ihre Grundordnung zurück. An dieser Stelle ging vielleicht ein bisschen Potential verloren.

Offensivspiel des VfB


Gegen den Ball formierte sich Hannover wie erwähnt im 4-4-2, wobei die Flügelspieler eher tief spielten (Wolf teilweise mannorientiert gegen Großkreutz), und die Sechser kompakt zum Flügel verschoben. Auf diese Weise konnten Yamaguchi und Hoffmann immer wieder den besonders gefährlichen, aus Stuttgarter Sicht rechten Halbraum versperren. So richtig nötig schien das allerdings nicht, denn der VfB visierte diese Zone in diesem Spiel sowieso kaum an. Werner spielte deutlich positionstreuer als sonst, Rupp war oft höher unterwegs und Maxim blieb meistens im Zehnerraum oder fiel gleich relativ weit zurück. Dadurch entstanden beim VfB generell wenig Dreiecke zwischen den Offensivspielern, was im krassen Gegensatz zu 96 kaum kombinatives Zusammenspiel innerhalb der gegnerischen Formation ermöglichte.

Erschwerend kam dazu, dass die Bewegung der Sechser, wie immer, unzusammenhängend und schwach war. Während Gentner zu Beginn der Partie noch auf die linke Seite in den Raum hinter Insua auswich, kippte Die fast dauerhaft ab, womit die Präsenz im Sechserraum völlig aufgegeben wurde. Später rückte Gentner dann konsequent in die letzte Linie mit auf, was das ganze noch instabiler machte und eine extrem breite Formation mit viel unverbundener Präsenz zwischen den Linien und großen Löchern im Zentrum herstellte. Wenn der VfB in dieser Aufbauformation um Hannovers 4-4-2-Block herum zirkulierte, fanden sich nicht wirklich Räume für tororientierte Angriffe. Allerdings wurde das eng und (vielleicht etwas zu) passiv verteidigende 96 über die Flügel zumindest nach hinten gedrängt und der VfB konnte viele Standards herausholen - einer davon führte zum 1:0 nach etwas mehr als einer Viertelstunde. Nur selten gelangen jedoch effektiv organisierte Angriffe, meist nur dann, wenn Werner oder Maxim kurz den Ball im Zenturm behaupten und dann Kostic links oder wiederum Maxim halbrechts freispielen konnten. Ansonsten deuteten sich für den VfB bereits die schematischen Mechanismen auf der linken Seite und Verlagerungen von Insua als durchschlagende Mittel an, allerdings brauchte es eine kleine Umstellung, um die wirklich effektiv zu bekommen. Dazu gleich mehr.

Nun würde man bei den Lücken, die der VfB im Ballbesitzspiel hinterließ damit rechnen, dass der Gegner nach Ballverlusten durch genau diese Lücken Konterangriffe entwickeln kann. Wie die folgende Grafik zeigt, ist das in der Theorie einfacher als in der Praxis: Maxim und Rupp erkannten diese Räume schnell und hielten gemeinsam mit dem dynamisch zurücksprintenden Gentner solche Umschaltangriffe auf. Da Serey Die häufig mit in die Abwehrkette zurückfiel, hatte der VfB außerdem kaum einmal weniger als drei Spieler in der letzten Reihe für die Verteidigung von Schnittstellenpässen. Konteranfälliger als die Staffelungen im Spielaufbau waren eher die riskant abgesicherten Standards des VfB.

Andre Hoffmann kommt in dieser Umschaltsituation in Stuttgarts zentralem Freiraum an den Ball. Maxim schaltet jedoch schnell um und setzt Hoffmann unter Druck, dem nur der Pass auf Fossum bleibt. Gentner und Maxim schieben nach und stellen alle Passoptionen zum Öffnen der Situation in ihren Deckungsschatten. Großkreutz und Schwaab verteidigen derweil Kiyotakes Ausweichen, während Wolf von Rupp eingeholt wird und letztlich den Ball verliert.

Der VfB reißt das Spiel an sich


Während die erste Halbzeit mit einem gerechten 1:1 endete, sahen die zweiten 45 Minuten einen deutlich stärkeren VfB und ein etwas schwächeres 96. Quell dieser Überlegenheit waren wohl vor allem ein paar Anpassungen Kramnys im Spiel gegen den Ball und die Wandlung der Rolle von Alexandru Maxim.

Während der Rumäne vor der Pause noch eher rechtslastig agiert hatte, wechselte er nun auf die linke Seite und fügte sich in die Abläufe um Kostic und Insua ein. Während Kostic entweder leicht zurückfiel oder einrückte, rochierte Maxim Richtung Seitenlinie und hatte mit dem diagonalen Insua eine Option vor sich oder konnte ohne wirklich zugeordneten Gegenspieler selbst ins Dribbling gehen. Gelegentlich halfen auch Gentner und Rupp mit dem Herstellen von Anschlussoptionen Richtung Tor oder im Zehnerraum. Die gestreckte Formation half dem VfB dabei, zügig zu verlagern und erschwerte Hannover den Zugriff. Ergänzend dazu ließ sich Serey Die nun auf die rechte Seite fallen und durchbrach von dort aus gelegentlich die Stuttgarter Verbindungslosigkeit mit seinen irren Dribblings. Diese neuen Ansätze machten das Aufrücken für den VfB noch leichter und brachten vor allem Kostic' Dribblings besser zur Geltung. Dem Linksaußen kamen nun punktuell auch in Umschaltsituationen Stellungsfehler von Sané und das weite Aufrücken Sakais zu Gute.

Um Hannovers Kombinationen aufzuhalten, änderten außerdem die Spitzen Werner und Maxim ihr Pressingverhalten und isolierten Hannovers Spielaufbau auch in ungeordneten Szenen konsequent nach außen. Dadurch sollte 96 vom Zentrum weggeleitet und der Zugriff für die Sechser vereinfacht werden. Meist konnten dann Gentner oder Die eine Mannorientierung im Halbraum übernehmen und die gelassenen Räume in ihrem Rücken verschwanden im Deckungsschatten der herüberschiebenden Pressingspitze. Eine weitere Änderung war, dass Gentner gewissenhafter mit nach hinten arbeitete und die Lücken im Mittelfeld im Vergleich zur ersten Hälfte etwas verkleinern konnte, ohne sie ganz zu schließen. Hannover ließ sich von diesen Maßnahmen teilweise ein bisschen zu einfach lenken, wurde etwas ungeduldig und fand die durch Stuttgarts Umstellungen tendenziell ungedeckten Sechser nicht. Zwar hatten sie auch nach der Pause noch ein paar gute Angriffe, aber in der Summe konnten sie nicht verhindern, dass der VfB mehr und mehr Kontrolle über das Spiel bekam.

Die Überlegenheit und vielen Standards, die auf Seiten des VfB folgten, wurden vom zweiten Treffer von Christian Schulz nach ruhendem Ball konterkariert. Was in den Schlussminuten folgte, war erbarmungsloses Schlussphasengebolze, wofür der VfB noch einmal sehr enge und massive Offensivpräsenz auffuhr. Allerdings wurde die Chancenverwertung an diesem Nachmittag nicht mehr besser und es blieb beim vielleicht nicht verdienten, aber irgendwie auch nicht völlig ungerechtfertigten Sieg für 96.

Fazit


Wenn 96 wegen Kiyotakes Rückkehr wieder in der Raute spielen sollte, wird es wichtig sein, diese Überlegenheit im Zentrum vor allem schnell auszunutzen. Die kurzzeitig auftretende luftige Zentrumsbesetzung der Stuttgarter muss zielstrebig bespielt werden, wozu eine Raute theoretisch gute Möglichkeiten bietet.

So hatten wir in unserer Vorschau gemutmaßt. Gut, eine Raute wars eher nicht, aber dass Schaaf so verrückte Sachen auspackt (und das ohne Schmiedebach als Rechtsverteidiger aufzustellen) kann ja auch keiner ahnen.

Ich persönlich bin gespannt, ob sich der eine oder andere Trainer Hannovers Vorgehen als Vorbild nimmt und gegen den VfB vielleicht auch mal einen zentrumsorientierten, kombinativen Ansatz verfolgt, anstatt alibimäßig zu versuchen sich über die gut abgesicherten Flügel durchzumurmeln. Das würde wiederum bedeuten, dass der VfB zwangsläufig reagieren müsste und das wäre, nimmt man an, dass Gentner nicht von der Sechs runtergenommen wird, eine ziemlich interessante Aufgabe. Und es könnte möglicherweise sogar bedeuten, dass Kramny indirekt den Fußball in der Bundesliga besser macht. Ein kleines bisschen zumindest. Vielleicht. Wahrscheinlich nicht.

Eine andere Sache, die dieses Spiel gezeigt hat, ist, dass der VfB in der Lage zu sein scheint, noch eine Schippe draufzulegen, sobald das Spiel schneller und die Pressingformationen ungeordneter werden. Dieser Wechsel vom relativ ruhigen Spielaufbau in eine drängendere, aggressivere Ordnung bringt gerade die vielen Tempospieler gut zur Geltung, während mögliche strukturelle Vorteile beim Gegner etwas verschwimmen. Für die nächsten Wochen könnte das, auch angesichts dessen, dass sich im Spielaufbau des VfB bisher kaum substanzielle Verbesserungen einstellen, zu einer wichtigen Waffe werden.

Kommentare:

  1. Sehr interessant zu lesen, auch wenn ich wie immer nicht alles verstanden habe. Kannst Du meinen Eindruck bestätigen, dass dem VfB im Aufbauspiel aus der Abwehr heraus häufig die Anspielspositionen im Mittelfeld fehlten, teils weil sich einfach keiner anbot, teils auch weil Hannover das Mittelfeld stark zustellte? Trotz der vielen Chancen hatte ich den Eindruck, dass das Offensivspiel des VfB gegen Hannover nicht besonders einfallsreich war, die Großchancen resultierten eher aus katastrophalen Patzen der 96er als aus durchdachten VfB-Angriffen.

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    1. Seh ich genau wie du. Das Anbietverhalten der Sechser gefällt mir schon seit Wochen nicht, weil es nicht innerhalb der gegnerischen Formation erfolgt, was dann dazu führt, dass man nicht in die Zwischenräume kommt. Für das Zusammenspiel der Offensive gilt in diesem Spiel eigentlich fast das selbe. (was schade ist, weil beides auch schon deutlich besser war)

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