Freitag, 19. Februar 2016

Spielanalyse: VfB Stuttgart - Hertha BSC 2:0

Ohne Didavi und mit teils suboptimal ausgearbeiteten neuen Elementen gewinnt der VfB gegen Hertha BSC. Die taktische Entwicklung unter Jürgen Kramny setzt sich fort.

Mehr Pressing


Im Gegensatz zu den meisten bisherigen Spielen, in denen der VfB praktisch 90 Minuten lang in der eigenen Hälfte stand, brachte der VfB gegen Hertha von Beginn an viele aufrückende Pressingbewegungen auf den Platz. Von einem Mittelfeldpressing ausgehend rückte die erste Linie bei Rückpässen teilweise bis zu den gegnerischen Innenverteidigern auf und stellte alle nahen Optionen für Torwart Jarstein zu. Meistens schob Gentner gegen den tiefsten Sechser der Berliner noch mit auf und schuf massive, teilweise unausgewogene Präsenz am gegnerischen Strafraum.

Generell wirkte die Verzahnung zwischen den Bewegungen der ersten beiden Pressingreihen jedoch relativ gut und Hertha konnte im Aufbau weit zurückgedrängt werden. Bei den anschließenden langen Bällen füllte Rupp das freigelassene Zentrum und ermöglichte es Die weit zum Ball zu verschieben und im Kampf um die Abpraller zu helfen. Auf diese Weise übernahm der VfB gegen die deutlich abwartenderen Berliner zunächst die Kontrolle über die Partie.

Offensivspiel im Fokus


Sein Aufbauspiel gestaltete der VfB dann durchaus konstruktiv und flexibel, aber auch etwas ungeordnet. Die und Gentner verloren erneut häufig die Bindung zueinander und sorgten für eine Zweiteilung im Aufbau mit wenig verbindender Präsenz im Sechserraum. Die fiel dabei oft in die Abwehrkette zurück, wohingegen Gentner meist seitlich etwas zurückfiel oder frühzeitig weit aufrückte. Die Lücken und ungünstigen Abstände, die dadurch entstanden, waren punktuell sehr problematisch und sorgten unter anderem für einen gefährlichen tiefen Ballverlust von Insua. Die meiste Zeit über funktionierte das Aufbauspiel jedoch trotzdem ganz ordentlich, da das offensive Mittelfeld dafür recht massiv besetzt und dank dem starken Passpiel von Schwaab sehr gut bedient wurde. Manchmal gab es durch das Aufrücken auch raumöffnende Effekte für die tiefe Aufbaulinie.

Im Angriffsspiel gab es durch Gentners Aufrücken und auch die weiträumig ausweichende Rolle von Maxim immer wieder Überladungen in unterschiedlichen Zonen. Zu Beginn wurde vor allem die rechte Seite forciert, indem Maxim, Werner und Gentner teilweise gleichzeitig weit auf den Flügel gingen. Aus diesen Szenen wurde allerdings nichts, da aus diesen massiven Ballungen keine Anbindung Richtung Tor möglich war. Rupp ließ sich durch die Bewegungen seiner Kollegen eher auf den Flügel drücken, anstatt die Mitte zu füllen, sodass die Hertha diese Ansätze einfach zuschieben konnte. Später tauschte Maxim mit Gentner die Seiten, sodass sich der Rumäne nun mitunter weit auf der linken Seite anbot. Von dort aus fand er jedoch keine Bindung mehr zum eher dosiert einrückenden Rupp, sodass die potentiell tollen Synergien zwischen den beiden nicht so richtig zur Geltung kamen. Zwischen dem Individualisten Kostic und dem Kombinationsspieler Maxim gab es indes wenig Interaktion.

Von da an rückte eher das Zentrum in den Mittelpunkt der VfB-Bemühungen. Die hohe Offensivreihe positionierte sich zwischen Herthas Abwehr und Mittelfeld und versuchte sich dort durchzuspielen. Die Gäste hielten jedoch mit extremer Kompaktheit dagegen und konnten diese Ansätze allesamt unterdrücken. Besonders die Flügelspieler rückten extrem konsequent ein und schlossen das Zentrum kompromisslos. Mit den vielfältigen, aber auch etwas verwässerten Bewegungen des Mittelfelds und ohne die sehr gut eingespielten, schematischen Mechanismen der Vorwochen, hatte der VfB gegen diese Kompaktheit kaum eine Chance und wurde nicht ganz so gefährlich wie zuletzt.

Hertha bleibt bei Ansätzen


Ein großes Plus in dieser Ausgangslage war jedoch die ordentliche Konterabsicherung. Da der VfB gut aufrücken konnte und Herthas Flügelspieler weit nach hinten und ins Zentrum arbeiteten, wurden die Außenverteidiger des VfB kaum einmal überlaufen. Zusammen mit dem tiefen Die blieb damit häufig eine Fünf-Mann-Absicherung, die einmal angelaufene Konter des Gegners mühelos verzögern konnte. So kam Hertha zwar durchaus zu Konteransätzen aus den erwähnten offenen Räumen zwischen Angriff und Aufbaureihe, wurde jedoch mangels direkter Durchbruchsoptionen vom intensiven Gegen- und Rückwärtspressing des VfB abgefangen. Vor allem Maxim half dabei einige Male entscheidend, indem er aus dem Offensivknäuel herausfiel und für den Fall eines Ballverlustes die Mitte sicherte, auch wenn er selbst dadurch nicht ganz so viele Aktionen zeigen konnte.

Vielversprechendere Ansätze ergaben sich für die Gäste dann, wenn der VfB in die bekannten passiven Phasen überging. Dann nämlich fehlte ein bisschen die extrem konsequente Rückarbeit der beiden Spitzen und auch von Gentner, die alle offensiver zu denken schienen, so dass das Mittelfeld etwas den Kontakt zur ersten Pressinglinie verlor. Das Pressing des VfB war in den tiefen Phasen gerade auf den Flügeln wieder gewohnt mannorientiert-improvisiert, wobei Rupp gegen den einrückenden Cigerci enger spielte als Kostic, der Pekarik bei Vorstößen sehr rigide verfolgte. Dadurch wurde gelegentlich etwas Raum für den spielstarken Plattenhardt geöffnet, der anschließend die Bälle klug ins Zentrum verteilte. Allerdings spielten die Berliner dann nicht konsequent durch die offene Mitte weiter, sondern ließen sich vom herüberrückenden Die auf dem Flügel festnageln. Gerade Darida erlief mit seiner weiträumig unterstützenden Art zwar immer wieder Freiräume, fand aber in seinen Aktionen nie den richtigen Rhythmus.

Nach rund einer Stunde stellte Dardai dann sinnvoll um, indem er Darida für Lustenberger in die Doppelsechs zurückzog und mit Schieber eine zweite Spitze reinbrachte. Außerdem schob er angesichts des 0:1-Rückstandes seine Außenverteidiger höher, sodass der VfB insgesamt zurückgedrängt wurde. Skjelbred und Darida bildeten nun eine sehr bewegliche und spielstarke Doppelsechs, die die geöffneten Räume hinter Maxim und Werner, sowie später auch die vorderen Halbzonen infiltrierten. Dort fielen Schieber und Ibisevic abwechselnd zurück und konnten sich dort ein paar Mal behaupten. Aus dieser guten Phase heraus erzeugten die Berliner jedoch nicht die letzte Zielstrebigkeit und Durchschlagskraft. Stattdessen kassierten sie 25 Minuten nach Dardais Umstellung noch das 0:2 durch einen tiefen Ballverlust und waren damit geschlagen.

Fazit


Im Prinzip tritt nun langsam das ein, was man schon nach der Wintervorbereitung vermuten konnte: Mit dem Selbstvertrauen der letzten Siege scheint Kramny Schritt für Schritt aktivere Elemente in das VfB-Spiel einbauen zu wollen, ohne dabei die Basiselemente seines Spiels zu vernachlässigen. Bislang zeigt er dabei sowohl gute (z.B. Pressingbewegung) als auch gemischte (z.B. Aufbauspiel, Zustellen) Teilresultate. Mal schauen, wo die Entwicklung in der Rückrunde noch hinführt.

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