Donnerstag, 3. März 2016

Spielanalyse: Borussia Mönchengladbach - VfB Stuttgart 4:0

In einem von Improvisation geprägten Spiel voller offener Räume behält das gruppentaktisch stärkere und vielseitigere Gladbach klar die Oberhand. Schuberts Umstellung auf Dreierkette ist derweil nicht ohne Risiko, geht aber auch dank einiger Unzulänglichkeiten des VfB auf.

Gladbachs Dreierkette


Nachdem Thomas Schaaf für das Spiel gegen den VfB zuletzt auf ein 4-2-2-2 umgestellt hatte, griff mit Andre Schubert auch der nächste gegnerische Trainer zu einem Formationswechsel, nämlich auf ein 3-4-1-2. Dabei war das keines dieser Systeme, die sich als Dreierkette tarnen, aber eigentlich Fünferketten sind; Gladbach behielt auch gegen den Ball die Drei-Mann-Abwehrkette bei. Johnson und Wendt (später auch Hinteregger) verschoben als klarer Teil der Mittelfeldviererreihe und ließen sich nur gelegentlich in die letzte Linie fallen. Gleichzeitig war die Formation ein bisschen asymmetrisch angelegt mit einem etwas höheren Johnson.

Wenn man sich die daraus folgende Konstellation auf dem Platz so anschaut, könnte man fast auf den Gedanken kommen, dass Schubert Filip Kostic nicht so wirklich viel zutraut. Schließlich war wohl absehbar, dass der 19-jährige Halbverteidiger Elvedi viele unangenehme Duelle an der Seitenlinie gegen Kostic bestreiten müsste, während Johnson nicht immer zum Doppeln zur Stelle sein würde. Diese potentielle Angriffsfläche wirkte sich allerdings aus mehreren Gründen kaum aus:

Zunächst einmal spielte die Borussia in der ersten Halbzeit sehr dominant und legte viele Schwachstellen im Stuttgarter Defensivverbund offen. Eine davon war das schwach organisierte Angriffspressing: Der VfB versuchte immer wieder Gladbach hoch zuzustellen, wobei die beiden Pressingspitzen die Innenverteidiger bewachten und die Bewegungen der Sechser mit Herausrücken von Gentner und Die angegangen wurden. Allerdings positionierten sich Didavi und Werner zu breit und zu passiv, sodass der VfB in der ersten Linie keinen Zugriff bekam. Die herausrückenden Läufe der Sechser konnten dann über einfache Pässe durchs Zentrum auf die Flügel ausgehebelt werden. Des Weiteren und auch in diesem Zusammenhang problematisch war das schlecht einsynchronisierte Aufrücken der Flügelspieler, das wegen Gladbachs 3-gegen-2-Überzahl in der ersten Linie nötig wurde, aber über den selben Mechanismus ausgespielt werden konnte. Generell wirkte das Spiel gegen den Ball noch an weiteren Stellen etwas auseinandergerissen, zum Beispiel auf der rechten Seite mit Harnik, dessen Rolle im Pressing entweder schlecht ausgearbeitet war oder (zumindest in der Anfangsphase) nicht ordentlich ausgeführt wurde. Letzteres betrifft wiederum fast immer Gentner, der auch in diesem Spiel Probleme hatte, vernünftige Abstände zu den benachbarten Spielern zu halten. Als letzten Punkt kann man hier die Rolle von Kostic nennen, der Johnson nicht mannorientiert verfolgte, sondern entweder vorne blieb und auf den Ballgewinn spekulierte, oder eine tiefere, etwas undefinierte Position nahe der Außenlinie einnahm.

Gladbach hatte gegen diese Unsauberkeiten in Stuttgarts Pressing die richtigen Mittel: Über Dahoud und Xhaka als Optionen zwischen den passiven Stuttgarter Pressingspitzen erschlossen sie zügig das gesamte Spielfeld. Das bewegliche Offensivtrio, bestehend aus Raffael, Hazard und Stindl, kombinierte sich dann, gelegentlich unterstützt von Johnson oder Dahoud, immer wieder flexibel aus Drucksituationen heraus und leitete Schnellangriffe und Konter durch das instabile Stuttgarter Zentrum ein. Dabei nutzten sie die Mannorientierungen des VfB, sowie die fehlende Harmonie in den Defensivmechanismen, um kleinere Freiräume zu erschließen. Da sie die folgenden Kombinationen sehr zielstrebig ausspielten, konnte der VfB solche Räume nicht mehr improvisiert zulaufen, wie es gegen einige andere Gegner noch gelang.

Gladbachs Pressing und Stuttgarts Offensivprobleme


Gladbach festigte seine Dominanz nicht nur über das Aufbauspiel, sondern darüber hinaus durch sehr hohes Pressing. Dazu schob meist Dahoud auf einen der Sechser auf, während die Stürmer den VfB konsequent auf den Flügel leiteten. Ohne vernünftige Bewegungen im Sechserraum konnte sich der VfB aus dieser Umklammerung kaum lösen und brachte deswegen auch keine Verlagerungen auf die Freiräume um Kostic herum zustande. Gladbach konnte in der Folge auch in mittelhohen Situationen mit den Sechsern und den drei Offensivspielern extrem kompakt nachschieben und den Gegner am Flügel festdrücken.

Dabei hatte der VfB eigentlich zumindest keine völlig verkehrten Offensivansätze: Die Herreinnahme von Harnik wurde mit weitem Ausweichen Didavis auf die rechte Seite verbunden, während Werner mit seinen Läufen das Sturmzentrum für den Österreicher freimachte. In den von Didavi geöffneten Kanal neben Wendt konnte dann zum Beispiel Großkreutz hineindribbeln. Allerdings fehlte dem VfB wie erwähnt die Stabilität in der Ballzirkulation, um solche Szenen systematisch vorzubereiten.

Viel mehr Gefahr wäre dagegen bei Kontern möglich gewesen, da Gladbach sich hier einige Male durchaus anfällig zeigte. Gerade wenn Xhaka viel Raum abdecken musste, weil Dahoud mit nach vorne gegangen war, entstanden Umschaltmöglichkeiten für den VfB. Allerdings wurden diese Konter fast schon schockierend schwach ausgespielt und besonders durch falsche Entscheidungen immer wieder zunichte gemacht. Da Rupp als Zwischenstation fehlte, mussten die Bälle häufig direkt hinter die Abwehr gespielt werden, was fast immer misslang. Lustigerweise bekam gerade Kostic in diesen Situationen kaum einen Ball, obwohl der Pass auf ihn nicht nur einmal aussichtsreich gewesen wäre. In anderen Szenen rückte der Serbe wiederum merkwürdig ein, was überhaupt nicht zum Rest der Offensivstruktur passte, oder, wenn er mal in „seine“ Situationen kam, verlor er die meisten Duelle gegen Elvedi.

Umstellungen und zweite Halbzeit


Die erste größere taktische Änderung fand nach etwa 25 Minuten statt. Ich meine nicht die verletzungsbedingte Auswechslung von Wendt für Hinteregger, sondern die Tatsache, dass der VfB nun aus ein, zwei kleineren Gründen ein bisschen mehr Ruhe in sein Spiel bekam und Gladbach sich etwas zurückzog. Über zurückfallende Bewegungen von Didavi kam der VfB nun teilweise zu mehr Präsenz im Zentrum, allerdings war die Vernetzung der Mannschaftsteile immer noch sehr rudimentär. Nun offenbarte sich die Bewegung der Offensive als sehr strafraumfokussiert, was große Lücken im Rückraum erzeugte und Gladbach vereinzelt zum Kontern einlud. Gleichzeitig wurde jedoch zumindest das Pressing etwas kohärenter, während Harnik eine deutlich effektivere, Rupp-ähnliche Rolle fand und gut ausfüllte. Die Quelle von Gladbachs Torchancen verschob sich dadurch ein wenig von Ballbesitzangriffen zu Kontern, wobei der VfB weiterhin harmlos blieb und seinerseits nichts aus seinen Umschaltchancen machte.

Nach der Pause brachte Kramny Kravets und Rupp für Werner und Die, was aber zunächst keine auffällige Verbesserung brachte. Gerade die Unfähigkeit, kleinere Raumwechsel bzw. Verlagerungen in das Spiel einzubauen stellte sich in der von deutlich mehr Intensität und Offenheit geprägten zweiten Halbzeit als entscheidender Schwachpunkt heraus. Interessant wurde es erst, als Maxim für den angeschlagenen Gentner reinkam und der VfB mit einer Doppelacht aus Maxim und Didavi vor Rupp spielte. Allerdings war dieses Mittelfeld wenig überraschend kaum eingespielt, sodass mit dieser Umstellung natürlich weitere Konterräume hinter den beiden Zehnern aufgingen. Offensiv gab es dagegen ein paar schöne Ansätze, indem Maxim halbrechts mit ausweichenden Bewegungen Raum für Vorstöße von Rupp öffnete. Allerdings reichte das nicht mehr für ein Tor, zumal die Fohlen gut reagierten, indem sich ihre Flügelspieler enger zusammenzogen. Mit drei weiteren Toren untermauerte Gladbach seine deutliche Überlegenheit auch in den unkontrollierteren zweiten 45 Minuten.

Fazit


Beide Mannschaften ließen Räume und boten immer wieder etwas an. Gladbach war jedoch mit reiferem Aufbauspiel, etwas besser organisiertem Pressing und vielfältigerem Offensivspiel in den meisten Belangen überlegen. Der VfB versuchte durchaus kompakt zu sein, es fehlte jedoch an Intensität und Sauberkeit im Verschieben sowie letztlich dem Zugriff auf den gegnerischen Aufbau. Ansonsten erwies sich die Hereinnahme von Harnik (auch wenn er nicht unbedingt schwach spielte) bzw. eigentlich das in der Folge strategisch zu schwammig und unflexibel angelegte Offensivspiel als problematisch. Dahingegen kann Schubert seine Umstellung auf Dreierkette als Erfolg verbuchen, da er mit dieser Struktur enormen Durck im Angriffs- und Mittelfelddrittel entfachen konnte, während der VfB es verpasste sich in die richtigen Räume zu lösen.

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