Sonntag, 1. Mai 2016

Endlich! Über den Abstieg des VfB II

Als Beobachter wurde man die ganze Saison über das Gefühl nicht los: Diesmal sind sie fällig. Seit der Niederlage gegen Holstein Kiel am vergangenen Samstag steht es fest: Die U23 des VfB Stuttgart, seit ihrer Einführung 2008 ununterbrochen vertreten in der eingleisigen dritten Liga, wird Regionalligist und damit zum ersten Mal seit 14 Jahren überhaupt viertklassig. Warum man sich als VfB-Anhänger darüber freuen darf.

Ein Zwiespalt, der keiner sein sollte


"Wir wollen in der 3.Liga bestehen, werfen dafür aber unsere grundsätzlichen Ideen nicht über Bord. Wir werden nie hergehen und sagen: ‚Heute müssen wir uns ein 0:0 ermauern. Die Inhalte stehen über den Ergebnissen. Wenn sich die Spieler trotz schlechter Ergebnisse weiterentwickeln, hat die Mannschaft ihren Zweck erfüllt. 

"Wir wollen wie in jeder Saison in der Klasse verbleiben, da die 3. Liga die bestmögliche Plattform darstellt, um die jungen Talente an unser Bundesligateam heranzuführen." 
- Jürgen Kramny (damals Trainer des VfB Stuttgart II), 2015

Nur ein kleiner Kreis von Bundesligisten genießt den scheinbaren Luxus eine Reservemannschaft in der 3. Fußball-Liga zu stellen. In dieser Saison waren es gerade mal drei: Werder Bremen, Mainz 05 und eben der VfB. Die meisten Zweitvertretungen spielen in der Regionalliga oder sogar noch tiefer, auch weil sich der Aufstieg in die 3. Liga schwierig gestaltet. Wird man Erster in einer der fünf Staffeln, steigt man nicht automatisch auf, sondern muss am Ende noch ein Entscheidungsspiel gegen einen Anwärter aus einer der anderen Regionen gewinnen. Für den VfB wurde die dauerhafte Drittklassigkeit der U23 so zu einem nationalen Alleinstellungsmerkmal, das diese in den Augen vieler zur "besten zweiten Mannschaft Deutschlands" machte. Es ist nur menschlich, dass man diesen außergewöhnlichen Status gerne behalten möchte. Von außen betrachtet verfestigte sich in den letzten Jahren allerdings den Eindruck, dass sich aufgrund der Sorge um den Verlust der Drittklassigkeit die Ausrichtung der zweiten Mannschaft in eine unangebracht ergebnisorientierte Richtung verschoben hat.

Aber werfen wir zunächst einen Blick auf die wirklich wichtigen Resultate: Was haben sechs Jahre dritte Liga an Spielern hervorgebracht?

Die "Durchlässigkeit"


Ein positives Beispiel zu Beginn: Sven Ulreich absolvierte innerhalb von zwei Saisons 44 Drittligaspiele beim VfB II, bevor er 2010 im Alter von 22 Jahren Stammtorhüter im Bundesligateam wurde. In diesem Fall scheint es sich durchaus gelohnt zu haben dem jungen Nachwuchskeeper Spielpraxis auf hohem Niveau zu geben solange der alternde Jens Lehmann noch im Tor stand. Doch geht man weitere Namen durch, wird es schon etwas dünner. Daniel Didavi absolvierte zwar ganze 60 Spiele in der dritten Liga, schaffte aber erst mit seiner Leihe nach Nürnberg den Durchbruch in der Bundesliga, Ähnlich verlief es bei Julian Schieber. Trotz zahlreicher Einsätze in der zweiten Mannschaft konnten viele Spieler eben nicht entscheidend an die erste Mannschaft herangeführt werden. Ein Teil davon wurde schließlich woanders zu etablierten Bundesligaspielern, so zum Beispiel Sebstian Rudy, Ermin Bicakcic oder Sven Schipplock. Auch Bernd Leno ist ein prominentes Beispiel für diese Kategorie, auch wenn er viel Geld in die Kassen spülte und sein Verkauf an Bayer Leverkusen damals sogar als Erfolg und Pluspunkt für die dritte Liga verbucht wurde. Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, ist Leno allerdings sportlich doch deutlich über dem damaligen Stammtorhüter Ulreich anzusiedeln.

Aus den folgenden Jahrgängen schaffte es auch fast niemand, sich über die U23 zu empfehlen. Einzig Antonio Rüdiger (21 Einsätze, verteilt über mehr als ein Jahr) kann man herausstellen. Kevin Stöger, Raphael Holzhauser oder Benedikt Röcker wurden eher zu Zweitligaspielern entwickelt. Ähnlich erging es der nächsten Welle an Talenten, wobei durchaus talentierte Leute wie Robin Yalcin, Sinan Gümüs oder Besar Halimi beim VfB nicht die entscheidenden Schritte machen konnten und teils nach einem Tapetenwechsel aufblühten. Dazu kommt der extrem ärgerliche Fall Joshua Kimmich, über den inzwischen wohl genug gesagt worden ist.

Derweil übersprang Timo Werner die U23 gleich komplett, während Timo Baumgartl nur etwas mehr als eine halbe Saison dort verbrachte. Arianit Ferati war zu Beginn dieser Saison auf den Spuren Werners und zeigte als Einwechselspieler unter Alexander Zorniger vielversprechende Ansätze, wurde dann aber mit dem Trainerwechsel wieder degradiert und spielt momentan in der Mannschaft von Walter Thomae. Zu ihm gesellt sich eine ganze Reihe von Spielern, die "noch nicht so weit" sind. Ob einer von ihnen den Sprung ins Lizenzspieler-Team schaffen wird, ist offen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass nur die wenigsten Spieler, die viele Partien in der U23 absolviert haben, auch tatsächlich den direkten Weg in die erste Mannschaft geschafft haben. Die besten Spieler, wie die genannten Werner und Ferati, sowie auch Baumgartl werden ohnehin früh hochgezogen. Die "zweiten Reihe", die diesen Schritt nicht gleich schafft wird dagegen meist für mehrere Spielzeiten in der U23 geparkt und einige Zeit später abgegeben. In den meisten Fällen blieb es in diesen Fällen bei Teilnahmen am Trainingslager oder dem regulären Training der Profis, sowie allenfalls Kurzeinsätzen. Den wenigen Ausnahmen (Ulreich, Rüdiger), in denen sich die U23 bzw. die Spielpraxis auf Profiniveau als durchaus nützlich herausgestellt hat, stehen mindestens genauso viele Spieler gegenüber, die sich nach ihrem Weggang woanders besser entwickelten als beim VfB (Rudy Nationalspieler, Halimi von Mainz verpflichtet, Gümüs mit guter Rolle bei Galatasaray).

Dadurch stellt sich die Frage nach dem sportlichen Wert der dritten Liga und der VfB-Reserve im Allgemeinen - immerhin dürfte die Unterhaltung einer zweiten Profimannschaft den Verein jährlich einen Betrag im niedrigen einstelligen Millionenbereich kosten. Fernsehgelder gibt es keine und die Zuschauereinnahmen sind nicht der Rede wert.

Ein neues Konzept muss her


Vielleicht ist die Attraktivität der dritten Liga aber auch einfach ein wichtiges Argument im Kampf um die Verpflichtung talentierter Nachwuchsspieler. Das kann man natürlich schwer widerlegen, weil man nicht genau sagen kann, warum sich Spieler für einen Verein entscheiden und Menschen auch nicht immer rational handeln. Aber dennoch: Es scheint mir, dass man mit der dritten Liga eher die Hemleins, Benyaminas und Wanitzeks dieser Welt ködert, Spieler also, die ein Sprungbrett in Liga 2 oder 3 suchen. Vielmehr dürften die vergangenen Fehleinschätzungen einen abschreckenden Effekt auf vielversprechende Kandidaten haben. Daher: Durchlässigkeit und gute Förderung > 3. Liga.

Aus dem Verein kommen nicht allzu viele Anzeichen dafür, dass man das genauso sieht. Das Ziel jeder Saison war erst einmal der Klassenerhalt und das wurde auch so formuliert. In Interviews wird von VfB-Verantwortlichen eher über sportliche Ergebnisse gesprochen (z.B. von Rainer Adrion) als über Entwicklungsfortschritte des Nachwuchses. Dazu kommt, dass der VfB II in den letzten sechs Jahren kein einziges Mal auf einem einstelligen Tabellenplatz abschloss. Sprich, es ging praktisch immer gegen den Abstieg, womit der Spagat zwischen Ergebnisdruck und dem eigentlichen Auftrag der Spielerentwicklung durchgehend groß war. Was man dabei nicht vergessen darf: Auch das Amt des U23-Trainers, mehr noch wenn er in der dritten Liga angestellt ist, kann ein Sprungbrett für höhere Aufgaben darstellen. Dementsprechend will man sich als ehrgeiziger Coach natürlich auch profilieren, und das geht nach außen hin am besten mit konkreten, fassbaren Ergebnissen.

Zusammen mit den bereits erläuterten Sachverhalten lässt sich damit möglicherweise auch die immer wieder von Pragmatismus und Ideenlosigkeit geprägte Spielweise der U23 erklären. Beispielsweise spielte der VfB II zuletzt unter Thomae ein passives Standard-4-4-2 mit großen Schwächen in der Kompaktheit. Am besten lässt sich das Thema wahrscheinlich am Spielaufbau aufzeigen: Immer wieder gab es in den letzten Jahren unambitionierte lange Bälle, wenig Ballzirkulation und einen Mangel an organisierter Bewegung. Als wäre es nicht schlimm genug, dass in der ersten Mannschaft wenig gegen strukturelle Aufbauprobleme getan wird, wurde diese notorische VfB-Schwachstelle auch in der U23 äußerst stiefmütterlich gehandhabt. Neue Impulse mitbringen und taktische Schwachpunkte bei den Profis aus dem Nachwuchs schließen? Fehlanzeige. Immerhin wird mir langsam klar, was im Sommer mit "einheitlicher Spielphilosophie" gemeint gewesen sein muss.

Lernen hat immer auch etwas mit neuen Herausforderungen und vielleicht sogar leichter Überforderung zu tun. Dementsprechend gehören Fehler zwangsläufig zu diesem Prozess dazu. Was Marvin Wanitzek davon hat, wenn er auf Linksaußen herumturnt und keinen Ball bekommt, ist mir ebenso rätselhaft, wie der Nutzen für die Sechser, wenn sie den Ball ständig über ihre Köpfe hinwegfliegen sehen. Dieser Fußball bringt die Spieler in zu wenige Situationen, in denen sie an ihre Grenzen gehen müssen.

Allerdings muss ich diese Kritik zugegebenermaßen etwas relativieren: Entscheidend für die Entwicklung der Spieler ist vor allem das tägliche Training, und in das habe ich keinerlei Einblick. Um damit den Bogen zur Ausgangsfrage zu spannen: Die Trainingsmöglichkeiten der U23 sind völlig unabhängig von ihrer Ligenzugehörigkeit. Der VfB hat also immer noch alles in der Hand, um seine Talente optimal zu fördern. Eine Notwendigkeit den Verlust der dritten Liga etwa mit vermehrten Leihgeschäften zu kompensieren sehe ich daher nur bedingt.

Und doch wirft der Abstieg viele wichtige Fragen auf, denen sich die sportliche Leitung jetzt stellen muss: Sie muss das Konzept und die Ziele der U23 neu überdenken und wird sie hoffentlich in die richtige Richtung anschieben. Also bitte kein "Wir werden natürlich alles dafür tun in der nächsten Saison wieder aufzusteigen" oder so. Wenn man dann den eigenen Nachwuchs fundierter und detaillierter einschätzt, fällt es auch leichter, den Jungs eine Perspektive aufzuzeigen, weil man genau aufzeigen kann, was man sich von ihnen erwartet und welche Entwicklungsschritte man zusammen gehen möchte. Das könnte auch das Vakuum, das die dritte Liga in den Verhandlungen um Neuzugänge hinterlässt, wieder auffüllen. Zusammen mit, sagen wir mal, modernster Trainingsmethodik und extrem kompetenten Fußballlehrern von der U23 abwärts?

Die wirklich wichtigen Dinge werden durch die Befreiung von den Fesseln der 3. Liga hoffentlich wieder in den Vordergrund rücken und wer weiß, vielleicht wird die U23 des VfB so schon bald aus ihrer Sinnkrise herausfinden. Manchmal muss man eben einen Schritt zurück machen um danach zwei Schritte nach vorne zu gehen.

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