Mittwoch, 20. Juli 2016

DFB-Pokalfinale 1997: VfB Stuttgart - Energie Cottbus 2:0

Es war die Saison des magischen Dreiecks. Fredi Bobic, Giovane Elber und Krasimir Balakov bildeten beim VfB zwei Jahre lang ein herausragendes Offensivtrio, welches schließlich 1997 den DFB-Pokal nach Stuttgart holte und in der Liga aus dem Mittelfeld auf den vierten Platz stürmte. Fast genauso eng verbunden mit diesem Erfolg ist der Name Joachim Löw, der 1996/97 seine erste Saison als Cheftrainer bestritt. Genug interessanter Stoff also, um sich das Pokalfinale gegen Energie Cottbus mal genauer anzuschauen.

Vorgeschichte


Im Sommer 1995 brauchte der VfB einen neuen Trainer. Jürgen Röber war während der abgelaufenen Saison entlassen worden und Interimscoach Jürgen Sundermann wurde nicht weiterbeschäftigt. Stattdessen kam mit dem Schweizer Rolf Fringer ein, zumindest gemessen an den damaligen Verhältnissen, taktischer Vorreiter nach Stuttgart. Bis in die 2000er-Jahre hinein spielten viele deutsche Teams noch mit Libero, Manndeckung und 3-5-2. Fringer brachte die Raumdeckung zum VfB und ließ eine Viererkette spielen.

Wirklicher Erfolg war ihm jedoch nicht vergönnt, sodass Fringer nach einem angesichts des spielerischen Potentials (Elber, Balakov und Bobic waren in dieser Saison bereits da) enttäuschenden zehnten Platz zurück in die Schweiz ging, um dort Nationaltrainer zu werden. Nachfolger wurde sein Co-Trainer Joachim Löw. Die Prinzipien der Raumdeckung kannte Löw bereits seit seinem Wechsel als Spieler zum FC Schaffhausen 1989, welcher damals von Fringer trainiert wurde. Was er dort sah, begeisterte Löw. Als er 7 Jahre später allerdings seine erste Profistation als Cheftrainer antrat, wollte er selbst noch keine Raumdeckung implementieren, möglicherweise auch wegen des "Scheiterns" seines Lehrers an gleicher Stelle. Löw setzte zunächst auf das vertrautere 3-5-2 mit Manndeckern und einem Libero.

Das magische Dreieck und sein taktischer Rahmen


Genau genommen spielte der VfB im Endspiel 1997 mit einem 3-4-1-2. Vorne liefen die drei bekannten Offensivstars auf. Balakov hatte einen großen Aktionsradius und tauchte überall auf dem Platz auf, besonders auf den Flügeln. Bobic und Elber hielten sich im Wesentlichen im Sturmzentrum auf und interagierten immer wieder untereinander, sowie mit Balakov. Bobic diente eher als Zielspieler, während Elber auch mal längere Aktionen am Ball hatte.

Dahinter bildete der weiträumige Wirrkopf Gerhard Poschner mit dem ruhigen Balancegeber Zvonimir Soldo ein ungleiches Mittelfeldduo. Die Flügelläufer waren in diesem Spiel asymmetrisch aufgestellt: Matthias Hagner agierte als offensiver und bewegungsvielfältiger rechter Flügel, während Thorsten Legat defensiver spielte und sich vereinzelt in die Abwehrreihe mit eingliederte. Allrounder Marco Haber rückte dann als improvisierter Rechtsverteidiger etwas zum Flügel raus. Komplettiert wurde die Abwehr von Libero und Cruyff-Schüler Frank Verlaat, sowie dem Weltmeister von 1990 Thomas Berthold.

Der Gegner


Der damalige Drittligist Energie Cottbus hatte eine etwas weniger illustre Elf zusammen (allerdings hatten sie definitiv die bunteren Frisuren!). Um mit dem haushohen Favoriten mitzuhalten, spiegelte Eduard Geyer das Stuttgarter 3-4-1-2 und ließ seine Mannschaft in einem 3-1-4-2 auflaufen – ebenfalls mit strikten Manndeckungen. So kam es, dass Willi Kronhardt das zweifelhafte Vergnügen hatte, Krasimir Balakov über den ganzen Platz zu verfolgen. Ähnlich rigide sah es in der Abwehr aus: Sven Benken spielte gegen Elber, Jens Melzig gegen Bobic und Thomas Hoßmang blieb als Libero ohne Gegenspieler.

Die Mittelfeldspieler Jens-Uwe Zöphel und Detlef Irrgang hielten etwas Abstand, bis Soldo oder Poschner in ihren Bereich vorstießen und gingen dann ebenfalls rigorose Manndeckungen ein. Ähnlich handhabten es Ingolf Schneider und Jörg Woltmann gegen Hagner und Legat. Weil Legat wie erwähnt tiefer spielte ergab sich durch die Manndeckungen auch auf Cottbuser Seite eine Asymmetrie, dergestalt dass Schneider höher spielte als Woltmann und aus dem schiefen 3-1-4-2 manchmal eine Art verschobenes 3-3-3 (plus Kronhardt als Manndecker) herstellte - dann nämlich, wenn sich Legat ins Aufbauspiel zurückfallen ließ. Die entstandene Viererreihe konnte Cottbus mit drei Spielern gut unter Druck setzen, vor allem da die Stürmer Seifert und Konetzke intensiv und flexibel hin und her verschoben. Der erste Ball wurde dem VfB in den intensiven Phasen entsprechend schwer gemacht, auch wenn Cottbus kein Pressing im heutigen Sinne spielte.

Ausweichräume für Balakov


"Wir werden da nicht nur versuchen zu zaubern um diesen Pott zu holen, sondern müssen auch ein bisschen mit Hirn spielen." 
- Joachim Löw vor dem Spiel, wiedergegeben vom Kommentator

Der Spielaufbau war jedoch ohnehin nicht das Steckenpferd des VfB. Insbesondere hielten sich Verlaat und Berthold in dieser Partie mit offensiven Vorstößen fast vollständig zurück. Neben einer Reihe von Flachpässen in die offensiven Halbräume gab es demnach auch viele lange Bälle zu sehen. Das magische Dreieck sollte möglichst unmittelbar eingesetzt werden.

Das Hauptziel war, Balakov mannschaftlich Räume zu öffnen, ihn dort anzuspielen und dann schnell und direkt in die Spitze zu kommen. Taktisch sah das unter anderem so aus, dass der VfB offensiv praktisch ohne Breite spielte. Legats tiefe Rolle wurde von niemandem konkret ausgeglichen. Hagner auf der anderen Seite spielte ausgesprochen diagonal und driftete vereinzelt sogar weit ins Mittelfeld, um dann einfach irgendwo auf links aufzutauchen. Dadurch schüttelte er Woltmann mehrmals erfolgreich ab, allerdings wurden diese Läufe dann nicht bedient. Zur Geltung kam Hagner eher dann, wenn er direkt in den Halbraum reinging oder gar in den Strafraum zog. Dort kreuzte er die Absetzbewegungen von Bobic, den es immer wieder etwas nach rechts zog und wurde damit ein, zwei Mal im Sechzehner frei.

Bei Poschner, dem zweiten Hauptunterstützer der Offensivreihe, war es im Grunde ähnlich. Zwar ging er manchmal auch auf die linke Seite, meist stieß er aber zentral nach vorne und lief bis in den Strafraum durch. Dadurch konnte Balakov vor allem die Flügel und teilweise auch das offensive Zentrum für sich allein beanspruchen und den Zweikampf mit Kronhardt weit weg von den anderen Manndeckern suchen. Natürlich war Balakov seinem Gegenspieler dann technisch überlegen, aber auch seine Dynamik und das Timing seiner Bewegungen beeindruckte und verhalf ihm zu vielen erfolgreichen Aktionen. Die Unterstützung Kronhardts, etwa durch Zöphel und Irrgang, blieb bei Cottbus fatalerweise aus.

Soldo driftet nach links, damit Balakov auf den rechten Flügel ausweichen kann. Dort ist wegen der Manndeckungen ein großer Raum offen, in den Balakov mit einem schönen Bogenlauf hineinstarten kann. Cottbus' Sechser bleiben passiv und auf ihre Gegenspieler konzentriert. Im Anschluss holt Balakov die Ecke zum 1:0 heraus.

Wichtig war in diesem ganzen Konstrukt auch die Rolle von Soldo, der als halbrechter Sechser die weiträumigen Bewegungen von Poschner und Balakov absicherte. Teilweise übernahm er auch den Gegenspieler von Hagner, wenn dieser in die Spitze oder nach links gerückt war, ansonsten öffnete er mit kleinen Ausweichbewegungen fleißig Raum für Balakov, rückte bei zurückfallenden Bewegungen des Bulgaren leicht auf und leitete den einen oder anderen Angriff über die dominante rechte Seite auch selbst ein.

Offensivprobleme bei beiden Teams


Trotz der extrem präsenten Einbindung Balakovs bekam der VfB viele Angriffe nicht zu Ende gespielt. Das lag nicht zuletzt an den fehlenden Verbindungen durchs offensive Mittelfeld – sozusagen die Kehrseite des Balakov-Monopols. Das Zusammenwirken zwischen den Stürmern war zwar gut, aber Balakov hatte oft keinen direkten Zugriff auf diese Bewegungen, sodass er häufig nur Flanken schlagen oder Freistöße rausholen konnte. Das Spiel des VfB war daher trotz vieler individueller Highlights im Gesamten nicht besonders durchschlagend. Große Torchancen waren trotz drückender Überlegenheit eher Mangelware. Für Elbers Führungstor musste eine Ecke herhalten.

Die Cottbuser hatten dagegen eine Halbzeit lang damit zu kämpfen, überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen. Die besten Szenen ergaben sich noch durch die wenigen Umschaltsituationen, bei denen Konetzke in den Raum hinter Hagner auswich. Ansonsten spielten sie aber früh lange Bälle in die 2-gegen-3-Unterzahl vorne und gewannen kaum einen zweiten Ball. Um sich spielerisch zu behaupten, fehlten ihnen die technischen Möglichkeiten und auch physisch konnten sie mit der VfB-Defensive plus Soldo nicht mithalten.

Geyer geht ins Risiko – und hat Pech


Kurz vor der Pause wurde Kronhardt befreit und tauschte seine Rolle mit Zöphel. Dieser konnte gegen Stuttgarts Weltklasse-Zehner zwar auch nicht konstant bestehen (Manndeckung bleibt Manndeckung bleibt Mist), hatte aber in der zweiten Hälfte zumindest die eine oder andere erfolgreichere Szene im Zweikampf. Weiterhin wurde Cottbus nun offensiver, sie rückten nach langen Bällen entschlossener auf, suchten mehr spielerische Lösungen und sie fanden Schwachstellen beim VfB.

Detlef Irrgang (kann der übrigens bitte sofort mit Christian Gentner den Nachnamen tauschen?) wurde als aufrückender Mittelfeldspieler präsenter und infiltrierte den Raum hinter Poschner. Der umtriebige und etwas unzuverlässige Poschner ging keine ganz so engen Manndeckungen ein wie Soldo. Stattdessen trieb es ihn häufig etwas zu weit ins Zentrum, wobei er den vorstoßenden Irrgang im Rücken vergaß. Da Soldo halbrechts genug zu tun hatte und die Abwehrspieler gebunden waren, war der Cottbuser Sechser oft frei und konnte die Angriffe weiterspielen oder selbst abschließen. Eingeleitet wurde sowas ein, zwei Mal durch schöne diagonale Pässe vom vorher komplett unsichtbaren linken Flügelläufer Woltmann.

Poschner rückt raus und lässt seinen Gegenspieler allein. Legat kann Irrgang nicht nach innen verteidigen, Berthold und Verlaat sind sich uneinig, wer herausrückt. Zumindest ein Distanzschuss springt bei diesem Angriff heraus. Außerdem sieht man sehr schön die konsequenten Manndeckungen von Soldo und Haber. 

Das erhöhte Risiko wirkte sich für die Cottbuser insgesamt positiv aus. Unglücklicherweise schloss der VfB recht früh nach Wiederanpfiff einen Konter mit einer ordentlichen Portion Glück (Verteidiger grätscht den Ball von hinten weg. Ball rollt genau in den Lauf des Stürmers) zum 2:0 ab. Ansonsten konnte der VfB aus den neuen Konterräumen nicht so viel Kapital schlagen, wurde behäbig im Nachrücken und schaffte es weder das Spiel unter Kontrolle zu bringen noch es im Umschalten zu entscheiden. Die tiefen und engen Flügelläufer schadeten nun eher der Ballzirkulation, die nicht so weiträumig gestaltet werden konnte, wie es so manche Situation erfordert hätte. Balakov wurde häufiger in schlecht vorbereiteten, undynamischen Konstellationen angespielt. Zwischen dem magischen Dreieck und dem Rest der Mannschaft klaffte außerdem eine immer größere Lücke, aus der heraus der Drittligist seine Angriffe ruhiger und gezielter vortragen konnte. Gestützt wurde diese Entwicklung von Geyers Wechseln. So kam in Person von Igor Lazic und später Moise Enguelle mehr spielerische Klasse fürs offensive Mittelfeld, während Kronhardt nach rechts rückte.

Nach und nach fing sich der VfB allerdings wieder und konterte den auf den Anschlusstreffer drückenden Gegner zielstrebiger aus. Damit holte sich der VfB wieder mehr Spielanteile in der gegnerischen Hälfte und beruhigte so das Spiel. Bis dato hatte die Stuttgarter Endverteidigung noch alles abgeräumt, zumal gegen Ende mit Thomas Schneider für Hagner noch ein weiterer Innenverteidiger kam. Die Drangphase von Energie flaute im Angesicht des Zwei-Tore-Rückstandes stetig ab und das Spiel endete ohne die mögliche Aufholjagd.

Fazit


Alle Bälle zu Balakov - was als vager strategischer Rahmen dieser Zeit überliefert ist, lässt sich zumindest in diesem Spiel anhand von klaren taktischen Mustern ablesen. Dafür und darüber hinaus hatte Löw eine Reihe von taktischen Ideen - die interessante und passende Hagner-Rolle, die insgesamt überraschend defensive Ausrichtung und eben den Fokus auf Balakovs Ausweichbewegungen. Nicht alles davon klappte perfekt, aber es reichte, um den krassen Außenseiter oft genug in Verlegenheit zu bringen.

Nichtsdestotrotz war vor allem die Reaktion auf die veränderte Spielbalance in der zweiten Halbzeit nicht gut. Die defensive und eher reaktive Ausrichtung beinhaltete keinen wirklichen Dominanzanspruch und konnte von einem aufmüpfigen Drittligisten ordentlich ins Wanken gebracht werden. Der Blick auf die Ergebnisse in den vorherigen Runden bestätigt diesen Eindruck der VfB-Mannschaft in dieser Saison: 0:0 gegen Fortuna Köln (damals Zweitligist) und Sieg im Elfemterschießen, 1:1 gegen Hertha BSC (Zweitligist) und erneut Sieg im Elfmeterschießen, 2:0 gegen den FSV Zwickau (Zweitligist), 1:1 gegen den SC Freiburg (Erstligist im Abstiegskampf) mit abermaligem Sieg im Elfmeterschießen und im Halbfinale 2:1 gegen den HSV. Nach einem dominanten Pokalrun, bei dem die Außenseiter reihenweise abgeschossen wurden, sieht das eher nicht aus.

Wenig Dominanz und Probleme das Spiel zu gestalten? Aus heutiger Sicht könnte man meinen, das wäre ein Ausschnitt aus der VfB-DNA. Wenn der VfB der Gegenwart im Mai 2017 nicht die Rückkehr in die Bundesliga feiert – nun, daran könnte es vielleicht gelegen haben.

1 Kommentar:

  1. Sehr schöne Analyse, da wird man ganz nostalgisch ;)
    Ich würde ich sehr freuen, etwas zu Luhukays Spielphilosophie von dir zu lesen und wie du diese einordnen würdest. Wie schätzt du den (wahrscheinlich) angestrebten Ballbesitzfußball in Verbindung mit dem bisherigen Kader ein, dürfen wir uns auf viele Mannorientierungen einstellen und was mich vor allem interessiert: was konntest du bisher in den Testspielen für einen Eindruck vom Spielaufbau gewinnen?

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