Mittwoch, 3. August 2016

Fünf taktische Fragen zur kommenden Saison

Mangels einer ausreichenden Zahl gesehener Testspiele und der noch zu schließenden Lücken im Kader, gibt es hier statt einer „normalen“ Saisonvorschau mit handfesten Aussagen fünf offene Fragestellungen zur kommenden Zweitligasaison. Also los.

1. Wie viel Dominanz kann der VfB entwickeln?


Wer, wie der VfB, das unbedingte Ziel hat, aufzusteigen, muss konsequenterweise den Anspruch haben, die beste Mannschaft der Liga zu sein. Der VfB steht vor der Aufgabe, in einer dauerhaften Favoritenrolle so konstant wie möglich zu punkten und darf sich von den Underdogs nicht auf ihr Niveau herunterziehen lassen. Ein gewisses Maß an Kontrolle und die Fähigkeit, dem Gegner das eigene Spiel (wie auch immer dieses aussieht) aufzudrücken kann dabei nicht schaden.

Das steht allerdings im Kontrast zu dem VfB, den man die letzten Jahre erlebt hat. Unterlegene Gegner wurden kaum einmal dominant geschlagen. Die Spiele waren oft knapp und von relativer Offenheit geprägt. Im Pokal quälte man sich regelmäßig von Runde zu Runde, Schlussphasen mit knapper Führung wurden zu Zitterpartien. Spiele zu kontrollieren war noch nie eine Stärke des VfB, könnte in der zweiten Liga aber eine entscheidende Qualität sein.

Dazu gehört auch eine stabile Struktur in Ballbesitz, damit man nicht ständig ausgekontert wird. Durch Gentners prägende Rolle und einen mannschaftlichen Fokus auf Offensivpräsenz war die Absicherung ein ständiges Problem, das in den besseren Phasen vor allem durch extrem weiträumige Staubsauger (Die, Gruezo) gelöst wurde. Von denen ist aber mittlerweile keiner mehr da. Es wird sich also in der mannschaftstaktischen Offensivstruktur signifikant etwas ändern müssen, ansonsten droht man wieder in instabile Phasen hineinzurutschen, die einen letztlich den Aufstieg kosten können.

2. Wie hoch spielt Maxim?


Derzeit wahrscheinlichste Stammformation zu
Saisonbeginn.
Alexandru Maxim ist schon für Bundesligaverhältnisse ein ziemlich guter Fußballer und für die zweite Liga zweifelsohne überqualifiziert. Seiner neuen, herausragenden Stellung im Kader und in der gesamten Liga zum Trotz ist er aber kein Spieler, der sich mit individuellen Aktionen in den Vordergrund drängt, sondern eher subtil im Hintergrund operiert. Dennoch muss es das Ziel sein, Maxim möglichst präsent ins Spiel zu bringen.

Es stellt sich nur die Frage, wie man das am besten bewerkstelligt. Maxim kann sowohl in einer hohen Zehner-Rolle die Interaktion mit den Flügelspielern suchen und in einem großen Teil der Offensivräume kreativ sein, als auch gestaltender aus tiefen Position agieren. Letzteres hätte den Vorteil, dass Gentners Aufrücken besser balanciert würde und man mehr Verbindungen durch die Achterräume hätte. Im Test gegen Spartak Moskau spielte Maxim eine Mischrolle aus beidem in einem 4-2-3-1/4-1-4-1 und bewegte sich vor allem auf die Flügel.

Die jüngsten Transfers legen nahe, dass das Pendel eher Richtung 4-2-3-1 als 4-1-4-1 ausschlagen wird. Mit Hosogai hat der VfB einen strategisch begabten Sechser geholt, der zusammen mit den spielstarken Innenverteidigern für einen guten Spielaufbau sorgen kann, sodass Maxims Zurückfallen ein Stückchen weniger notwendig wird. Zudem besitzt der VfB momentan praktisch keine offensiven Kreativspieler; hier wird auch Tobias Werner keine Abhilfe schaffen. Maxim wird also dringend im letzten Drittel benötigt und sollte eine entsprechend attackierende Rolle bekommen. Offen bleibt in diesem Fall, wie gut Gentner abgesichert wird.

3. Was passiert auf den Flügeln?


Im Moment ist noch ziemlich unklar, welche Rolle den Flügelspielern zukommen soll. Im Test gegen Spartak spielten mit Ramaj und Stefandl zwei Dribblertypen, die die Linie hielten und mit ausweichenden Bewegungen von Maxim und Gentner unterstützt wurden – so ähnlich wie man es von Luhukays Hertha kennt. Gegen Brünn spielten dagegen Großkreutz und Sonora in einem 4-4-2 und waren weit flexibler unterwegs. Vor allem Großkreutz rochierte massiv (allerdings recht undynamisch) mit sämtlichen Positionsnachbarn, während Sonora einrückte.

Je nachdem welche Flügelspieler noch verpflichtet werden, könnte sich das Offensivspiel auch noch deutlich wandeln. Zum Beispiel wollte man mit Roy Beerens ursprünglich einen Individualdribbler haben, jetzt hat man den tororientierten Supportspieler Werner geholt. Damit steht im Moment, zählt man die gelernten Außenverteidiger mit, ein Haufen defensivstarker, unterstützender Außenspieler zur Verfügung. Denen fehlt es zwar sehr an individueller Durchschlagskraft, aber sie passen andererseits ganz gut zu Maxim. Werner könnte zum Beispiel mit seinen diagonalen Läufen Raum öffnen, während sich Maxim etwas nach links absetzt – analog zum Augsburger Mechanismus mit Altintop. Mit Großkreutz wäre auch ein breiteres Spektrum an Interaktion denkbar. Ein bisschen Kreativität und Dribbelstärke darf man trotzdem gerne noch dazuholen.

4. Wieviel Mannorientierung wird es geben?


Luhukay ist zwar bekannt für seine teils extreme Form der Manndeckung, zeigte sich aber in den Tests gegen Spartak und Brünn was das angeht überraschend zurückhaltend. Die Flügelspieler und Sechser gingen zwar situativ kurzzeitige Mannorientierungen ein, aber bei weitem nicht in der Form, wie man es vielleicht erwartet hätte. Das ganze fand in einem sehr tiefen 4-4-2-Mittelfeldpressing statt, das ein bisschen unter den sehr zurückhaltenden Rollen der Flügelspielern litt. Angriffspressing gab es gar nicht zu sehen.

Grundsätzlich klingt eine solche gemischte Ausrichtung ganz vielversprechend, um die Physis von Fixpunkt Gentner mit den vielen balancierten Pressingspielern um ihn herum zu kombinieren. Extreme Mannorientierungen würde intelligenten Pressingspielern wie Grgic und Maxim sowie den Innenverteidigern nicht besonders zufallen. Es scheint also durchaus so zu sein, dass Luhukay sein System an den Kader anpassen will. Man wird sehen, wie es in den Punktspielen letztlich aussieht und ob man vielleicht tatsächlich versucht, der Favoritenrolle fürs Erste ein bisschen auszuweichen und in einer passiveren Grundausrichtung die eigene defensivstarke Besetzung und die Aufbauschwächen der anderen Zweitligisten in den Vordergrund rückt. Gewisse lockende Effekte durch die Faulheit von Terodde oder die abwartenden Flügelrollen könnten nicht nur eine Schwäche, sondern auch ein Ansatzpunkt zur Entwicklung von Pressingfallen sein.

5. Kommen taktische Impulse aus dem Nachwuchs?


Trotz des ärgerlichen Verkaufes von Arianit Ferati ist das Feld an potentiellen Verstärkungen aus der U23 und U19 sehr breit. Es scheint aber auch aktuell niemanden zu geben, der mit aller Macht in die Startelf drängt.

Die besten Aussichten haben wohl die beiden Achter Özcan und Besuschkow. Beide sind gute Techniker, die auf unterschiedliche Weise für durchschlagende Aktionen sorgen können. Sie werden allerdings auch in ihrer Optimalrolle von Gentner blockiert. Dazu haben sie noch nicht unbedingt die strategische Reife für eine zentrale Rolle in einer Mannschaft, die mit viel Ballbesitz umgehen muss. Eine Möglichkeit wäre daher, einen von beiden als Linksaußen heranzuführen, um für Dynamik, Durchschlagskraft und Unterstützung des Zentrums zu sorgen. Angesichts der vakanten Außenpositionen sicher nicht uninteressant, um mehr Spielstärke ins Offensivspiel zu bekommen.

Andere Spieler scheinen da noch etwas weiter weg. Sonora ist ein kombinationsfreudiger Zehner oder Linksaußen, der gut in eine spielende Offensive hineinpassen würde, aber insgesamt noch etwas ziellos und ineffektiv in seinen Aktionen wirkt. Wenn die Zielstrebigkeit vor allem von Gentner hergestellt wird und weniger über die Flügelspieler, dann könnte man ihn gewinnbringend einbauen. Allerdings braucht er wohl noch ein paar Entwicklungsschritte, wie auch Mart Ristl, der in seinen bisherigen Einsätzen als Sechser noch nicht mit dem höheren Tempo zurechtkam.


PS: Regelmäßige VfB-Spielanalysen von mir wird es voraussichtlich wieder im Onlineangebot der Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten geben.

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