Mittwoch, 11. Oktober 2017

80er trifft Moderne: Deutschland - Tschechien 2004

Im finalen Gruppenspiel der EM 2004 versuchte Deutschland guten, modernen Fußball zu spielen und kombinierte das mit Elementen aus der Zeit vor der Jahrtausendwende – ein Spagat, der zwar keinen perfekten, aber hochinteressanten Fußball hervorbrachte. Das 1:2 gegen Tschechiens B-Elf in der Analyse.

1. Halbzeit
Nach den von der Öffentlichkeit naturgemäß unterschiedlich aufgenommenen Unentschieden gegen die Niederlande und Lettland ging es für Deutschland im letzten Spiel der Gruppenphase gegen die bereits sicher als Erster fürs Viertelfinale qualifizierten Tschechen. Da die Niederländer im Parallelspiel gegen Lettland klarer Favorit waren (und auch nach 35 Minuten bereits 2:0 vorne lagen) war klar, dass Deutschland das Spiel gewinnen musste um weiterzukommen. Tschechien schonte in diesem Spiel praktisch sämtliche Stammspieler. Einzig Tomas Galasek zählte aus dieser Elf unbestreitbar zur ersten Garde.

Deutschland bestritt die erste Halbzeit in einer spannend besetzten und interpretierten 3-4-2-1-Formation. Vorne begann mit Kuranyi ein klassischer Neuner. Dahinter starteten Bernd Schneider und Michael Ballack als Doppelzehn, wobei Ballack viel in den Achterräumen unterwegs war und Schneider vor allem die Interaktion mit Kuranyi suchte. Auf der Sechs agierten Liverpools Dietmar Hamann und – damals ja eigentlich noch überwiegend auf dem Flügel eingesetzt – Bastian Schweinsteiger in einer klaren Sechser-Achter-Aufteilung. Die Flügelverteidigung bildeten Philipp Lahm und Torsten Frings. In der Abwehr spielten Arne Friedrich (in seiner Paraderolle als rechter Halbverteidiger), Jens Nowotny und Christian Wörns.

3-4-2-1-Mittelfeldpressing mit einem Schuss Achziger


Im Pressing stand Deutschland damit vor allem im Zentrum sehr dicht. Aus ihrer kaum mannorientierten Grundstellung konnten sie situativ ausschwärmen und Druck auf die Flügel oder auch auf Innenverteidiger und Torwart machen. So schoben die Halbzehner gelegentlich auf Tschechiens tief angebundene Außenverteidiger heraus und stellten gleichzeitig die Optionen ins Zentrum zu. Zwischen den Zehnern konnte der defensivstarke Magath-Schüler Kuranyi ins Rückwärtspressing gehen. Auf den Flügeln rückten Frings und Lahm aggressiv gegen die Flügelspieler der Tschechen heraus und liefen teilweise sogar bis zum Außenverteidiger durch, wenn ihr Vordermann gerade nicht zur Stelle war. So weit war das 3-4-2-1-Pressing ähnlich organisiert wie zeitgenössische Varianten.

Der größte Unterschied zu heute lag (neben der logischerweise niedrigeren Intensität) wohl im Verhalten der Dreierkette, die tatsächlich noch recht altmodisch daherkam. Anstatt ballorientiert auf die Seite mitzuschieben, blieben die drei Verteidiger oft zentral vor dem Strafraum. Das war speziell auf links der Fall, weil die Dreierkette asymmetrisch formiert war und etwas nach rechts gerückt dastand (siehe Formationsgrafik). Das heißt: Friedrich sicherte Frings besser ab als Wörns Lahm. An sich war die Dreierkette auch nicht wirklich eine Kette, sondern ähnelte schon ein wenig der 1-2-Aufteilung mit einem Libero hinter zwei Vorstoppern in den Manndeckungssystemen der 80er. Neben seinen Vorstößen und langen Bällen versprühte Nowotny auch mit seinem absichernden Zurückfallen zweifellos einen gewissen Libero-Flair. Von Manndeckern kann man bei den Halbverteidigern wiederum nicht sprechen.

Die Räume hinter Frings und vor allem hinter Lahm wurden seitens der Tschechen oft von peripheren (und daher schwer zuzuordnenden) Spielern angesteuert, vor allem vom ausweichenden Zehner Marek Heinz. Vereinzelt tauchten auch Jiranek oder Tyce in diesen Räumen auf. Solche Läufe mussten oft umständlich aus dem Mittelfeld verteidigt werden. Besonders Schweinsteiger hatte als linker Sechser große Räume abzudecken. Er bewegte sich zwar gut in die Gefahrenbereiche, sicherte auch regelmäßig Lahm ab, wenn dieser in die Mitte oder nach vorne verteidigte, kam aber aufgrund seiner fehlenden Dynamik nicht immer in die Zweikämpfe. Zumindest gelang es aber Ballack, Kuranyi und Schneider die folgenden Lücken im Mittelfeldzentrum rasch zu stopfen, sodass Tschechien der Rückweg ins Zentrum genommen wurde. Mit Hamanns Unterstützung konnten die drei Abwehrrecken dann das Allermeiste wegverteidigen. Hier profitierte Deutschland davon, dass Tschechien äußerst zögerlich nachrückte. Die Außenverteidiger standen tief. Nicht selten mussten vier Tschechen gegen sieben Deutsche die Angriffe zu Ende bringen.

Variables Ballbesitzspiel


Da die Tschechen mit wenig Ambition ins Spiel gingen, hatte Deutschland entsprechend viel vom Ball. Tschechien ging kaum auf zweite Bälle und konzentrierte sich extrem auf die Kompaktheit im Mittelfeld. Im 4-2-3-1 war der Zehner tief angebunden und die Flügelspieler pressten immer wieder von außen auf die Halbräume drauf und rannten wieder zurück auf ihre Position, wenn der Pass in ihren Rücken kam (vor allem Vachousek präsentierte sich laufstark). Dadurch war die Kompaktheit der Tschechen auf einem, für diese Zeit, hohen Niveau.

Deutschland hielt mit einem vielseitigen Ballbesitzspiel dagegen, mit vielen Positionswechseln, bei dem Schneider, Ballack und Schweinsteiger immer wieder in den offensiven Halbräumen auftauchten und weite diagonale Rochaden und Kreiselbewegungen zeigten. So zog es Schneider immer wieder nach halblinks, wo er um Kuranyi herumschwirrte. Ballack ließ sich mehr in den Aufbau zurückfallen und war ansonsten um Lahm herum, in den offensiven Halbräumen und natürlich im Strafraum präsent. Schweinsteigers Bewegungen waren im Vergleich etwas diagonaler und gingen kaum bis in den Sechzehner durch. Im Gegensatz zu Ballack rochierte er auch mal bis auf die offensiven Flügelpositionen. Oft balancierte er Ballacks Zurückfallen. Seine gute Orientierung in den Räumen erinnerte bereits an den Schweinsteiger aus der jüngeren Vergangenheit.

Auch im Spielaufbau war der 19-jährige Schweinsteiger überraschend nah dran an dem Spieler, der Jahre später erst auf dieser Position zur Weltklasse aufsteigen sollte. Strategisch war bereits eine Menge Ambition und Qualität zu erkennen: Schweinsteiger lenkte den Aufbau auch in schwierigen Szenen in die richtigen Räume. Deutschland konnte allerdings noch von weiteren Positionen das Spiel eröffnen. Arne Friedrich (seltener auch Nowotny) ging mit Ball oft in die schematische Lücke halbrechts und trieb die Bälle druckvoll durch den Halbraum. Etwas seltener tat Wörns das selbe auf links. Das Interessante daran war, dass alle drei Verteidiger nach ihren Vorstößen erst mal vorne blieben und sich in die Offensivräume einsortierten, anstatt gleich auf ihre Position zurückzulaufen. So schufen sie Präsenz im Strafraum und sorgten für überraschende Zusatzverbindungen.

Abgesichert wurde diese bewegliche Spielanalage vor allem von Hamann und den Flügelverteidigern. Obwohl Hamann ebenfalls ein guter Stratege war und den einen oder anderen Ball zwischen die Linien brachte, konzentrierte er sich in diesem Spiel vor allem auf die Absicherung und versuchte Raum für die Kollegen zu öffnen. Lahm und Frings machten wenig Druck auf die letzte Linie und blieben überwiegend halbhoch und breit, um zwischen Tschechiens Außenverteidiger und Flügelspieler für Verlagerungen anspielbar zu sein. So bekam vor allem Frings viele Bälle im Raum hinter Vachousek.

Gute Ansätze, wenig Durchschlagskraft


Zwar war Deutschlands Aufbauspiel insgesamt durchaus sehenswert, sie schafften es aber zunächst selten mit ihren Abläufen bis zum Strafraum durchzukommen. Teilweise waren sie in ihren Bewegungen nicht konsequent genug und gingen nicht klar genug in die geöffneten Räume hinein. Zudem war das Bewegungsspiel der deutschen Elf ein wenig zerstückelt mit Gruppen von lediglich zwei bis drei Spielern, die konkret miteinander interagierten. Der Rest der Mannschaft schloss sich träge oder gar nicht an bereits begonnene Aktionen an. Exemplarisch dafür forderte Ballack einige Male im offensiven Halbraum unnötig den Ball, anstatt sich etwa für den Pass in der Tiefe anzubieten. Dazu kam dann noch, dass bei Deutschland kein einziger Spezialist für enge Räume auf dem Platz und auch wenig gute Dribbler, die auch mal mit Ball in die von Schweinsteiger oder Ballack aufgezogenen Räume hineingehen konnten.

Tschechiens Mittelfeldkompaktheit reichte daher, um die deutschen Kombinationsansätze konstant zu verteidigen. Das gelegentliche, unorthodoxe Herausrücken von Jiranek auf Ballack, wenn dieser auf links oder zwischen den Linien unterwegs war, sorgte dabei für zusätzlichen Zugriff und würgte die deutschen Angriffe schnell genug ab, bevor etwa die befreiende Verlagerung auf Lahm erfolgen konnte.

Aber Deutschland hatte auch einen Plan B, über den sie etwas mehr Torgefahr erzeugen konnten. Das eine waren lange Bälle auf Kuranyi, der die Bälle dann auf Schneider und Ballack ablegte. Vor allem Schneider bewegte sich hier exzellent auf die zweiten Bälle bzw. Kuranyis Ablagen. Der andere Weg waren Flanken, die in erster Linie die Flügelverteidiger aus tiefen Positionen oder ein nach außen rochierender Mittelfeldspieler von weiter vorne schlug. Der lineare, etwas unambitioniert spielende Frings lockte auf rechts immer wieder Mares aus der Position, sodass einer von Tschechiens leicht mannorientierten Sechsern mit Schneider oder Schweinsteiger mitgehen musste, wenn diese in die Lücke hinter dem Linksverteidiger starteten. Über gutes Nachrücken hielt Tschechien, ähnlich wie die deutsche Mannschaft, jedoch die Kompaktheit und konnte den von Frings kaum dynamisch bespielten oder ausgedribbelten Halbraum schnell genug zulaufen, zumal hier immer wieder ein Loch in Deutschlands Formation bestand. So blieb es halt bei den Flanken, die immerhin in einen variabel besetzten Strafraum kamen. Hier zeigte Schneider wieder ein gutes Raumgefühl und Ballack eine schwer zu verteidigende Wucht und ein gutes Timing aus der Tiefe.

Deutschland verteidigt die Dominanz


2. Halbzeit
Zur Pause stand es 1:1, nicht genug aus deutscher Sicht. Also stellte Völler um: Lukas Podolski kam für Frings und nahm seine gewohnte, stürmerhafte Linksaußenrolle ein. Nominell spielte Deutschland nun ein schiefes 4-2-3-1, an der Rollenverteilung änderte sich aber lediglich bei Ballack und Schneider Merkliches. Ballack agierte nun als einziger Zehner, war im Aufbau häufiger halbrechts zu finden und agierte phasenweise in einer Art Doppelacht mit Schweinsteiger. Schneider agierte rechts breiter als zuvor, um den Raum für Friedrich aufzumachen und stieß erst später im Angriffsverlauf in den Strafraum hinein. Ansonsten war bei den Deutschen aber eigentlich alles wie vorher.

Tatsächlich waren es die bis dato passiven Tschechen, die der zweiten Halbzeit einen anderen Rhythmus verliehen. Sie liefen im Pressing viel früher an und besetzten bei langen Bällen konsequenter die Räume hinter Zielspieler Lokvenc. Die Flügelspieler machten viele diagonale Wege, die Sechser schoben aggressiv hinterher und machten auch vermehrt Druck auf Deutschlands Mittelfeldzentrum.

Das deutsche Team ließ sich von Tschechiens Aggressivität aber überhaupt nicht verunsichern. Im Gegenteil: Sie schwangen sich zu ihrer stärksten Phase des Spiels auf. Wenn Tschechien den zweiten Ball nicht gewinnen konnte, bekam Deutschland die dringend benötigten Räume auf dem Flügel und zwischen den Linien. Ansonsten versuchten die Aufbauspieler nun fokussiert die Spieler im Zentrum mit Flachpässen einzusetzen und die gegnerischen Sechser aus ihrer Position zu ziehen. Dabei zeigte sich Deutschland überraschend pressingresistent. Schweinsteiger, Nowotny und Friedrich hatten einige enge Situationen zu bewältigen, konnten aber (auch mit etwas Ballglück hier und da) stets den Ballbesitz sichern oder zumindest ein Foul ziehen und Tschechien zum Rückzug zwingen. Dass Deutschland sich dadurch weiterhin die Ballbesitzhoheit sicherte, war eine Schlüsselqualität in dieser Phase.

Über Halbraumdribblings von Friedrich, Vertikalpässe aus der ersten Reihe, oder über kurze Kombinationen um Lahm herum, gelangte Deutschland dann immer wieder zwischen die Linien und konnte über ein zumindest punktuell druckvolleres Kombinationsspiel als in Hälfte eins auch mehr Torgefahr durch flach ausgespielte Situationen versprühen. Alternativ bot Podolski eine zusätzliche Option für Flanken. Zudem legte Ballack individuell noch eine Schippe drauf, bewegte sich vorausschauender und spielte den einen oder anderen guten Pass aus einer tiefen halbrechten Position. Mitte der zweiten Hälfte hatte Deutschland Chancen im Minutentakt. Die größte davon entstand nach einem simplen Doppelpass Podolski-Lahm, den Ballack mit einem Pfostenschuss vom Strafraumrand abschloss. Der Abpraller ging schließlich zum freistehenden Bernd Schneider, der den Ball beim Nachschuss aufs leere Tor nicht richtig traf.

So blieb es erst einmal beim 1:1. Etwa 20 Minuten vor Schluss ging Deutschland noch mehr ins Aufrücken, Friedrich oder Nowotny marschierten durch den Halbraum und gingen mit in den Strafraum rein. Tschechien hatte in der zweiten Hälfte bis dahin praktisch keine Torchance gehabt, wenn auch schon ein paar Konter entstanden waren, aus denen sie mehr hätten machen können. In der 77. Minute machte Baros dann eine Art Kontertor, dessen Entstehung sich aus der Aufzeichnung nicht zweifelsfrei rekonstruieren lässt, weil zu dem Zeitpunkt als die Regie zum Live-Bild wechselte, Tschechien schon am Ball war. Völler brachte im Anschluss einen dritten Stürmer für Hamann. Die Staffelung vorne wurde schwächer, Deutschland positionierte sich fürs Bolzen, bolzte erst nicht, dann schon, hatte noch eine nennenswerte Chance durch eine Ecke und fuhr schließlich mit einer Niederlage nach Hause.

Ein gar nicht so blamables Ausscheiden


17:8 Schüsse (davon 10:6 aufs Tor) für Deutschland, dazu 9:1 Ecken. Eigentlich waren die Deutschen klar überlegen. Die in der ersten Halbzeit noch fast geschenkte Ballbesitzhoheit behauptete Deutschland nach der Pause stark und entwickelte daraus auch vermehrt Torchancen. Das flexible Mittelfeld um Ballack und Schweinsteiger und der zeitweise hohe Fokus auf das Zentrum und die Halbräume waren im Jahrzehnt des 4-4-2 überraschende Erscheinungen. Die Mannschaft war aber wohl noch nicht so weit, um diesen Fußball komplett zu verinnerlichen. So blieb es bei einer Mischung aus Altem und Neuem, dessen Pole sich zwar manchmal gegenseitig blockierten, der aber insgesamt schon cool anzuschauen war und mit dem man keinesfalls gegen Tschechiens zweite Garde verlieren muss.

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