Mittwoch, 31. Januar 2018

Stuttgarts letztes Spiel unter Hannes Wolf

Eigentlich ist nix passiert und auf einmal ist Hannes Wolf nicht mehr Trainer. Kehren wir den Scherbenhaufen nach dem Schalke-Spiel mal zusammen.

Die Rückrunde zeichnete bis dato einen klaren Trend beim VfB: Weg vom Pressing- und Stabilitätsfokus, von dem die Hinrunde überwiegend geprägt war, hin zu offensiverem Fußball. Diese Entwicklung basierte gegen Hertha und Mainz vor allem auf einer neuen 4-2-3-1-Formation, die das stabile 5-2-2-1 der Hinrunde ablöste. Gegen Mainz und Schalke trat der VfB außerdem vor allem in der mittelhohen Ballzirkulation mit sehr unorthodoxen Positionsstrukturen an, um sich gewisse strukturelle Vorteile im Ballbesitzspiel zu sichern.

Wie das gegen Mainz aussah, kann man in der Analyse von letzter Woche nachlesen. Gegen Schalke war es ungefähr so:


Baumgartl, Pavard und Kaminski formierten sich in den ersten Phasen des Aufbaus oder in der ganz tiefen Ballzirkulation noch als recht gewöhnliche Dreierkette. Später rückte Kaminski aber in eine tiefe Linksverteidiger-Rolle, während Pavard und Baumgartl im Wesentlichen ihre Grundposition hielten. Die Lücke zwischen Pavard und Kaminski wurde situativ von Burnic aufgefüllt, sodass sich eine Viererkette ergab. Gelegentlich ließ sich Gentner rechts auf ähnliche Weise in die Schnittstelle fallen. Die Flügelverteidiger rückten dafür bis in die letzte Linie vor, während Akolo und Özcan sich in den Halbräumen postierten und in verschiedene Räume hineingingen. Özcan fiel, wie schon gegen Mainz, weit auf den Flügel zurück, während Akolo zwar etwas häufiger die Wege nach vorne suchte, aber ebenfalls oft im tiefen Halbraum zu finden war.

Diese Struktur birgt eine Menge Potential gegen ein 5-2-3. Wenn Burnic zurückfällt, sind die Schnittstellen der ersten Pressinglinie alle besetzt und der Zugriff wird schwierig für die drei Spitzen. Zudem kann Burnic den Sechser aus der Position ziehen und Raum für Özcan öffnen. Er und Akolo wiederum werfen mit ihrer Zwischenposition Zuordnungsfragen auf: Werden sie vom Sechser, vom Außenstürmer, vom Flügelverteidiger oder vom Halbverteidiger angelaufen und gedeckt? Gerade das Herauskippen auf den Flügel war ein interessantes Element, weil die Distanz zum Sechser und Halbverteidiger groß wurde und die Flügelverteidiger unter Umständen von Insua und Bruun Larsen gebunden waren. Werden sie von den Halbverteidigern verfolgt, können verschiedene Spieler in die Lücke starten oder der breite Flügelverteidiger wird frei, weil sein Gegenspieler absichern muss. Zudem kann man mit den Halbverteidigern auch ohne die Halbzehner eine doppelte Flügelbesetzung herstellen und auf diese Weise etwa nach Verlagerungen stringente Flügelangriffe fahren.

Von der Theorie in die Praxis: Vier Aufbauspieler gegen drei Pressingspitzen. Özcan und Akolo in den Freiräumen neben den Sechsern. Drei Angreifer versuchen Spieler aus der Fünferkette zu binden. Gut, dass Gentner effektiv den Passweg auf Akolo zustellt ist natürlich suboptimal.

Hört sich alles gut an. Die Realität war aber eine andere: Nur 2 Schüsse gab der VfB in den ersten 45 Minuten ab, mit einem 0:2 ging es in die Halbzeit. Was war schiefgelaufen?

Schalkes Pressing


Zunächst mal fing Schalke in einem Angriffspressing an oder startete im Mittelfeldpressing und rückte dann mit den klaren Zuordnungen (Sechser gegen Sechser, die drei Angreifer gegen die Dreierkette) auf. Der VfB konnte in dieser Phase noch nicht so viele lange Ballbesitzphasen etablieren, sondern verlegte sich eher auf zweite Bälle. Mit dem offensiv interpretierten 3-2-4-1 als Ausgangsordnung hatten sie breitflächig Präsenz zwischen den Schalker Linien. Aus dem offensiven Mittelfeld konnten verschiedene Spieler mit Zielspieler Gomez kreuzen. Zusätzlich gingen mitunter Räume hinter Goretzka (-> Özcan), vor Meyer (-> Gentner) und vor der Fünferkette auf, in denen der VfB den Ball sichern konnte. Das Problem war, dass der VfB die folgenden Angriffe einerseits sehr schnell zu Ende spielen wollte, andererseits aber in der kurzen Zeit nicht genügend Personal im Strafraum versammelte. Gentner rückt bei Schnellangriffen eher ungern auf und fehlte daher oft. Akolo und vor allem Özcan waren ebenfalls nicht konstant im Strafraum präsent, sodass vereinzelt sogar nur Gomez und am langen Pfosten ein Flügelverteidiger oder so als Abnehmer blieben. So konnte der VfB aus den zweiten Bällen einerseits keine wirkliche Torgefahr entwickeln, fand andererseits aber auch nicht in Dominanzphasen hinein.

Nach den beiden Toren von Schalke (später mehr dazu), zog sich Königsblau öfter in ein kompaktes 5-2-3-Mittelfeldpressing zurück. Die Stürmer begannen recht eng und gingen Pässen auf die Seite nach um den VfB dort zuzustellen. Die Sechser übergaben Burnic und Gentner meist in den Raum, wenn sie sich in die Schnittstellen fallen ließen. Özcan und Akolo wurden hauptsächlich von den Halbverteidigern gedeckt. Gerade bei Kehrer war das auffällig - er folgte Özcan mannorientiert weit ins Mittelfeld, sodass dieser keinen Freiraum bekam.

Die Räume, die sich daraus im Rücken von Nastasic und Kehrer ergaben, waren dann schwierig anzusteuern, weil der VfB wegen seiner flügellastigen Ballzirkulation meist nur schwierig zu bespielende vertikale Passwege dorthin hatte und keine diagonalen. Zudem mangelte es an "freien Läufen" da rein. Oft wich Gomez zwar gut zur Seite wenn Nastasic oder Kehrer in der Kette fehlten, er hatte aber halt trotzdem Naldo an sich kleben. Insua und Bruun Larsen hätten mit Diagonalläufen die Lücke eh nur wieder geschlossen. Erst später in der ersten Hälfte deckte Gentner mit seinen Läufen aus einer peripheren Position heraus ein, zwei Mal das Potential auf, das der VfB hier liegen ließ.

Mithilfe der mannorientierten Halbverteidiger konnte Schalke damit im Mittelfeldpressing die Flügel effektiv zuschieben. Auf der aus Stuttgarter Sicht bevorzugte linken Seite klappte das besonders gut, da Harit erst aufmerksam den Passweg zu Özcan im Deckungsschatten behielt, bei Bedarf Goretzkas Herausrücken absicherte und konsequent auf Kaminski durchschob, wenn der den Ball bekam. Di Santo rückte in diesen Situationen bis auf Burnic nach. Während Kehrer und Caligiuri ihre Gegenspieler mannorientiert aus dem Spiel nahmen, hatte Schalke mit Meyer sogar noch einen freien Spieler zur Absicherung übrig. Zudem hatte Özcan (ebenso wie Akolo auf der anderen Seite) wegen seiner Bewegungsrichtung das ungefähr schlechteste denkbare Sichtfeld (schräg nach hinten/zur Seite). Keine Chance für den VfB, da unmittelbar durchzukommen.

Über rechts sah es strukturell etwas anders aus: Akolo versuchte zu Beginn nahezu als Rechtsverteidiger Bälle zu fordern. Gegen Schalkes hohes Pressing musste der VfB anfangs aber umständlich hintenrum verlagern, um den Kongolesen einzubinden. Dann war Schalke meist schon so weit verschoben, dass Oczipka einfach auf Akolo durchschieben und Bruun Larsen an Nastasic übergeben konnte. Wenig später agierte Akolo dann in einer mittelhohen Halbposition und damit wieder im Zugriffsbereich von Nastasic. Da es auf rechts nun keinen breiten Aufbauspieler wie Kaminski links gab, waren die Räume hier schwieriger zu erschließen und es entstand wie schon gegen Mainz ein Linksfokus im Aufbau.

Der VfB-Aufbau und seine Probleme


Dementsprechend war klar, dass der VfB entweder für mehr Raum auf den Flügeln sorgen (das heißt: in Räume kommen, die den Gegner zum Verschieben zwingen und dann schnelle Verlagerungen spielen) oder durch die Mitte spielen musste. Warum beides nicht konstant klappte, hatte vor allem mit allgemeinen Charakteristika der Mannschaft zu tun, zeigte aber auch einzelne strukturelle Nachteile auf.

  • Bei den zugeschobenen Staffelungen auf links zeigte sich ein Nachteil von Burnics Zwischenrolle aus Sechser und Innenverteidiger: Wenn er sich nicht weit genug fallenließ, blockierte er den Passweg von Kaminski zu Pavard. Bei einer orthodoxen Viererkette, wäre der Passweg zum ballfernen Innenverteidiger meistens offen gewesen. Eine schöne Lösung, die es zum Ende der ersten Halbzeit zu sehen gab, war, dass Burnic sich fallen lässt und Pavard in den Sechserraum schiebt und dort frei wird.
  • Bis auf Özcan waren alle Flügel- und Halbspieler "richtigfüßig" aufgestellt, dass heißt Linksfuß auf links, Rechtsfuß auf rechts. Das hatte zur Folge, dass diagonale Passoptionen schwieriger genutzt werden konnten und eher Linienpässe betont wurden. Zum Beispiel agierte Burnic zwar sozusagen in der "Kroos-Rolle", konnte aber als Linksfuß kaum Pässe in den rechten Halbraum zu Gentner oder Akolo verteilen. Stattdessen mussten die Spieler vom Flügel immer wieder um Schalkes Formation herum anstatt hinein spielen, was die Ballzirkulation verlangsamte.
  • Die Zirkulation selbst schien auf individualtaktischer Ebene von einem unterschwelligen Sicherheitsdenken durchzogen, wobei sich Ausmaß und Ausprägung von Spieler zu Spieler unterschied. Viele Pässe kamen in den Fuß, obwohl sie in den Lauf kommen mussten, wodurch der VfB sich schnell schließende Räume nicht schnell genug ausschöpfen oder gar ganz aufgeben musste. Auch in Aspekten wie dem Tempo der Pässe und der Positionierung in den Räumen fehlte ein Tick Aggressivität (was auch strukturelle Gründe hatte).
  • Das Passspiel war zu wenig weiträumig. Lange Verlagerungen auf die mindestens doppelt besetzten Flügel wären etwa für die eine oder andere Situation ein gutes Mittel gewesen. Ein Grund dafür war auch, dass die Positionsordnung keine Besetzung des Rechtsverteidiger-Grundraums vorsah, wodurch es schwer war von links nach rechts zu kommen. Andere Faktoren waren die schon angesprochene Richtigfüßigkeit und auch das Naturell vieler Spieler.
  • Im Zentrum fehlte es ein wenig an Weitsicht und "Rhythmusdominanz": Die Qualität, Bälle im richtigen Moment in die richtigen Räume spielen und sich dabei Optionen und Timing so wenig wie möglich vom Gegner diktieren zu lassen. Pavard zeigte zum Beispiel einzelne strategisch eher schwache Entscheidungen im Passspiel, während Phasen erhöhter Präsenz der Sechser eben häufig von "Tunnelblick-Gentner" und Burnics zwar insgesamt guten aber noch etwas gleichförmigen, eher kleinteilgen und stabilitätsorientierten Ballverteilung geprägt waren. Kaminski, der diese Fähigkeiten mindestens auf kognitiver Ebene mitbringt, ließ sich als Linksfuß und durch die Seitenlinie eingeschränkt häufig zu suboptimalen Linienpässen verleiten.

"Vorne rein"


Schließlich war neben der Ballzirkulation auch die Offensivpräsenz ein Problem, gerade zu Beginn des Spiels. Özcans Zurückfallen wurde wie schon gegen Mainz nicht mit Vorstößen aus den anderen Positionen heraus beantwortet. Gentner, der diese Läufe theoretisch machen kann, hatte zwar wie immer punktuelle, kleine Zeitfenster drin, in denen er mit seinen Läufen brutalen Effekt entfachte. In vielen Phasen stand der Kapitän aber auch relativ funktionslos irgendwo rum, ohne sich konsequent in laufende Angriffsbemühungen einzuklinken. Dadurch fiel er in den meisten Szenen als Anschlussoption zwischen den Linien oder als Raumöffner weg (wobei er da nach und nach etwas aktiver wurde).

Als letzten Punkt kann man noch den Flankenfokus im letzten Drittel nennen. Wie so häufig sollten die Angriffe vollendet werden, indem sich viele Spieler in den Strafraum orientieren und die Bälle "vorne rein" gespielt werden, wie Wolf es gerne ausdrückt. Da der Flankengeber dadurch aber kaum unterstützt wurde, mussten viele Flanken aus sehr breiten und eher tiefen Positionen geschlagen werden. Diese Bälle sind nicht nur technisch anspruchsvoll und müssen oft unter Gegnerdruck gespielt werden, sondern sind auch relativ einfach zu verteidigen, weil sie lange unterwegs sind und in suboptimalem Winkel fliegen. Eine bessere Möglichkeit, die leider kein einziges Mal genutzt wurde, wäre vielleicht gewesen, dass Kaminski Insua in den Raum hinter Kehrer schickt. Caligiuri musste sich bei den "Flankenläufen" des Polen ja von Insua auf Kaminski umorientierten. Weil Kehrer tendenziell Özcan im Blick hatte, hätte in manchen Situationen ein einfacher Steilpass gereicht um Insua durch die Halbspur zur Grundlinie zu schicken. Stattdessen gelang dem VfB keine einzige seiner 27 Flanken von innerhalb des Strafraums.

Die gefährlichsten Szenen entstanden aus eher chaotischen Situationen zu Beginn, vor allem nach langen Bällen eines der Teams. Dann hatten Akolo und Özcan mehr Bindung zueinander und waren in Schalkes relativ großem Zwischenlinienraum präsent. Was die Aufbausituationen angeht, spielte Kaminski einige schöne Flanken-ähnliche Verlagerungen, wenn er dann doch mal Raum bekam, in den er mit Ball hineinstoßen konnte. Über rechts gab es auch den einen oder anderen Ansatz, bei dem sich Akolo und Bruun Larsen allein oder zusammen mit Gentner oder Gomez durch individuelle Aktionen und kurze Stafetten überraschend aus der Gleichzahlsituation lösen und horizontal oder diagonal weiterspielen konnten.

Grundsätzlich steigerte sich der VfB mit der Zeit und profitierte außerdem davon, dass Schalke vereinzelt ein wenig an Intensität und Kohärenz verlor und sich vereinzelt in ein 5-4-1 zurückzogen. Trotz theoretisch erhöhter Komapktheit bei Schalke war es nun wesentlich leichter, Angriffe über eine Seite durchzuziehen, da der VfB frei aus dem Sechserraum aufbauen konnte und Schalke daher nicht mehr einfach die Flügeloptionen zustellen konnte, sondern das ganze Feld verteidigen musste. In den letzten 5-10 Minuten hatte der VfB einige gute Szenen: Direktere Durchbrüche, gute Verlagerungen und Hereingaben mit hoher Strafraumpräsenz. Das System in Ballbesitz (einschließlich der Interpretation durch die Spieler) reichte zwar nicht aus, um gegen einen auf hohem Niveau verteidigenden Gegner zu Torchancen zu kommen, funktionierte ab dem Zeitpunkt als der Gegner ein bisschen nachließ aber sogar ziemlich konstant. Das setzt hoffentlich die oben genannten Schwachpunkte, die vielleicht einen zu kritischen Eindruck von Wolfs Ideen und der Leistung des VfB hinterlassen, ins richtige Verhältnis.

Eigentlich war die fehlende Effektivität im Ballbesitzspiel aber auch gar nicht so wichtig. Das größere Problem des VfB war das Spiel gegen den Ball.

Schwachpunkt Pressing


Nachdem das 4-4-2 sich gegen den Ball als zu instabil herausstellte, kehrte Wolf zum etablierten 5-2-2-1 zurück, welches allerdings auch nicht mehr so gut funktionierte wie die Hinrundenversion. Ein Kernelement des 5-2-2-1 war damals, dass es dem VfB darin gelang, den gegnerischen Aufbau frühzeitig am Flügel zuzustellen. Das funktionierte in diesem Spiel zu Beginn überhaupt nicht. Naturgemäß ist dieses Zustellen aus dem 5-2-2-1 heraus gegen eine Dreierkette nochmal schwieriger als gegen eine Viererkette, weil der Halbverteidiger nicht so klar zugeordnet werden kann. Das mannorientierte Zustellen sollte beim VfB so aussehen, dass der Flügelverteidiger den Flügelverteidiger anläuft, die Zehner den Halbverteidiger sowie Meyer, Gomez den zentralen Innenverteidiger blockiert und der ballnahe Sechser die Optionen im offensiven Halbraum verteidigt. Das Problem dabei war, dass die Mannschaft dieses Zustellen nicht wirklich forcierte und gerade die Zehner und Flügelverteidiger im Zweikampfverhalten sehr zurückhaltend auftraten. Dadurch hatten Schalkes Halb- und Flügelverteidiger wiederum genug Zeit am Ball, um mit einem langen Ball die Seite zu wechseln. Der Schlüsselspieler, um die Flügelsituationen aufzulösen war Max Meyer, der horizontal weit mit dem Ball verschob und damit die Zugriffssituation für den ballfernen VfB-Zehner weiter verkomplizierte. Ließ er Meyer laufen, hatte Schalke einen freien Mann und eventueller Zugriff war dahin. Ging er mit, wurden die Verlagerungsräume gigantisch, und die Chance, dass diese bespielt werden, war aufgrund des laschen Zugriffsverhaltens sehr hoch. Ein Dilemma.

Der VfB will rechts zuschieben. Zuerst kann Gentner Nastasics Eröffnung auf Konoplyanka nicht verhindern. Der lässt klatschen auf Meyer, der mit rüber schiebt und Özcan als ballfernen Zehner in der Folge bis auf den Flügel zieht. Weil Larsen zu weit weg von Oczipka steht, kann Meyer Konoplyankas Ablage einfach auf Oczipka weiterspielen, der dann mit einem einfachen Pass die komplett offene rechte Seite ansteuern kann.

So hatte Schalke viele Situationen, in denen sie nach Verlagerungen oder "einfach so" offen über die Halbverteidiger aufbauen konnten. Die Zehner standen dann relativ eng um Meyer herum und verhinderten direkte Anspiele auf ihn. Bei Pässen auf die Halbverteidiger versuchten die Zehner hinterherzuschieben, erhielten aber wegen ihrer engen Ausgangsposition keinen so rechten Zugriff und konnten ein Aufrücken mit Ball nicht immer verhindern. Zudem waren für Kehrer und Nastasic die vertikalen bis leicht diagonalen Passwege auf Schalkes ballnahen Außenstürmer oder di Santo offen (der ballnahe Sechser konnte davon ja auch nur maximal einen zustellen). Dieser bespielte dann entweder Wechselbewegungen innerhalb der Offensive oder ließ auf Meyer klatschen, für den sich dann im ersten Moment weder Özcan noch Akolo klar zuständig fühlten. In manchen Szenen, etwa wenn Akolo Nastasic anlief oder in tieferen Pressingszenen spielte Özcan auch enger gegen Meyer, sodass eine Art 5-2-1-2 entstand. Das funktionierte strukturell etwas besser, aber ohne Aggressivität ließ auch das zu viele Räume nutzbar.

Schalke kam dementsprechend in der Anfangsphase zu leichtem Raumgewinn und zementierte diesen im weiteren Angriffsverlauf. Die Flügelverteidiger rückten weit auf und banden ihre Stuttgarter Pendants. Goretzka spielte im gesamten Angriffsverlauf sehr hoch, fast wie ein Zehner, während Konoplyanka und Harit sich auf die Flügel fallen ließen. Es ergab sich eine Art 3-1-5-1 im Aufbau. Da Stuttgarts Flügelverteidiger von Caligiuri und Oczipka sowie Pavard von di Santo gebunden waren und die Halbverteidiger das Risiko, gegen Harit und Konoplyanka allzu weit rauszurücken scheuten, konnte Schalke nun die 3-gegen-2-Überzahl der Außenstürmer und Goretzka gegen Burnic und Gentner auskosten oder gegen verzögertes Anlaufen zumindest den Ball in hohen Zonen halten. Auch simple Flügelangriffe waren möglich, da die VfB-Sechser sehr weit verschieben mussten, wenn Harit und Konoplyanka an der Seitenlinie unterwegs waren.

Die beiden Tore, die Schalke nach Standards erzielte waren dementsprechend durchaus folgerichtig. Allerdings erspielte sich Schalke auch wenig klare Durchbrüche gegen die Fünferkette (wobei sich das Fehlen von Ascacibars Lückenstopfen durchaus bemerkbar machte). Abzüglich des Elfmeters bleibt für Schalke in Halbzeit eins ein xG-Wert von lediglich 0,3 übrig. Entlastung hatte Schalke danach eher über Konter, die dank des individuell recht schwachen und strukturell mittelmäßig begünstigen Gegenpressings des VfB relativ frei im Sechserraum der Knappen ausgelöst, aber meist nicht bis vors Tor durchgespielt werden konnten.

Nach dem 2:0 wachte der VfB schließlich auf, plakativ gesprochen. Das Pressing wurde nun intensiver und das Zweikampfverhalten individuell hartnäckiger. Dadurch klappte das Zustellen besser und der VfB konnte den Gegner jetzt häufiger wie geplant einschnüren. Teilweise ging der VfB sogar ins Angriffspressing, wobei einer der Sechser auf Meyer durchschob und die restliche Mannschaft in den offensichtlichen Zuordnungen presste. Der VfB hatte auf diese Weise sogar ein paar gute Balleroberungen, aus denen sogar Torchancen hätten werden können, wäre der VfB nicht so eine schlechte Kontermannschaft.

Zweite Halbzeit: Volle Offensive im 3-1-4-2


Nach der Pause kamen offensive Kräfte: Ginczek und Donis für Özcan und Larsen. Donis übernahm Larsens Position eins zu eins. Ginczek sortierte sich als hängende Spitze hinter Gomez ein. Akolo ging auf die linke Achterposition, Gentner auf die rechte. Abstöße wurden nun im 3-4-3 mannorientiert zugestellt, sodass Schalke den langen Ball wählen musste (wobei es komisch war, dass Baumgartl und nicht Pavard dann ins Kopfballduell mit di Santo ging. War aber letztlich kein Faktor). Im hohen Mittelfeldpressing sah man nun eine Art 3-1-4-2, selten kamen die Flügelverteidiger auch zurück und es entstand ein 5-1-2-2. War natürlich alles sehr improvisiert und auch instabil, sorgte aber für Präsenz bei Kontern und eigene Ballbesitzphasen.

Das 3-1-4-2 im Aufbau.

Diese Ballbesitzphasen spielten sich zunächst ähnlich ab wie in der alten Struktur, da ja auch praktisch nur der (ohnehin vergleichsweise redundante) Achter durch einen hängenden Stürmer ersetzt wurde. Die Präsenz bei zweiten Bällen war mit Ginczek als zusätzlichem Angreifer noch etwas besser als vorher. Im Aufbau kam der Vertikalpass auf Ginczek als zusätzliche Option dazu, allerdings harmonierte er nicht optimal mit seinen Ablagestationen. Zusätzlich dribbelte Donis nun über rechts (mit Gentner als Raumöffner), während die Halbverteidiger extrem weit aufrückten, sobald Schalke im 5-4-1 weit genug zurückgedrängt wurde. Teilweise agierten Baumgartl und Kaminski gleichzeitig in Außenstürmer-Position. Passend dazu nahm Insua etwa ab der 60. Minute auch endlich am Spiel teil, indem er sich von seiner Linksaußen-Position etwas löste, mehr im linken Halbraum unterwegs war und Kaminski den Flügel freigab.

Die Probleme blieben aber im Wesentlichen die selben. Insbesondere die systematische Vorbereitung der Flankensituationen blieb in der nach wie vor sehr flankenlastigen Ausrichtung ein großes Problem. Durch die massive Präsenz im Strafraum entstand trotzdem ein wenig mehr Torgefahr als zuvor. Aus dem Spiel heraus hatte Gomez eine sehr gute Möglichkeit nach einer Halbfeldflanke. Auf der anderen Seite ließ Schalke noch einige hochkarätige Konterchancen gegen das extrem offensive VfB-System verstreichen.

Einordnung


Der VfB wollte mehr Tore schießen und Hannes Wolf hatte mit aller Macht daran gearbeitet. Bei der Entwicklung hin zu besseren Ballbesitz-Lösungen im zweiten Drittel sind aber leider einige Stärken aus der Hinrunde verlorengegangen - im Pressing und im Gegenpressing. Nachdem der VfB das 4-4-2 gegen den Ball traditionell nicht stabil aufs Parkett bekam, fehlte nun auch im alten 5-2-2-1 zumindest in den entscheidenden Phasen die Qualität in der Umsetzung. Gleichzeitig waren die neuen Sachen noch nicht mächtig oder umfassend genug, um die Mannschaft alleine zu tragen.

Wendungen und auch kurzzeitige Rückentwicklungen kommen bei der Entwicklung von Mannschaften immer wieder mal vor und zeigen auch, dass diese Entwicklung von Leben und Ideen geprägt ist. Schon in der letzten Zweitligasaison gab es beim VfB unter Wolf ein, zwei Mal solche Sackgassen, wenn auch etwas kleinere. Leider bekam er diesmal nicht die Chance, den Kurs zu korrigieren.

1 Kommentar:

  1. Ich lese deine Analysen immer gern, die sind ein schönes gegenstück zu dem Quatsch von Hansi Müller "Ich will die Jungs kicken sehen" oder Aogo, der sagt, dass Wolf die Spieler mit Information überfordert hätte. Weiter so!

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