Donnerstag, 25. September 2014

5. Spieltag: Borussia Dortmund - VfB Stuttgart 2:2

Mit neuem System meldet sich der Tabellenletzte zurück und bringt den Favoriten aus Dortmund an den Rand einer Niederlage.

Provokante Unwucht im Tannenbaumsystem


Startformationen
Armin Veh griff zum Mittwochabend einmal tief in die Trickkiste. Gegen den Ball schickte er seine Mannschaft in einer neuen 4-3-2-1-Formation auf's Feld, wobei die beiden Zehner ein bisschen versetzt vor der Mittelfeldreihe spielten, sich aber grundsätzlich an den Schnittstellen ihrer Hintermänner orientierten. Werner als einzige Spitze setzte sich meistens etwas vom Geschehen ab und orientierte sich an Sokratis, sodass das Aufbauspiel des BVB auf deren rechte Seite gelenkt wurde. Indes spielten die Außenverteidiger entweder sehr eng und gliederten sich in die kompakte Formation ein, oder rückten nach Verlagerungen heraus, wenn der äußere Sechser nicht rechtzeitig Druck ausüben konnte.

Aus dieser Grundstellung heraus konnte der VfB einige starke Defensivstaffelungen herstellen und den BVB vereinzelt sogar in gefährliche Pressingfallen locken. Zum Beispiel waren die Schnittstellen des Mittelfels von mehreren Seiten umzingelt und konnten damit bei Anspiel des Gegners kollektiv zugeschoben werden (siehe Grafik). Das Zurückrücken der beiden Zehner in die Mittelfeldlücken sorgte dabei für sehr gute Dynamiken und beschützte die Kollegen einige Male, wenn diese ihre Position verließen, um horizontal nachzuschieben oder zu attackierten.

Juhu, endlich mal eine Szene, wo der VfB was gut macht. Durch das 4-3-2-1 stehen die Roten extrem kompakt im Zentrum (blau) und lassen den BVB in eine Pressingfalle tappen. Gentners Rolle in diesem Spiel war besonders interessent; in dieser Szene hat er nicht nur eine kurze Zugriffsdistanz auf Kagawa, sondern nimmt Subotic mit Bender und Großkreutz effektiv auch die indirekten (und prinzipiell einfach zu bespielenden) Verlagerungsoptionen, wodurch der ballferne Flügel quasi tot ist (grau). Wenn Didavi in dieser Szene nicht kurzzeitig abgeschaltet und stattdessen den Rückpass zu Subotic zugestellt hätte, wäre das ein sicherer Ballgewinn für den VfB gewesen.

Mit der angesprochenen Orientierung von Werner an Sokratis ging eine weitergehende Asymmetrie einher, denn der VfB zog mit den drei Sechsern auf den eigenen linken Flügel ballorientiert viel weiter nach als auf rechts. Dadurch war die rechte Dortmunder Seite, die gleichzeitig hauptsächlicher Aufenthaltsraum von Kagawa und Jojic war, praktisch dicht. Offene Bereiche auf der linken Seite sollten durch das angesprochene Blockieren der indirekten Verlagerungsoptionen durch Gentner idealerweise gar nicht bespielt werden.

Dortmunds Probleme und Stuttgarter Konter


Diese Räume waren in der ersten Halbzeit zwar durchaus eine Gefahrenquelle, aber insgesamt konnte sich der BVB diese nur wenig zu nutze machen. Zum einen waren Subotics direkte Verlagerungen Richtung Schmelzer oder Aubameyang technisch meistens nicht ganz sauber, sodass ein druckvolles Weiterspielen nicht immer möglich war. Auch das Unterstützungsverhalten war nicht durchgängig gut; zwar wich Aubameyang manchmal weit auf die Seite aus, aber konnte kaum synergetisch eingebunden werden. Ähnlich verhielt es sich mit Kagawa, der vereinzelt etwas herüberschob, aber hier kaum dominant aktiv war und sich letztlich eher auf die andere Seite konzentrierte.

Weiterhin positionierte sich Großkreutz meist sehr hoch an der letzten Linie, sodass er keine gefährlichen Zuspiele im Halbraum erhalten konnte. Übrigens: In der 9. Minute tauschte Großkreutz mal spontan die Seite mit Jojic, woraufhin dieser gleich einen Diagonalpass von Subotic erhielt, in den Raum vor Stuttgarts Abwehr eindringen und abschließen konnte. Dieser Seitentausch löste sich aber schnell wieder auf, sodass im Endeffekt Schmelzer und Großkreutz in einer unsynergetischen, mäßig angebundenen Umgebung die offenen Räume durchschlagend ausnutzen sollten, während Jojic und Kagawa in der gegnerischen Kompaktheit verschluckt wurden. Punkt für den VfB.

Die 4-3-2-1-Grundordnung funktionierte allerdings nicht nur defensiv gut, sondern brachte auch Vorteile im bislang völlig zahnlosen Konterspiel. Dadurch dass ein Feldbereich für den Gegner nur umständlich bespielbar war und nicht wirklich effektiv genutzt werden konnte, brauchte man für diesen Bereich auch keinen Spieler konstant abstellen, und kontrollierte diesen Bereich stattdessen mit aggressivem Nach- oder Zurückschieben. Als Resultat bekam man im offensiven Umschalten sozusagen einen Spieler geschenkt, der, sofern er nicht zum Zurückeilen gezwungen wurde, in hoher Position auf den Ballgewinn lauern konnte. In diesem Fall war dieser zusätzlich gewonnene Konterspieler quasi Gentner.

Außerdem hilfreich: Die Bewegungsstruktur im Konter war für Didavi und Gentner klarer, da sie keinen Spieler vor sich hatten und so im Grunde zum Aufrücken "gezwungen" wurden. Ihr diagonales oder horizontales Ausweichen sorgte für ordentlich Gefahr, da es nicht so einfach aufzunehmen und zu übergeben war, vereinzelt öffnete es auch Raum im Zentrum für den vielseitig nachrückenden Leitner.

Entsprechende Ballgewinne gab es in der ersten Hälfte einige. Besonders wenn der BVB das Vorwärtsspiel über's Zentrum oder den rechten Halbraum erzwingen wollte, konnte der VfB den Ball geschickt erobern und das Aufrücken der Außenverteidiger und Halbspieler attackieren. Dabei kam dem VfB sein außergewöhnlich ballsicheres Mittelfeld mit Leitner, Romeu und Gruezo zugute, das sich einige Male gut aus dem Gegenpressing des BVB lösen und Gegenangriffe einleiten konnte. Ein Tor entstand daraus trotzdem nicht, weil sich der VfB im letztlichen Ausspielen der Konter ungeschickt im Timing zeigte und die grundsätzlichen Probleme im Umschaltverhalten immer noch zu deutlich durchschimmerten.

Die Tore


Zur Pause stellte Klopp folgerichtig um und schickte seine Mannschaft in einem 4-2-3-1 auf den Platz mit Aubameyang und Großkreutz auf den Außenbahnen und Jojic als linkem Sechser neben Bender. Dadurch entstand ein besseres Zusammenspiel auf der linken Seite, wo Jojic, Kagawa und Immobile nun effektiver unterstützten und Großkreutz' Kombinationsfähigkeiten besser in's Spiel brachten. Allerdings suchten sie solche Szenen zu selten und fokussierten sich zunächst immer noch auf die alten Aufbaumuster und kamen somit zu wenig klaren Szenen. Damit stellte sich auf Dortmunder Seite zunächst nur eine kleine Verbesserung ein, darüber hinaus ging der VfB nach einer Ecke und einem langen Ball glücklich mit 2:0 in Führung.

Den Anschluss stellte der BVB nach einem direkten, diagonalen Anspiel in die letzte Linie her, mit denen der VfB über das Spiel hinweg immer mal wieder ein paar Probleme hatte, da die Abwehr manchmal zu tief stand und den Kontakt zum Mittelfeld verlor. Ähnliche Ursachen hatte der Freistoß zum 2:2, als sich vor der zu tiefen VfB-Mannschaft große Räume auftaten und inzwischen auch die Mittelfeldkompaktheit in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Zusammenfassung


Festhalten kann man auf Stuttgarter Seite eine deutliche Leistungssteigerung in der Offensive, die vor allem auf Vehs neues System mit den guten Konterstrukturen und dem starken Mittelfeld zurückzuführen sind. Allerdings muss weiter an den großen Problemen im Ausspielen dieser Szenen gearbeitet werden (kann man nachlesen in den Artikeln zu den Spielen gegen Köln, Bayern und Hoffenheim), denn man darf auch nicht vergessen, dass es erneut nicht für ein sauber herausgespieltes Tor reichte. Über den Berg ist der VfB noch bei weitem nicht.

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