Freitag, 20. Dezember 2019

Quer und Steil aus der Klemme

Immer wieder das gleiche Muster: Der VfB hat den Ball, der Gegner steht tief, der VfB tut sich schwer. Dieser Artikel zeigt den logischen Ausweg aus dem strategischen Deadlock.

Nervige Underdogs


Tim Walters Rotationsspiel ist als Gegenmittel für eine aufrückende Pressingbewegung gedacht, nicht als Unterbau für Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte. Die Reaktion der Zweiten Liga, fast nur noch in der eigenen Hälfte zu verteidigen, macht dem VfB daher zu schaffen. Sie führte zu einer pragmatischen Weiterentwicklung des Ballbesitzspiels, die aber auch ein gewisses Delta zwischen der Erwartungshaltung an Tim Walters Fußball und der momentanen Realität zur Folge hat.

Die Zweitligisten, die gegen Stuttgart mutig verteidigten, lassen sich an einer Hand abzählen: Hannover, Fürth, Heidenheim, Regensburg und Bielefeld. Gegen diese fünf Teams holte der VfB 13 Punkte, also 2,6 pro Spiel. In den übrigen zwölf liegt der Punkteschnitt gerade einmal bei 1,4. Die dominante Spielanlage des VfB vereinfacht die Vorbereitung für Mannschaften mit geringen Ambitionen: Wenn ohnehin klar ist, dass Stuttgart den Ball haben wird, kann man sich voll und ganz auf das Pressing, insbesondere in der eigenen Hälfte, konzentrieren. Deswegen wachsen die Underdogs gegen den VfB ständig über sich hinaus.

Organisation im hohen Ballbesitz


Das Problem ist, dass der VfB diese klare Ausgangslage seinerseits noch nicht in eine genauso starke Verbesserung des Ballbesitzspiels ummünzen kann. Das hohe Aufbauspiel ist zwar nicht schlecht und hat sich bereits weiterentwickelt (immerhin hat der VfB nach Expected Goals die klar beste Chancenerarbeitung in der Liga), total spitze ist es aber noch nicht.

Im hohen Ballbesitz spielt der VfB verschiedene, ähnliche Formationen, in denen sich relativ viele Spieler in die Offensive einschalten dürfen. Überwiegend schieben sie in die Breite und nach vorne. Die Zirkulation verläuft meist U-förmig, also viel hintenrum und über außen. Viele Gegner versperren dagegen das Zentrum und drücken den VfB im Nachschieben und mit aggressivem Anlaufen auf den Flügel. Dann fällt es dem VfB schwer von Außen wieder in die Mitte in torgefährliche Räume zu kommen.

Quer und Steil


Gegen dieses Zuschieben gibt es ein logisches Gegenmittel: Wenn der Gegner die Verbindungsräume vom Flügel in die Mitte blockiert, muss man diese Zone eben überbrücken. Nichts anderes passiert, wenn Borna Sosa seine Halbfeldflanken hinter die Abwehrkette auf Mario Gomez schlägt. Die sind Stuttgarts wohl gefährlichstes Mittel seitdem Sosa vor einigen Wochen in die Startelf zurückgekehrt ist.

Dieses Mittel ist sehr einfach umzusetzen, hängt aber auch vollständig von den Personalien Sosa und Gomez ab. Eine flexiblere und potentiell mächtigere Alternative wäre, dass man die Bälle nicht hinter, sondern vor die Abwehr schlägt. Nach einem längeren, scharfen Querpass zwischen die Linien leitet man den Ball dann direkt hinter die Abwehr weiter. Solche Spielzüge nutzt zum Beispiel Lucien Favre.



Spielt man den Querpass vor die Abwehr, hat man den Vorteil, dass die Orientierung für den Gegner schwieriger wird. Die Verteidiger zwischen Passgeber und -empfänger müssen sich während der Pass rollt von außen nach innen orientieren. Aus diesem Moment der Umorientierung schlägt man durch den Steilpass Kapital.

Perfekt für den VfB


Solche "Quer-Steil"-Kombinationen würden perfekt zur Spielweise und Struktur des VfB passen. Stuttgart hat viele Spieler außen, um den Ball am Flügel zu halten und den richtigen Moment für den Spielzug abzupassen. Zudem rücken viele Spieler in die letzte Linie. Davon braucht man mindestens zwei, von denen der entfernte gerade so weit weg ist, dass er noch anspielbar ist und den Ball auf den näheren Spieler weiterleiten kann. Je mehr weitere Angreifer dahinter an der Abseitslinie lauern, desto besser. Die können dann eine Hereingabe des steil geschickten Spielers verwerten.

Den Linienpass (transparent) spielt der VfB häufig, führt aber zu torabgewandtem Momentum und Blickfeld. Quer-Steil ist potentiell effektiver.

Tatsächlich spielte der VfB schon vereinzelt solche Kombinationen. Sie gelangen aber nur, wenn der Gegner genügend Lücken anbot. So zum Beispiel Dynamo Dresden, gegen die der VfB das 2:0 per Quer-Steil-Kombination erzielte. Der nächste Schritt wäre, dass sowas auch gegen kompakte Gegner konstant gelingt. Dafür müssen die äußeren Spieler darauf fokussiert sein, kleinste Lücken zu erkennen und für Querpässe ausnutzen. Die Angreifer müssen auf diese Pässe vorbereitet sein und frühzeitig darauf reagieren. Das umzusetzen wäre ein lohnender Ansatz für die Wintervorbereitung sofern Tim Walter dann noch Trainer des VfB ist.

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