Sonntag, 27. Oktober 2019

Spitzen-Spielverderber

HSV gegen VfB. Erster gegen Zweiter. Positionsspiel gegen Rotationsspiel. Das Topspiel der Zweiten Liga endet mit einem deutlichen Sieg für die norddeutsche Cleverness.

Im Duell der "gefühlten Bundesligisten" prallten auch zwei unterschiedliche Ballbesitzphilosophien aufeinander: Der HSV spielt ein klassisches Positionsspiel im 4-3-3 mit klarer Raumaufteilung und einstudierten Mechanismen. Der VfB setzt hingegen auf ein Aufbauspiel mit vielen Rotationen, um vorteilhafte Dynamiken zu kreieren und möglichst viele Spieler nach vorne zu befreien.

Trotz scheinbar gleichrangiger Ausgangslage kristallisierte sich im Spiel eine klare Rollenverteilung heraus: Der VfB kontrollierte den Ball, der HSV versuchte Nadelstiche mit Konter- und Positionsangriffen zu setzen. Am Ende hatte der VfB 64% Ballbesitz, gab gleich viele Schüsse ab wie der Gegner, verlor am Ende aber deutlich.

Mit Geschick und Moritz


Ihre 36% des Ballbesitzes nutzten die Hamburger in der Anfangsphase recht effizient. Wie üblich fächerten sie in ihrer 4-1-4-1-Aufbauordnung breit auf. Dagegen setzte der VfB auf ein aggressives Pressing in der Raute und lief in verschiedentlicher Höhe zwischen Mittellinie und gegnerischem Strafraum an. Gonzalez und Wamangituka bewegten sich vor allem zwischen Innen- und Außenverteidiger, während Förster Adrian Fein deckte. Die drei belauerten Hamburgs Rückpassoptionen, um das Potential für Ballgewinne zu erhöhen. Bei Pässen nach außen attackierten die Achter sehr breit. Die umliegenden Positionen schoben gegebenenfalls zugriffsorientiert nach. Damit machte der VfB viel Druck und stellte das Hamburger Positionsspiel vor Aufgaben.

Der HSV hielt mit einem Repertoire an verschiedenen Abläufen dagegen. Tendenziell konnten die weit ausweichenden Achter ballnah zwischen Karazor und dem nach außen stürmenden Achter entwischen (ähnliches hatte schon Hannover 96 für Verlagerungen genutzt). Auch ein Zurückfallen des Außenstürmers hinter den Außenverteidiger oder ein simpler Doppelpass mit anschließendem Freilaufen war möglich, um sich außen kurz Luft zu verschaffen. Manchmal reichte solch ein kurzes Zeitfenster, um die Restverteidigung des VfB zu attackieren oder gegen die verschobene Raute zu verlagern.

Ein Schlüssel für den HSV, um aus Szenen kurzer Ballkontrolle Torgefahr zu entwickeln waren die Rollen der Achter. Ballnah verließen beide jeweils ihre Position: Dudziak schob nach vorne, Moritz eher zum Flügel. Der ballferne Achter rochierte dann auf die Ballseite und attackierte dort mit. Durch diese Umformung verwandelte Hamburg das symmetrische Positionsspiel in eine Flügelüberladung, die ihnen gegen das Zuschieben des VfB half. Besonders Moritz verstärkte entscheidend die Angriffe über rechts.

Ein potentieller Schwachpunkt auf Stuttgarter Seite war, dass Kempf und Awoudja sehr mann- bzw. zugriffsorientiert verteidigten. Meist nahmen sie Harnik und den ballnahen Achter (!) in enge Deckung. Wenn nun noch ein zweiter Achter dazukam, entstand aus dem 2-gegen-2 ein 2-gegen-3: Stenzel und Insua wurden von den Flügelstürmern gebunden. Karazor verteidigte eher nach außen als nach hinten und wäre Gefahr gelaufen, große Räume freizugeben, wenn er sich zur Verstärkung der Viererkette hätte fallen lassen.

Wenn Hamburg sich nun mit spielerischem Geschick (oder in zugriffsschwachen VfB-Momenten) vorne festsetzte und gezielten Zugriff auf dieses 2-gegen-3 bekam, wurde es haarig. Augenfällig wurde das vor allem beim Elfmeter zum 1:0 als Kempf gegen Dudziak herausrückte und dessen Vorstoß anschließend nicht verfolgte, sodass Awoudja von Moritz auf den freien Dudziak wechseln musste und diesen dann foulte.

Rotationen durchkreuzt


Spätestens nach der frühen Führung verteidigte der HSV, wie so viele Gegner des VfB, tief. Ihr Ansatz war aber besonders klug ausgestaltet. Die Formation war eine Mischung aus 4-3-3 und 4-5-1. Die Achter bildeten zusammen mit Fein eine enge Dreierreihe, die den Raum zwischen den Linien zuschnürte. Die Außenstürmer pendelten zwischen einer erhöhten, etwas engeren Position und einer tiefen, breiten, je nachdem, wie hoch Hamburg anlaufen wollte.

Gerade wenn die Außenstürmer breit spielten, neutralisierte Hamburg mit diesem 4-3-3/4-5-1 das Vorrücken der Stuttgarter Innenverteidiger. Weil sie ohnehin eine Lücke vor sich hatten, war es für die beiden sinnvoller, mit Ball am Fuß in diese vorzustoßen, anstatt ohne Ball hineinzurotieren. Kapitän Kempf erkannte diesen Umstand korrekt, rückte eher langfristig auf und konzentrierte sich sonst auf normale Pässe und Vorstöße. Sein Partner Awoudja hingegen spielte viel zu schablonenhaft. Oft schob er den Ball gedankenlos zum Rechtsverteidiger und rückte in den Sechserraum auf, womit er den eigenen Ballvortrag mehr blockierte als beschleunigte. Harnik und Kittel hatten dann einfache Zuordnungen gegen den Rechtsverteidiger und den Spieler, der die Awoudja-Lücke von links auffüllte. Wenn ein Aufrücken ohne Ball mal sinnvoll war, etwa weil Kittel enger stand, rückte Awoudja wiederum zu weit auf, sodass er von Moritz oder Kittels Deckungsschatten abgefangen wurde und den Ball nicht in der Lücke vom Rechtsverteidiger zurückfordern konnte.

Nach dem Querpass rückt Awoudja zu weit auf und verschwindet im Deckungsschatten von Kittel. Besser wäre gewesen, in der Lücke zwischen Kittel und Harnik den Ball zurückzufordern. Weil außerdem weder Kempf noch Stenzel auf die Schnelle eine Rückpassoption herstellen können, muss Klement auf Kobel zurückspielen.

Zu wenig gekonnt, zu viel gewollt


Durch die tiefen Achter musste der HSV aber zumindest den Sechserraum des VfB unbehelligt lassen. Über Karazor, Stenzel (erneut Fußballgott!) oder einen längerfristig aufgerückten Innenverteidiger konnte der VfB den Ball hier unter moderatem Druck halten. Die Frage war dann, wie man von dort weiterspielen sollte.

Durch den Zwischenlinienraum zu kommen, erwies sich als ungemein schwer, weil Hamburg diesen Raum dicht versperrte und spätestens im Rückwärtspressing komplett auffraß. Zudem bekam der VfB selten einen Mechanismus oder eine präzise Positionierung zwischen den Linien aktiviert, sobald ein Stuttgarter im Sechserraum mit offenem Blickfeld an den Ball kam. Das Spiel über außen war zunächst mehr auf Ballsicherung als auf Attacke gepolt, auch weil sich hier eher Mangala und Klement anstelle der dribbelstarken Spitzen Gonzalez und Wamangituka anboten. Lange Diagonalbälle gab es ebenfalls kaum zu sehen. Einzelne lange Pässe hinter die Abwehr in den Lauf von Gonzalez waren zwar eine auflockernde Variante, brachten aber letztlich keinen Ertrag.

Trotz aller Bemühungen um Kontrolle leistete sich der VfB einzelne Patzer im Spielaufbau, während der HSV in den richtigen Momenten Zugriff entwickelte. Harnik auf die Mittelstürmerposition zu ziehen stellte sich hierfür als guter Kniff von Hecking heraus. Der laufstarke Österreicher hatte als einzige Spitze einen großen Arbeitsradius. Er konnte punktuell in alle Richtungen nachverteidigen und einzelne Situationen für den VfB eng machen. So auch im Vorfeld des Treffers zum 2:0. Zu allem Übel wollte der VfB nach Gonzalez' Anschlusstreffer zu viel: Awoudja rückte plötzlich ganz nach vorne auf die Rechtsaußen-Position, Insua schob über links ebenfalls vor. Nach einem Fehlpass rückte Kempf (zum wiederholten Mal) übermütig heraus, sodass keine ausreichende Absicherung übrig blieb. Hamburg konterte sich postwendend zum 3:1.

Zweite Halbzeit


Mit dem Zwei-Tore-Rückstand im Gepäck versuchte der VfB nach der Pause noch einmal alles. Im Pressing suchte die Mannschaft nun zwingend den Zugriff, attackierte auf allen Positionen höchst intensiv. Dadurch hatte der HSV kaum noch Zeit, in seine Mechanismen zu finden. Mit der Führung im Rücken versuchten sie es auch nicht mehr zwingend. Der VfB dominierte die Anfangsphase in Hälfte zwei.

Mit dem Ball warf der VfB mehr Personal nach vorne, ging riskanter ins Gegenpressing, spielte schneller und mehr über außen. Mit Castro brachte Walter einen offensiven Spieler für links hinten. Der VfB schlug nun vermehrt lange Diagonalbälle, die ein gutes Mittel gegen den engen 4-3-Block des HSV waren. Zunächst versuchte der HSV mit hohen, engen Flügelstürmern zu pressen. Doch die Hanseaten wurden schnell über außen zurückgedrängt. Dort gelangen dem VfB konkretere und effektivere Abläufe als zuvor durch die Mitte. Zusammen mit der massiven Strafraumbesetzung kam der VfB so zu einigen torgefährlichen Abschlüssen. Stuttgart verpasste es aber, den Treffer zu machen, bevor der HSV per Ecke das 4:1 erzielte. Zuvor hatte der VfB ausnahmsweise einen schnellen Angriff durch die Mitte gefahren und war dabei ausgekontert worden.

Kurz darauf konnte der VfB seine riskante Dominanz doch noch zu einem Treffer verwerten. Im Anschluss brachte Walter Gomez für Mangala und stellte auf 4-3-3 (oder so) um. Erneut konterte der HSV, bevor der VfB einen weiteren Treffer nachschieben konnte. Zu viele Bälle gingen in dieser Phase im Zentrum verloren, sodass Hamburg in den letzten 20 Minuten wieder ins Umschalten kam. Mit dem 5:2 war das Spiel dann spätestens entschieden.

Einordnung


Die Liga nervt den VfB gerade sehr. Kein Gegner tut dem VfB mehr den Gefallen, eine Aufrückbewegung im Pressing anzubieten. Die Verrückten (Fürth) stellen im Angriffspressing komplett zu. Alle anderen stellen sich hinten rein. Gegen eine statische Pressinghöhe entfalten die schicken Positionswechsel nur begrenzt Wirkung. Hamburg ging noch einen Schritt weiter und fand ein formatives Antidot gegen das Aufrücken der Innenverteidiger.

Dazu gesellt sich das klassische "Bayern-Phänomen": Aufgrund der dominanten Spielweise können sich die Gegner des VfB in der Vorbereitung komplett auf Pressing und Umschaltspiel konzentrieren. 65, 70, 80 Prozent Ballbesitz liegen der eigentlich sehr umfassenden Spielanlage des VfB wiederum nicht zwingend. In Summe bekommt man ständig eine strategische Konstellation, in der sich der Gegner leicht über und man selbst leicht unter Wert verkauft.

Nach zuvor ärgerlichen, aber vertretbaren Nullnummern verliert der VfB nun zum ersten Mal nach unterlegener Leistung. Mit einer systematischen Verschlechterung hatten die letzten drei Spiele aber nicht viel zu tun. Der VfB muss dennoch aufpassen, dass aus der Ergebniskrise keine Leistungskrise wird.

Die Hamburger verdienen sich den Sieg vor allem mit einer herausragenden Pressingleistung. Sie präsentierten sich als komplette Mannschaft, die auf hohem Niveau angreifen und verteidigen kann. Mit ihrer 4-3-3/4-5-1-Pressingordnung, guten Achterrollen und effizienten Kontern hatten sie gegen den VfB die richtigen Asse in der Hand. So geht der Punkt dieses Mal ans Positionsspiel. Der nächste wird am Dienstag ausgespielt.

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