Montag, 24. November 2014

Vehs Scheitern beim VfB

Am Montag nach der Niederlage gegen den FC Augsburg gab Armin Veh seinen Rücktritt als VfB-Coach bekannt. Nach 12 Spieltagen, 9 Punkten und Platz 18 beendet er damit eine quälende Negativserie und macht den Weg frei für einen dringend benötigten Neuanfang.

Das Missverständnis mit der Kaderqualität


Ich glaube fest daran, dass die Mannschaft absolut das Potenzial für mehr hat. Die Mannschaft ist intakt. Deswegen bin ich diesen Schritt gegangen. Ich hoffe, dass sich dadurch etwas zum Positiven für den VfB verändert und lasse den Verein nicht im Stich. - Armin Veh nach seinem Rücktritt

Immer wieder wird beim VfB die mangelnde individuelle Qualität in der Mannschaft beklagt und als Argument für den unaufhörlichen Trainerverschleiß herangezogen. Es könne ja an nichts anderem liegen, schließlich seien schon zahlreiche Übungsleiter an der Mannschaft gescheitert, die Bobic über Jahre hinweg zusammengestellt hat. Wie könnte es also an etwas anderem als dem Kader (und dem Manager) liegen? Diese Erklärung greift jedoch viel zu kurz, denn wenn man sich den Kader genau ansieht, dann erkennt man recht schnell, dass viele der Einzelspieler durchaus über außerordentliche Klasse verfügen.

Wer erinnert sich noch an das Pokalfinale unter Labbadia gegen Bayern, mit den tollen Kombinationen um Maxim? Ein großes Problem unter Veh war, dass Maxims Stärken nie so zum Tragen kamen wie damals, einfach weil ihm die passende Umgebung fehlte. Wenn er als Zehner spielte, wich er aus, aber niemand rückte für ihn ein. Spielte er Außenstürmer rückte er ein, aber niemand wich für ihn aus. Seine guten Bewegungen waren deswegen kaum einmal Auslöser von Kombinationen, sondern viel zu oft von Disbalance und unnötiger Ballung. Zu dieser Kategorie bewegungsintelligenter Offensivspieler, die aber häufig nicht gut angebunden waren, zählen auch Spieler wie Harnik, Ibisevic, Rausch und Klein.

Dann gibt es die Aufbauspieler, die vor allem deswegen unterschätzt werden, weil ihre starke Spieleröffnung wegen der schwachen Offensivstrukturen nie so richtig durchschlagskräftig (und damit auffällig) werden. Daniel Schwaab alias Ein-Mann-Aufbauspiel ist wohl die ideale Verkörperung dieser These. Seine unglaublich kreativen und intelligenten Pässe werden konsequent übersehen, während kleinere Probleme im defensiven Bereich überhöht und einzelne Fehler überfokussiert werden. Ähnlich geht es Oriol Romeu, der nach seinem hervorragenden Saisonstart zugegeben ein wenig nachgelassen hat, aber nichtsdestotrotz auch in den letzten Wochen internationales Format demonstrierte. Carlos Gruezo bekam dazu hingegen nicht einmal die Chance. Auch den überaus kreativen, wenn auch chaotischen Sakai könnte man hier einordnen.

Weiterhin gibt es dann noch die Gruppe der etwas gedankenlosen "Aktionsspieler", die sich eher über Einzelaktionen definieren und sich nicht so flüssig in das Bewegungsspiel von anderen einfügen können. Kostic ist wohl das Paradebeispiel für diesen Spielertyp und sorgte vor allem gegen Wolfsburg, aber auch im Spiel gegen Bremen für Probleme, da er zu statisch und eindimensional die Linie hielt. Ähnliche Probleme gab es mit Didavi, der als Zehner ebenso passiv spielte und sich nur schwer zurechtfand. Witzigerweise kommen diese Spieler in der öffentlichen Meinung noch mit am besten weg.

Zu guter letzt gibt's dann noch Chaoten wie Gentner und Leitner, die beide die Verkörperung von Disbalance sind. Sie ziehen oft in vollgestopfte Bereiche und machen das Spiel eng (Gentner vertikal, Leitner eher horizontal). Sie wurden ebenso wenig (konstant) balanciert, wie Maxim vor ihnen. Mischt man diese vier Sorten von Spielern, erhält man ohne weiteres ein Offensivspiel, das in der Aufbaureihe von viel Individualität (und individueller Qualität) geprägt ist, aber spätestens im offensiven Mittelfeld von schlecht verbundenen und unbalancierten Strukturen abgelöst wird. Diese Balance und Harmonie im offensiven Mittelfeld hat Veh in keinem seiner 13 Spiele konstant (und ich unterstelle auch einfach mal: bewusst) hinbekommen.

Das war besonders gravierend, da es einen Spielertyp gibt, der dem VfB so ein bisschen fehlt - ein wirklich durchschlagskräftiger und möglichst auch flexibler Dribbler. Früher konnte Ibrahima Traoré als einziger mal mit seinen Tempodribblings individuell für Unordnung sorgen und sich gleichzeitig gruppentaktisch gut mit seinen Mitspielern ergänzen. Sein Abgang hinterließ eine größere Lücke, als man vielleicht erwartet hätte. Filip Kostic ist wie erwähnt weniger anpassungfähig und wurde von Veh auch nicht gut eingesetzt (linearer flankenschlagender Linksaußen). Aus diesem Grund wäre der VfB besonders auf sein Kombinationsspiel angewiesen gewesen. Stattdessen bildeten sich unnötig komplizierte, unbalancierte und durch den dünn besetzten Zehnerraum schlecht verbundene Strukturen, mit denen sich die VfB-Offensive regelmäßig selbst in Schach hielt - nachzulesen in diversen Spielanalysen. Darüber hinaus entwickelte sich eine seltsame, vermutlich unbewusste, Gedankenlosigkeit im Mittelfeld. Es fehlte ein kollektives Struktur- und Dynamikbewusstsein. Wenn sich Möglichkeiten zum schnellen Vorwärtsspiel ergaben, bot sich niemand in den gefährlichen Räumen an und es wurde unambitioniert in die Breite und Vertikale verschoben. Das ging sogar so weit, dass es sich auf das Aufrücken und die Fokussiertheit im Konter auswirkte und sich der VfB zu einer unfassbar schwachen Umschaltmannschaft entwickelte. Wenn man also noch nicht mal kontern und Schwachstellen des Gegners bespielen kann, tja, dann ist man relativ am Arsch, möchte ich sagen.

Oberflächlichkeit vs. Befürfnis nach Sorgfältigkeit


Es deutete sich recht schnell an, dass Armin Veh der falsche Trainer für diese starke, aber nicht ganz einfache Truppe ist. Nach den ersten paar Spieltagen, als die geschilderten Offensivprobleme offensichtlich wurden und sich hauptsächlich für den schwachen Saisonstart verantwortlich zeichneten, war die Frage wie das Trainerteam darauf reagieren würde. Die Antwort war, in erster Linie nicht die Probleme an sich zu bekämpfen, sondern mit eher groben mannschaftstaktischen Anpassungen, sprich neuen Formationen und Gesamtausrichtungen (Tannenbaum gegen Leverkusen und Dortmund, fluide Offensivreihe gegen Hannover, Angriffspressing gegen Frankfurt) die zu Grunde liegenden Schwierigkeiten zu überdecken.

Daraus resultierte ein kurzes Zwischenhoch von Spieltag 5 bis 9 - das 4-3-2-1 sorgte für eine gewisse Verbesserung im Konterspiel, da man gleich drei Mann vorne stehen hatte, und war zumindest gegen die Borussen auch defensiv clever angelegt. Die Fluidität gegen 96 sorgte (zusammen mit Gruezos Aufstellung) für gute Absicherung und einen glücklichen Stabilitätssieg. Auch das hohe Pressing gegen Frankfurt war (in groben Zügen) gut durchdacht und eine Halbzeit lang äußerst effektiv. Zwischen dem Dortmund- und dem Eintrachtspiel konnte der VfB so in 5 Spielen 8 seiner 9 Punkte holen und 13 seiner 14 Saisontore erzielen.

Eines konnte aber auch diese kurze Erfolgsphase nicht verdecken: Es gab immer noch tiefliegende Schwächen beim VfB generell und auch was Vehs Coaching angeht. Gegen Dortmund und ganz besonders gegen die Eintracht wurden seine Schützlinge in der zweiten Halbzeit überrannt. Anpassungen suchte man vergebens. Der VfB wollte sein Spiel aus der ersten Hälfte weiterspielen, aber wurde von den Änderungen des Gegners überrumpelt und kassierte Gegentore. Insgesamt 5 Stück in den beiden zweiten Halbzeiten. Gegen die Hertha beispielsweise war das Gegenteil zu beobachten - Veh stellte früh und aktionistisch um, womit er die Struktur seiner Mannschaft zerstörte und die Niederlage mit einleitete.

Es zeichnet sich ein Bild von einem Trainer, der manchmal zwar gute bis sehr gute Ideen hat (Dortmund, Frankfurt), aber dem es für einen konstanten Erfolg mit diesem speziellen Kader zum einen am In-Game-Coaching, und zum anderen an Feinfühligkeit und Detailverliebtheit in der Trainingsarbeit und der Spielvorbereitung fehlt. Die guten Synergien um Sararer, Harnik und Maxim gegen Wolfsburg hat er mit dem viel zu breiten Kostic nicht zu Ende gedacht. Das (einmalige) fluide System gegen Hannover war offensiv ein chaotisches, schlecht angebundenes und ineffektives Gewirr, das wohl kaum detailliert ausgearbeitet wurde. Dabei braucht dieser Kader, ohne große Individualisten, aber voller interessanter Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, in erster Linie klare Bahnen, in denen sie sich entfalten können und Schwachstellen aufgefangen werden.

Inhärente Instabilität besiegelt Vehs Aus


Dass ich bei einer Bilanz von 14:26 Toren (schlechteste Defensive der Liga, aber "nur" fünftschlechteste Offensive) vor allem auf die Offensivprobleme eingehe hat auch den Grund, dass (das wird in der öffentlichen Abwehrkritik ständig unterschlagen) diese immer wieder stark auf die Defensive rückkoppelten. Dies äußerte sich zum Beispiel darin, dass zu flache, meist direkt an der gegnerischen Abwehrkette orientierte Staffelungen schwierige Voraussetzungen für das Gegenpressing boten und damit leicht zu überwinden waren. Kontergegentore waren die Folge. Dieses Problem trat durch die manchmal viel zu hohen Außenverteidiger und die angesprochenen Strukturprobleme immer wieder mal auf, auch wenn es im Verlauf der Saison tendenziell abgenommen hat, und sich mehr und mehr auf zweiten Halbzeiten mit Rückstandshektik und dem angesprochenen Fehlen von Anpassungen beschränkte.

An sich war der VfB gegen den Ball aber keine ganz schlechte Mannschaft. Zwar war die generelle Kompaktheit für Bundesligaverhältnisse unterdurchschnittlich, aber die ganze Formation wurde dafür von viel Aggressivität und Herausrücken durchzogen, das insgesamt gut dosiert war und auch für den einen oder anderen überraschenden Ballgewinn sorgen konnte. Die teilweise extrem antizipativen Bewegungen vor allem der Außenverteidiger und auch des defensiv krass schwankende Gentner sorgten zusammen mit der schwachen Kompaktheit aber doch dafür, dass Mannschaften, die sich von dem Pressingdruck nicht unterkriegen ließen (Wolfsburg z.B.) recht einfach die Lücken angreifen konnten. Diese Unsauberkeit und Instabilität im Defensivverbund ergänzte sich somit den offensiven Problemen und ergab eine äußerst fragile Mannschaft, die Armin Veh und sein Team trotz fehlender Zusatzbelastung und voller Trainingswochen über Monate hinweg nicht in eine stabile Bahn lenken konnten.

Quo vadis?


Nun hat der Coach selbst die Reißleine gezogen. Wenn man die Stimmen rund um den Verein wahrnimmt, die verhältnismäßig unkritisch mit der Personalie Veh umgegangen waren und es noch immer tun, dann komme ich zu dem Schluss, dass Veh womöglich selbst am besten erkannt hat, das er nicht der passende Trainer ist. Viel besser als die Anhängerschaft und die Verantwortlichen um Präsident Wahler.

Oberste Priorität hat, dass wir erstklassig bleiben. Der neue Trainer soll Erfahrung in einer solchen Situation mitbringen, in der wir uns aktuell befinden und gleichzeitig den Weg, den Armin Veh im spielerischen Bereich begonnen hat, weitergehen. - Bernd Wahler zum Profil des Nachfolgers

Die große Frage ist nun, wer die Mannschaft übernehmen soll. Dem obigen Zitat zufolge soll es wohl ein erfahrener Feuerwehrmann werden. Ich persönlich würde stattdessen empfehlen, mal in der Schublade mit der Aufschrift "kompetent" nachzuschauen.

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