Montag, 17. August 2015

Spielanalyse: VfB Stuttgart - 1. FC Köln 1:3

Der VfB startet mit Vollgas in die Saison, dominiert über die Flügel und offensiven Halbzonen, zerschellt aber doch an einem Gefllecht aus Pech, Passivität des Gegners, eigener Ineffizienz, nachlassender Intensität und einer unglücklichen Umstellung.

Kölns Defensivansatz


Peter Stögers FC trat dem Stuttgarter Pressingfußball in einem eher passiven 4-1-4-1-Mittelfeldpressing entgegen. Modeste pendelte dabei zwischen den Innenverteidigern hin und her und sollte diese zu langen Bällen verleiten. Die Flügelspieler hielten sich eher tief und tendierten ein wenig in die Mitte, während die Achter oft in der Nähe der Stuttgarter Sechser standen und wenig Zugriff auf das Offensivquartett des VfB hatten.

Diese Organisation machte den Gästen Probleme, die Halbräume neben Lehmann zu sichern. Zwischen den Zuständigkeitsbereichen des jeweiligen Außenverteidigers und Sechser Lehmann fand der VfB, sowohl aus dem recht ungestörten flachen Aufbau heraus, als auch nach langen Bällen immer wieder Räume vor. Gerade der wieder ziemlich frei herumdriftende Didavi war für den FC schwer zu fassen, auch weil die Vorstöße der Sechser und auch Insua gut getimt waren und in den richtigen Augenblicken für zusätzliche Unordnung in Kölns Zentrum sorgten. Alternativ zu den direkten durchschlagenden Dribblings, die Didavi und seltener Kostic dann anbrachten, nutzte der VfB ab und zu auch zurückfallende Bewegungen der Stürmer, um über Ablagen in den Sechserraum zu kommen.

Die Abwehrspieler der Kölner hielten sich in solchen Situationen sehr zurück und konzentrierten sich auf das Sichern der letzten Linie, was es dem VfB schwer machte, in den Folgeaktionen sauber durchzubrechen - natürlich auf Kosten der zugelassenen Präsenz. Dementsprechend gab es eine ganze Reihe von Distanzschüssen, Flanken und Schüssen nach Dribblings oder Rumgewurstel. Kölns letzte Linie war dabei zwar nicht fehlerlos, hielt aber doch häufig stand und kam am Ende auf eine ganz schön krasse Zahl von 12 geblockten Schüssen (manche Mannschaften sind froh, wenn sie überhaupt 12 Schüsse pro Spiel schaffen).

Sämtliche Blocks beider Mannschaften, also nicht nur in Bezug auf Schüsse. Auffallen sollte die große blaue Ansammlung in Kölns Strafraum. Quelle: whoscored

Verlagerungsidee scheitert (eigentlich) am Spielaufbau


Offensiv versuchten die Kölner, dem VfB über eine raumgreifende, breite Spielanlage gefährlich zu werden. In Ballbesitz fächerten die Flügelspieler schnell auf und nahmen eine breite Grundposition ein, während sich die Außenverteidiger für unterstützende Vorstöße nach Verlagerungen bereithielten.

Um diesen Ansatz durchzudrücken, fehlte Köln allerdings die Durchsetzungsfähigkeit im Spielaufbau. Sie waren zwar durchaus geduldig und konstruktiv, schlugen aber einen recht gleichförmigen Rhythmus an und spielten dem VfB mit vorhersehbaren Pässen auf die Außenverteidiger in die Karten. Dieser nutzte isolierende Läufe der Spitzen und aggressives Nachrücken bei Pässen auf den Flügel, um die Kölner eben dort hin zu locken und den Ball zu erkämpfen. So kamen die Rheinländer ein paar Mal in sehr unangenehme Situationen, die dem VfB wichtige Ballgewinne bescherte, die in der Folge vor allem Kostic ins Spiel brachten. Auch die gelegentlichen flachen Kombinationsansätze über den ausweichenden Modeste waren schlicht aussichtslos, weil einfach zu isolieren. Köln schaffte es kaum einmal, im Spielaufbau die Kontrolle zu behalten und den Gegner geplant anzulocken, geschweige denn auszuspielen.

Dementsprechend mussten sich die Gäste eher auf offenere Spielsituationen verlassen, um ihren Plan umzusetzen. Ein paar Mal nutzten sie beispielsweise Abpraller nach Ecken oder Einwürfen, nach denen sie kurz Zeit hatten und der VfB weit verschoben war, um eine Verlagerung Richtung Stuttgarter Außenverteidiger zu spielen. Dort schaffte es Köln über die kraftvollen Vorstöße von Hector und die leicht ballfern ausgerichteten Bewegungen der Offensive, immer mal wieder in Gleich- oder sogar Überzahl zu kommen.

Darüber hinaus profitierten sie ein paar Mal von kleineren Stuttgarter Schwächen. Im Gegenpressing etwa war der VfB vereinzelt nicht gut abgestimmt und ließ dem Gegner kurz Zeit für einen gezielten langen Ball. Auch das Stuttgarter Zentrum bot wegen einer sehr ungewöhnlichen Rolle von Christian Gentner Angriffsfläche: Der Kapitän spielte oft mannorientiert gegen Kölns Achter/Zehner Jojic und orientierte sich von ihm ausgehend oft in die letzte Linie, um improvisiert Herausrückbewegungen der Verteidiger zu kompensieren. Das ist eine durchaus interessante Rolle für ihn, die manchmal sogar ziemlich gut passte, aber auch unnötig das Zentrum öffnete. Insgesamt waren das aber Detailschwächen, die dem gewohnt intensiven, aggressiven und konsequenten Pressing des Gastgebers in diesem Spiel kaum einen Abbruch taten. 

Umstellungen nach der Pause


Stöger reagierte schon um die 40. Minute herum auf die Halbraum-Anfälligkeit seiner Mannschaft und stellte gegen den Ball auf ein klares 4-4-2 um. Nach der Pause kamen außerdem Vogt als zweiter Sechser für Gerhardt und wenig später Osako als hängende Spitze für Jojic.

Die neue Defensivformation half allerdings auch nicht wirklich dabei, den VfB am Aufrücken zu hindern. Die Pressingspitzen staffelten sich je nach Situation horizontal oder vertikal, agierten aber in beiden Konstellationen zu unzusammenhängend und passiv, sodass Rupp und Gentner im Sechserraum relativ ungestört waren. Das zwang einen Sechser zum Herausrücken, was wiederum eine empfindliche Halbraumlücke riss und Köln war wieder ungefähr da, wo sie vor der Pause schon waren.

In der ersten Phase nach der Pause nutzte der VfB die Halbräume oder auch simple Pässe auf die Außen gegen Kölns passive Flügel, um seine Angriffe auf die Seite zu entwickeln und Kostic für Hereingaben einzusetzen. Die ineffiziente Natur der Flanke, Kölns Fokus auf die Strafraumverteidigung und etwas Glück ließen die Geißböcke diese Phase überstehen.

Spätestens als Stöger Simon Zoller für Olkowski brachte (Risse dann Rechtsverteidiger, Zoller Rechtsaußen), fing Köln an, wenn sie die Chance dazu bekamen (war natürlich nicht allzu oft der Fall), Stuttgarts Abwehrkette mit langen Bällen und erhöhter Präsenz zu malträtieren. Zoller lieferte dafür viel Bewegung in die Spitze und sorgte das eine oder andere Mal für Unordnung in der letzten Linie und unangenehme Situationen für die Abwehr.

Mit entscheidend war dann am Ende eine Umstellung Zornigers nach dem Rückstand. Das 0:1 fiel nach einem langen Ball, 6 gegen 5 weil die Flügelspieler wie üblich ein wenig auf den Ballgewinn spekulieren, Bittencourt wurstelt sich durch, Steilpass, Elfmeter. Gleich darauf kam Maxim für Rupp und Zorniger stellte auf Raute um, Maxim rechter Halbspieler, Kostic links, Gentner auf der Sechs und Didavi Zehner. In dieser Formation ist der VfB typischerweise noch etwas anfälliger für Verlagerungen, was sich gleich beim ersten Einwurf nach dem Kölner Führungstor zeigte:

Risses Einwurf: Gentner und Kostic kommen nicht in den Zweikampf mit Zoller, der den Ball annimmt und klug in den Freiraum verlagert. Hector und Bittencourt kommen gegen Klein zum Flügel durch...
Die Szene scheint sich eigentlich an der Seitenlinie aufzuhängen. Baumgartl und Maxim schieben äußerst aggressiv nach, Gentner orientiert sich derweil in den unterbesetzten Strafraum. Die übrigen Rautenmitglieder rücken allerdings nicht mehr nach und lassen eine riesige Lücke offen, aus der Vogt den sich gut absetzenden Zoller bedienen kann. Tor.

Die Tore in der beginnenden Schlussphase sorgten für einen chaotischen Endspurt, in dem der VfB noch einmal auf ein brachiales 3-4-3 mit Werner und Kostic als breite Flügelstürmer und einer Doppelsechs Gentner-Maxim umstellte, aber keinen Treffer mehr erzielen konnte. Stattdessen machte Köln noch ein Schlussphasen-Kontertor zum 3:1.

Fazit


Im Gegensatz zum Pokalspiel gegen Kiel, die mit ihren Manndeckungen nie so richtig offene Räume zuließen, fiel dem VfB das Aufrücken gegen das zurückhaltende FC-Pressing erheblich leichter. Mit dem Ball hatte Köln zwar einen Plan, scheiterte aber so ein bisschen an der spielerischen Basis. In den wenigen, dafür aber potentiell extrem gefährlichen Situationen, die sie dann bekamen, hatten sie kein Glück im Ausspielen und blieben dementsprechend lange klar unterlegen.

Der VfB muss sich, einem Schussverhältnis von 28:8 (allerdings auch nur 8:5 auf's Tor, siehe oben warum) entsprechend, eher mit Detailkritik befassen. Das Verhalten nach der Umstellung bzw. in der Gegentorphase deutet ein bisschen auf konditionelles Nachlassen gegen Spielende hin, dem man mit einer clevereren Spielweise oder einem klarer definierten Übergang in eine stabilere Grundordnung entgegen wirken muss. Auch gibt es hier und da im Pressing Kleinigkeiten, wo noch Luft nach oben ist. Insgesamt demonstrierte diese Partie aber schon, wie mächtig der neue Fußball des VfB sein kann.

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