Donnerstag, 26. Mai 2016

Gesichtslos in die zweite Liga

Eigentlich war es kaum denkbar, mit dieser Mannschaft abzusteigen. Nachdem im Winter die entscheidenden Weichen nicht richtig gestellt wurden, begann nach trügerisch guten Ergebnissen im Frühjahr die vorerst letzte Episode traurig-absurder Potentialverschwendung im Namen des Brustrings. Dieser Text ist sowas wie der vierte Teil eines Rückblicks zur Saison 2015/16 und beleuchtet vor allem den krassen Absturz des VfB von März bis Mai.

Alles begann mit einem misslungenen Saisonstart unter Alex Zorniger, der in Form von zwei Artikeln zu seiner Ergebniskrise zum Saisonstart und seinen taktischen Folgereaktionen schon Thema auf diesem Blog war. Nach dessen Entlassung übernahm Jürgen Kramny – zunächst mit Erfolg. In einem dritten Artikel zum taktischen Wasserstand des VfB habe ich mir angeschaut, woher dieser kommt und was Kramny demnach richtig gemacht hat. Der Ton dieses Artikels ist relativ neutral und zurückhaltend und ich hätte die Negativentwicklung, die wenig später einsetzte, ehrlich gesagt kaum für möglich gehalten. Dennoch stellte sich damals schon die Frage, ob Kramny mit dem VfB die nächsten Entwicklungsschritte gehen kann. Leider hat er das nicht geschafft.

Schon in der Wintervorbereitung sah man aggressivere Varianten im Pressing und neue, organisierte Bewegungsmuster im Spielaufbau. Kramny brachte diese veränderten taktischen Elemente im Bundesligaalltag allerdings nie so richtig zum funktionieren. Das wurde spätestens zu dem Zeitpunkt zum Problem, als der Veränderungsdruck größer wurde. Schlechte Ergebnisse, Verletzungen und Sperren sowie besser eingestellte Gegner zwangen den VfB dazu neue Facetten zu entwickeln.

Aufkeimende Schwachstellen


Die auffäligste und zugleich problematischste Änderung war der Einbau von Phasen höheren Pressings. Das hohe Zustellen am gegnerischen Strafraum geschah zu plump und mit zu vielen Spielern, wohingegen die Mittelfeld- und Abwehrspieler beim Herausrücken aus dem Mittelfeldpressing nicht immer konsequent nachschoben oder sich fehlerhaft positionierten. Kurz: Es fehlte an Kohärenz und Sauberkeit in den Abläufen. Es war nicht zu jeder Zeit vollkommen schlecht, aber in zu vielen Spielen schon. Die erste Mannschaft, die diese Lücken entscheidend aufdeckte, war Borussia Mönchengladbach. Der VfB versuchte situativ hohes Pressing, was nicht funktionierte. Zudem zeigte der neu hereingekommene Harnik als Rechtsaußen naturgemäß völlig andere Pressingbewegungen als der bis dahin gesetzte Rupp. Eine mannschaftliche Anpassung daran war nicht erkennbar, sie geschah erst im Laufe des Spiels auf individueller Ebene, indem Harnik sich (Rupp-ähnlich) näher am Mittelfeld orientierte. Eine verdiente 0:4-Niederlage gegen die Fohlen war aber auch damit nicht zu verhindern.

Übertriebene Präsenz beim Zustellen des Gladbacher Spielaufbaus

In der Folge kam auch noch ein anderer Faktor ins Spiel. Die Einführung von hohem Pressing sorgte dafür, dass man in der alten passiven Variante nachlässiger wurde. Das war in diesem Fall vor allem deswegen möglich, weil schon das tiefe Mittelfeldpressing aus dem Frühjahr nicht so stabil und kompakt war, wie es teilweise wirkte. Mehr als von ausgeklügelter Organisation lebte der VfB von seinen guten und in passenden Rollen eingesetzten Pressingspielern sowie disziplinierter Abwehrarbeit der Offensivspieler. Brachen nun einzelne Spieler weg, war das für den VfB schwieriger aufzufangen als für Mannschaften, deren Defensivspiel eher von bestimmten Abläufen geprägt ist. Der Wechsel zwischen mehreren Pressinghöhen sorgte dafür, dass nun vor allem die Pressingspitzen in Kramnys 4-4-2/4-1-4-1 etwas offensiver dachten als zuvor und nicht mehr so konsequent den Kontakt zur tendenziell löchrigen Mittelfeldreihe herstellten. Wegen der instabilen Natur des VfB zu dieser Zeit konnten kleine Veränderungen im Pressingverhalten oder der Ausfall von einem einzigen Spieler fatale Folgewirkungen haben. Die Negativspirale nahm ihren Anfang.

Außerdem geriet nicht nur das Pressing, sondern auch der Spielaufbau vermehrt zur Schwachstelle. Kramny nahm hier schon früh Veränderungen vor, z.B. indem er Serey Die (und später Schwaab) abkippen ließ. Allerdings kümmerte er sich nicht um passende Folgebewegungen. Die zentralen Räume blieben offen, die Abwehrkette fächerte nicht nennenswert auf und der VfB wurde ein leichtes Pressingopfer. Gegen Köln und Leverkusen fing man sich jeweils ein Gegentor, wegen der schlechten Aufbaustruktur. Viel mehr kam an direkten negativen Folgen allerdings auch nicht dazu, was vor allem an den individuellen Qualitäten von Die und Schwaab lag. Beide waren in der Lage auch unter schwierigen Bedingungen an Gegenspielern vorbeidribbeln und den Ball in die Ballungszonen verteilen. Vor diesem Hintergrund war Schwaabs Hereinnahme neben dem Einbau von Rupp die zweite wichtige Personalentscheidung von Kramny.

Spielplaneffekt und das Abebben der Konter


Mit der Qualität des Pressings nahm auch die Gefährlichkeit des VfB im Umschaltspiel ab. Dieses Phänomen kann man von mehreren Seiten aus sehen: Zum einen lässt sich kaum von der Hand weisen, dass das individuelle Umschaltverhalten im Laufe der Rückrunde schwächer wurde. Anstatt überfallartigem Nachsetzen und kollektiven Konterangriffen sah man immer häufiger einzelne Spieler, die unbeteiligt blieben und eher absichernde Positionen einnahmen, während der Konter an ihnen vorbeilief. Andererseits war es auch in der erfolgreichen Phase unter Kramny schon so, dass die Konter des VfB recht einfach gestrickt waren. Meist reichte ein Ballgewinn im Mittelfeld und ein schneller Pass in die Tiefe, um Kostic oder Werner auf die Reise zu schicken. Einen Konter so schnell durchzuziehen funktioniert aber nur, wenn der Gegner mitspielt, also Probleme in der Absicherung hat und ambitioniert genug aufbaut, um den Ball in gefährlichen Zonen zu verlieren. An dieser Stelle kommen der Spielplan und Anpassungen der Gegner an den VfB ins Spiel.

In der Phase als es gut lief, traten viele Mannschaften mit einer unguten Mischung aus Ambition und mangelnder Qualität im Ballbesitzspiel auf. Ein gutes Beispiel dafür ist die letzte Hinrundenpartie gegen Wolfsburg, die mit einer Doppelacht Arnold-Draxler vor dem einzigen Sechser Guilavogui sehr offensiv und lückenhaft autraten. Da gleichzeitig Timm Klose viele Fehler beim Verteidigen von Werners Ausweichen machte, war es ein Leichtes für den VfB mit einfachen Vertikalpässen diese Bewegungen einzusetzen. Ähnlich erging es Hoffenheim, die extrem mutig aufbauten und viel Personal in die Zwischenräume brachten, dabei aber immer wieder hängen blieben und heftig ausgekontert wurden. Das chaotische Frankfurt unter Veh fällt ebenso mustergültig in diese Kategorie, auch wenn dieser mit seinen Anpassungen an den VfB etwas Pech hatte.

Neben Maßnahmen wie tiefen Außenverteidigern, die als grundlegende Absicherung vielen Mannschaften nützlich waren, hatten manche Teams zusätzliche Ideen, um den Stuttgarter Kontern zu entgehen: Mainz gelang das mit vielen Verlagerungen, langen Bällen und einem frühzeitigen Flügelfokus. Die Zwischenräume mieden sie eher und damit verhinderten sie auch gefährliche Ballverluste im Zentrum. Der VfB musste sich in der Folge mühsam aus festgefahrenen Szenen an der Seitenlinie lösen und scheiterte an seinen eindimensionalen Angriffsmustern. Augsburg war dagegen insofern ein extrem unangenehmer Gegner, als sie den Ball in ihren breit aufgefächerten Aufbaudreierketten extrem geduldig laufen ließen und den passiv auftretenden VfB so lange Zeit völlig vom Spielgeschehen herausnahmen. Ohne flüssige Pressingmechanismen stand der VfB dann vor einem Dilemma und kassierte fast schon folgerichtig das entscheidende 0:1 nach einem missratenen Versuch weiter vorne Druck zu machen.

Werder Bremen versuchte sich bei ihrem 6:2-Erfolg gegen die Konter abzusichern, indem sie ihr Personal im Mittelfeld und Angriff extrem eng zusammenzogen und damit nach Ballverlust die Wege nach vorn massiv versperrten. Dieser Ansatz funktionierte noch mit am schlechtesten, weil Werder oft genug den Ball verlor, bevor sie in ihre Überladungen hineinfanden. Die nicht gerade zwangsläufigen Gegentore (man denke nur an Barbas Eigentor nach dem Missverständnis mit Tyton) machen dieses Spiel in meinen Augen aber ohnehin eher zu einem kuriosen Ausreißer, bei dem man ausnahmsweise auch individuelle Fehler in den Mittelpunkt rücken kann.

Einfallslose Wechsel, Verletzungsprobleme


Die Reaktion des Trainerteams auf Spielverläufe ist so ein weiterer Aspekt, der nicht gerade positiv in Erinnerung bleibt. Kramny wechselte immer nach einem recht vorhersehbaren Muster: Sechser wurden ausgewechselt, zusätzliche Stürmer reingeschmissen und dann wollte man mit Offensivpräsenz noch irgendwas machen. In der Mehrzahl der Fälle ging diese Rechnung nicht auf und der VfB musste in der Folge mehr Konter hinnehmen als er an Torchancen zusätzlich generierte. Der eindrücklichste Fall war wohl das Spiel gegen Mainz, als Kramny beim Stand von 1:2 frühzeitig die Doppelsechs auflöste und Maxim allein den Sechserraum besetzen musste. Weil die Offensive in der Folge zu ungeordnet war, brachte das kaum Torgefahr. Stattdessen rollte ein Konter nach dem anderen. Ein weiterer schwerer Fehler unterlief Kramny beim 2:6 gegen Bremen als er sich mit mit der Hereinnahme von Ristl verwechselte. Beim Stand von 2:3 warf der VfB immer mehr Personal nach vorne und der 19-jährige Sechser konnte mit den großen Konterräumen kaum umgehen. Dementsprechend gab es ordentlich Nachschlag. Nicht zuletzt versaute man sich auf diese Weise auch das Torverhältnis.

In diesem präsenzlastigen Umstellungsmuster spiegelt sich außerdem ein generelles Unterschätzen des zentralen Mittelfelds wider, das sich nicht nur in einem ganzen Sammelsurium an taktischen Problemen manifestiert, sondern auch in Form von konkreten Personalproblemen, die aus Verletzungen von Stammspielern auf dieser Position folgten. Damit ist natürlich vor allem der Ausfall von Serey Die gemeint, nach dessen Verletzung der VfB alle seine Spiele verlor. Zwischenzeitlich fehlten aber auch Rupp und Gentner, sodass auf der Sechs kräftig improvisiert werden musste.

Weil man im Winter der Meinung war Carlos Gruezo ersatzlos aus dem Kader streichen zu können, mussten positionsfremde Spieler wie Didavi, Schwaab und in Schlussphasen Maxim (s.o.) aushelfen. Schwaab hatte dabei vor allem das Problem, dass er die Position zu statisch interpretierte und dadurch nur wenig Raum kontrollieren konnte. Zudem ließ er sich in der Defensivbewegung immer wieder unpassend in die Viererkette fallen und öffnete damit weitere Lücken im Mittelfeld. Die auf dem Papier sinnvollste Alternative war Lukas Rupp, doch der wurde meist neben Gentner aufgeboten und war damit in seinen Freiheiten extrem eingeschränkt. Oft fehlte dem VfB dann Rupps balancierender Einfluss im Mittelfeld und dessen Beteiligung am Angriffsspiel. Am 34. Spieltag setzte es den keine Ahnung wie vielten Konter durchs Zentrum, weil Rupp mal aufgerückt war und von Gentner nicht abgesichert wurde.

Unglückliche Wintertransfers


Um das Unglück komplett zu machen, schlugen auch die Wintertransfers leider nicht ein. Ich vermute, das Grundproblem dabei war, dass Kramny als Trainer und damit vor allem die vorgesehene taktische Entwicklung des VfB von Dutt überschätzt wurden. Anders lässt es sich kaum erklären, dass die Anforderungsprofile offensichtlich nicht wirklich auf den taktischen Status quo ausgelegt waren, sondern eine Weiterentwicklung zu mehr Variantenreichtum möglich machen sollten. Barba ist zum Beispiel ein sehr spielstarker Verteidiger. Zu dem Zeitpunkt als er verpflichtet wurde, war der VfB dagegen eine defensive Kontermannschaft, die nicht unbedingt die spielerischen Qualitäten ihrer Abwehrspieler hervorhob. Zu dem Zeitpunkt als Barba von seiner Verletzung zurückkam, war der VfB nach den gescheiterten Weiterentwicklungsversuchen im Wesentlichen auf dem selben Stand. Barba konnte dementsprechend seine Fähigkeiten im Passspiel nur andeuten, aber damit praktisch keinen Effekt erzielen.

Ähnlich ging es Artem Kravets, der kurz gesagt, ein sehr bewegungsstarker, aber undynamischer Abschlussstürmer ist. In einer geordneten Umgebung mit flachem Spielaufbau und viel Aktivität um sich herum, hätte er sich durchaus gut einfügen und als Raumöffner und Strafraumspieler wertvoll werden können. Stattdessen musste er ständig Bälle erlaufen und als Zielspieler herhalten. Auch wenn er immer wieder mit der am Sky-Mikrofon geäußerten Begründung, man wolle "vorne einen großen Spieler haben", aufgesetellt wurde – ein geeigneter Abnehmer für lange Bälle ist er wegen fehlender Koordination und Robustheit nicht.

Fazit


Nach Jahren des sportlichen Abstiegs, in denen man es nicht geschafft hat, das große Potential des Kaders über längere Zeit hinweg vernünftig zusammenzubringen, steht nun der Abstieg in die zweite Liga. Immer wieder engagierte der VfB unpassende Trainer, von denen keiner nachhaltigen Eindruck hinterließ. Nachdem Alex Zorniger so ziemlich der erste Coach war, dem das gelungen war und der mit mehr Glück auch erfolgreich hätte sein können, folgte wieder ein ausgesprochen farbloser Trainer. Kramny zehrte lange Zeit davon, dass er die Hinterlassenschaft seines Vorgängers intelligent weiterverwertete, scheiterte aber ab dem Zeitpunkt, wo er eigene Elemente stärker einbringen musste.

Der VfB blickt in eine ungewisse Zukunft. Als Anhänger bleibt die Hoffnung, dass man in den kommenden Wochen irgendwie einen Glückstreffer auf dem Managerposten landet. (Ich würde wahrscheinlich einfach den Typen befördern, der Maxim, Gruezo und Halimi gescoutet hat.)

1 Kommentar:

  1. Ich habe einige Wochen gebraucht, bis ich mich dem Artikel stellen konnte...
    Vielen Dank für die sehr aufschlussreiche Analyse.

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