Montag, 11. September 2017

Toranalyse: Kleinigkeiten und Tedescos Umstellung

Eigentlich möchte ich Toren bei den Analysen nicht zu viel Bedeutung beimessen. Man ist versucht, Situationen, die zu Toren (auch: zu Abschlüssen) führen höher zu gewichten als vergleichbare Situationen, die ähnlich gefährlich für die verteidigende Mannschaft sind, aber nicht zum Tor oder nicht mal zu einem Abschluss führen. Das kann aber Gründe haben, die unabhängig von der verteidigenden Mannschaft sind, sei es weil der Gegner Mist baut, wegen einer falschen Abseitsentscheidung oder was auch immer.

Das führt insbesondere dazu, dass unscheinbare Fehler in Situationen, die durch "Glück" nicht auffallend gefährlich werden, übersehen werden. Umgekehrt werden Fehler in Situationen, die gefährlich werden systematisch überbewertet. Dadurch dass Tore im Fußball seltene Ereignisse sind, gleicht sich das auch nicht immer aus, denke ich. Ein Spieler, der bei einem Gegentor "nicht gut aussah" kann also trotzdem ein sehr gutes Spiel gemacht haben, während ein Abwehrspieler, der in den Highlights total unauffällig ist, trotzdem viele Fehler gemacht haben könnte.

Da einzelne Szenen zu analysieren aber trotzdem interessant sein kann, auch ohne sie in den größeren Kontext einzuordnen und da Tore das zweitwichtigste Ereignis im Fußball sind (nach frühen roten Karten), schauen wir uns an dieser Stelle trotzdem mal relativ isoliert die Tore vom gestrigen Spiel Schalke-Stuttgart an.

0:1 - Nicht nur Schalke war passiver als sonst


Die Situation, die zum frühen Elfmeter führte, ist eigentlich gar keine zwingende Situation, da sie durch einen verunglückten Befreiungsschlag von Brekalo entstand und völlig vermeidbar war. Trotzdem ist der Vorlauf der Szene interessant, weil sie Schalkes Ballbesitzpotential gegen Stuttgarts 3-4-2-1 zeigt.


Der VfB verteidigte also, wie schon gegen Mainz, im 3-4-2-1, tat das aber ein Stückchen passiver. Das lag vielleicht auch daran, dass der Pressingplan an sich gegen Schalkes Dreierkette nicht so gut passt wie gegen Mainz' Viererkette. Gegen Mainz war die Zuordnung in solchen Flügelsituationen wie im Bild klar: Flügelverteidiger gegen Außenverteidiger, die beiden Zehner gegen die Sechser und der Stürmer gegen den ballnahen Innenverteidiger. Wer verteidigt aber jetzt den Halbverteidiger in der Dreierkette? Tut es der ballnahe Zehner, wird, wie in der Szene, ein Sechser frei. Für den Flügelverteidiger ist der Weg zu weit und er müsste den gegnerischen Flügelverteidiger "überlaufen". Zusätzlich steht Gentner in einer tiefen Mannorientierung auf Meyer und rückt nicht auf den Sechser heraus, wie es gegen Mainz zumindest teilweise noch gemacht wurde.

Nach dem Pass auf Goretzka, spielt dieser den Ball auf Konoplyanka, auf den Pavard dann weit rausrückt. Brekalo geht erst mit dem aufrückenden Goretzka mit und unterstützt dann Pavard gegen Konoplyanka. Schalke drängt den VfB nach hinten.


Kehrer rückt dann klug auf und kann Aogo nach hinten ziehen, der dadurch Raum auf dem Flügel aufgeben muss. Harit bewegt sich dort rein und holt den zweiten Ball. Der Angriff versandet aber anschließend ein bisschen, weil Meyer den Angriff recht unambitioniert zum Flügel weiterspielt. Dort kommt Brekalo dann energisch zurück und erobert den Ball. Den Rest habt ihr ja gesehen.

1:1 - Schalkes holprige Umstellung auf 4-3-3


Als Reaktion auf die Passivität seiner Mannschaft wechselte Tedesco vom 3-4-3 in ein 4-3-3 (dieses Thema Umstellung und Passivität in Schalkes Pressing gibt es bei Spielverlagerung schön aufgedröselt). Ein Spieler mehr im Mittelfeld, kürzere Distanzen und hoffentlich mehr Zugriff. So ganz ging das allerdings nicht auf, wobei Tedescos frühzeitige Reaktion, ohne dass erst ein Gegentor fallen musste, an sich lobenswert ist.


Hier bekommt Schalke im 4-3-3 keinen Zugriff im Sechserraum. Die Sechser halten sich eher zurück, die Stürmer wollen eigentlich Druck auf die gegnerische Abwehr machen, müssen aber immer wieder die Lücke hinter sich mitverteidigen. In dieser Szene gehen Mittelfeld und Stürmer alle so ein bisschen drauf aber niemand ganz konsequent. Schalke zieht sich zusammen, ohne Druck auf den Ball zu bekommen - Brekalo kann die Situation mit einem Pass auf den rechten Flügel auflösen.


Schalkes Viererkette schiebt weit zum Flügel raus. Oczipka stellt direkt Beck, der auf Brekalo weiterlegt. Nastasic schiebt - halbverteidigerhaft, und in dieser Situation unnötig - weit raus, um Brekalo aufzunehmen. Dadurch bleiben Naldo und Kehrer im Strafraum zu zweit gegen Terodde und Akolo. Ganz hinten lauert noch Aogo, also eigentlich sogar Unterzahl. Bentaleb geht dann nicht richtig hin und Brekalo kann die Flanke bringen, Akolo ist knapp vor Kehrer am Ball und macht ihn rein. Wäre die Flanke durchgerutscht, hätte Aogo völlig frei abschließen können. Ein schönes Beispiel dafür, wenn eine Abwehr die Umstellung von Fünfer- auf Viererkette nicht nahtlos hinbekommt.

2:1 - Mangelhafte Aufteilung beim Freistoß


Die Entstehung des Freistoßes ist interessant, weil Schalke dort im Pressing mehr Zugriff bekommen hat als vor der Pause und mannorientiert viel Druck machen konnte. Aber schauen wir uns mal den Freistoß selbst an.


Erst einmal steht der VfB recht hoch, gefühlt etwas höher als bei dieser Distanz üblich. Zudem ist Naldo augenscheinlich kein Gegenspieler zugeordnet. Das Bild ist ein bisschen pixelig, aber ich hoffe man siehts: Naldo ist der mittlere von den drei Schalkern, die im Abseits stehen. Sein Gegenspieler Baumgartl ist aber wohl eigentlich Burgstaller zugeordnet, der sich geschickt zum langen Pfosten wegschleicht. Baumgartl versucht die Bewegung mitzugehen, löst sich von Naldo, kommt aber nur bis zu Nastasic (die 5), der damit von zwei Leuten verteidigt wird, während Burgstaller frei einlaufen kann. Außerdem frei ist Naldo, der das 2:1 köpft. Abseits ist es nicht, weil die drei Schalker einen Tick später einlaufen als die Stuttgarter, die schon während Oczipkas Anlauf anfangen, sich fallen zu lassen. Insgesamt ist die letzte Linie nicht flach genug gestaffelt. Es stehen zu viele Spieler funktionslos in dieser Traube da rum, dadurch sind die Manndecker effektiv in Unterzahl. Das ist ein bisschen analog (wenngleich mit den schwerwiegenderen Auswirkungen) zu den Ecken, wo gegen Mainz beispielsweise einzelne Gegenspieler nicht zugeordnet werden konnten, weil 3-4 zusätzliche Raumdecker im Fünfer platziert wurden.

3:1 - Viele Kleinigkeiten


Das 3:1 fiel kurz darauf nach einem Kampf um den Ball im Mittelfeld, in dem beide Mannschaften gut sortiert sind. Harit löst sich herausragend aus der Enge und spielt den Ball in den linken Halbraum auf Konoplyanka. Der spielt weiter auf den Flügel zu Oczipka und vorderläuft ihn.


Konoplyanka beeinflusst mit diesem Lauf gleich drei Gegenspieler und öffnet entscheidend Raum für Oczipkas diagonales Dribbling. Obwohl Pavard mannorientiert folgt, lässt Mangala sich absichernd in den Raum fallen und kriegt daher keinen Zugriff auf Oczipka. Beck ist wohl ein bisschen irritiert von Konoplyankas Lauf, der eng an ihm vorbeirauscht und wird von Oczipka erst mal abgehängt. Der geht ins Dribbling und trifft auf Mangala, der nicht richtig in den Zweikampf kommt und auch noch den Passweg auf Burgstaller offen lässt.


Nach Oczipkas Pass auf Burgstaller rückt Baumgartl zu plump auf den Österreicher heraus, anstatt einfach zu verzögern und die kompakt stehenden Kollegen Druck machen zu lassen. Dadurch öffnet sich Raum hinter der unsortierten Abwehr (Pavard und Beck kommen aus Mannorientierungen mit einem Positionswechsel). Kaminski bemerkt die Gefahr anscheinend, hat aber auch noch den zunächst ungedeckten Passempfänger Harit im Auge und versucht aus seiner Zwischenposition den Pass abzufangen. Beck hat eigentlich den optimalen Überblick über die Situation: Er sieht Baumgartls Fehler und auch dass Burgstaller wegen Aogos Position nicht abseits stehen wird, bleibt aber einfach stehen, anstatt Burgstallers Lauf aufzunehmen. Letztlich geht Harits Pass denkbar knapp durch die Schnittstelle Baumgartl-Kaminski und Burgstaller macht das 3:1.

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