Sonntag, 21. Januar 2018

Neue Aufbauideen

Wolfs Ballbesitz-Anpassung gegen Mainz funktioniert in Teilen hervorragend, kann aber im ersten Versuch nicht ganz umfassend überzeugen. Problematisch bleibt eher das Pressing.

Stuttgarts schiefe Positionsordnung


Gegen das Mainzer 5-3-2-Mittelfeldpressing konzentrierte sich der VfB massiv auf Überladungen im zweiten Drittel und darauf, den Ball in diesen Räumen laufen zu lassen. Gentner kippte dazu leicht nach links raus, ohne bis auf die Außenverteidigerposition durchzuschieben. Pavard ging rechts den umgekehrten Weg und startete in einer etwas vor- und eingerückten Position. Damit hatte der VfB quasi drei Sechser vor einer nach links verschobenen "Zweieinhalberkette" mit Baumgartl, Badstuber und Aogo.

Stuttgarts Offensivstruktur: Eine Art schiefes, ungleichmäßiges 2-4-3-1 oder 3-3-3-1

Anstelle von Pavard gab Donis rechts durchgängig Breite und spielte wie schon merhfach beim VfB als isolierter Dribbler. Insua und Özcan bildeten eine Art Doppelzehn und liefen etwas freier durch die (meist halblinken) Räume: Insua balancierte viel, gab Breite und Tiefe und versuchte in den Sechser- und Zehnerräumen eine Verbindungsstation zu sein. Özcan wich wie üblich weit nach links aus und tauschte auch mal länger mit Insua die Position.

Stärken und Schwächen


Aus dieser Positionsordnung heraus ergaben sich beim VfB extreme ballnahe Überladungen im zweiten Drittel - interessanterweise gerade die Räume, die der VfB normalerweise eher übespielt. In der Folge konnte der VfB immer wieder die herausrückenden Mainzer Achter im Pressing isolieren und überspielen. Meist startete der Angriff über die bevorzugte linke Seite mit Gentner oder Aogo, der dann von Serdar angelaufen wurde und den Ball problemlos zu einer der zahlreichen kurzen Anschlussstationen weitergeben konnte. Hier bestrafte der VfB gezielt die Tatsache, dass Mainz diese Isolation des Achters zuließ, da de Jong und die Flügelverteidiger eher vorsichtige Pressingrollen einnahmen.

So lief der Ball, abgesehen von ein paar individuellen Unsauberkeiten, prima durch die tiefen Halbräume, was Raumgewinn und vereinzelte Dominanzphasen ermöglichte. Was aber zweifellos fehlte, war die Torgefahr. Nur 2 Schüsse (bzw. 0.41 xG - von understat.com) gelangen dem VfB in der ersten Hälfte. Der VfB konnte die tiefen Überladungen nicht dynamisch in Angriffsstrukturen umwandeln. Gentner (als Fokuspunkt im Aufbau eh nur mittelprächtig aufgehoben) hatte zum Beispiel nicht viele Szenen, in denen er nach dem einleitenden Pass auch selbst nach vorne ging. Im Zweifel blieben er und Aogo gleichzeitig hinten. Als Insua gegen Ende der Halbzeit viel in den Sechserräumen unterwegs war, fehlten dann auch die balancierenden Vorstöße und der Struktur ging die ohnehin eher niedrige Offensivpräsenz abhanden (teilweise standen bis zu fünf Spieler in einer Linie rum). Hier hätten sich gerade Pavard, Gentner und Aogo mehr Läufe in die letzte Linie zutrauen müssen und mit Ascacibar als Abräumer hinter sich hätten sie das wohl auch gekonnt.

Obendrauf kam dann noch, dass Mainz Stuttgarts Plan B, das heißt die Dribblings von Donis, gut kontrollierte. Holtmann verteidigte den Griechen nicht eng mannorientiert, sondern stellte eher die Passwege zu, während der individuell starke Diallo mit seiner Dynamik den Raum hinter ihm verteidigte. Holtmann deckte also den Pass in den Fuß, Diallo den in den Lauf.

Einordnung


Insgesamt kann man die neue Ballbesitz-Struktur aber durchaus als Weiterentwicklung betrachten. Das Standard-4-2-3-1, das Wolf gegen Hertha einsetzte, sieht nur eine große Ballung im Offensivzentrum vor, die mit dem Ball verschieben muss, um Überladungen anderswo als in der Mitte herzustellen. Mit dem klaren Fokus auf eine Seite und der frühzeitigen Raumbesetzung können sich die Spieler detaillierter darauf konzentrieren, wie sie sich relativ zum Gegner bewegen, anstatt ihre Bewegungen mit einem ballorientierten Verschieben vereinbaren zu müssen. Zudem fehlte im Standardsystem die Präsenz auf den Flügeln und in den tiefen Halbräumen. Beide Probleme adressierte die neue Struktur.

Zu erwähnen ist, dass der VfB aus diesem System heraus nicht nur links überladen kann. Ein simpler Positionswechsel von Insua vom linken in den rechten Halbraum sorgt zum Beispiel dafür, dass das Links-Übergewicht nach rechts wandert, ohne dass man an Stabilität einbüßt. Mit etwas anderer Besetzung wären auch noch weitere, offensivere Varianten möglich: Zum Beispiel könnte Burnic entweder von der Ascacibar-Position aus balancierend aufrücken oder die Gentner-Rolle mit mehr Spielstärke füllen. Ginczek und Thommy wären interessante Optionen als Linksaußen, während Insua den Linksverteidiger attackierender spielen könnte als Aogo.

Nachdem Wolf die Partie aber als das vielleicht schlechteste Saisonspiel bezeichnete, ist wahrscheinlicher, dass dieses System eher nicht weiterentwickelt wird. Hoffentlich war das gestern kein zweites Dresden.

Und sonst so?


  • Im Pressing spielte der VfB 4-4-2-Mittelfeldpressing und es war nicht gut. Da die Außenspieler nicht mannorientiert gegen die Flügelverteidiger zurückfielen, verteidigten Aogo und Pavard sehr breit (cf. das quasi-6-2-2 gegen Hertha). Dadurch mussten Badstuber und Baumgartl viel Raum verteidigen, was sich besonders in der Strafraumverteidigung bei Flanken negativ bemerkbar machte.
  • Auch zwischen den Linien war der VfB anfällig. Einzelne unpassende Mannorientierungen und Gentner (bei nichtleerer Schnittmenge) waren hier wichtige Faktoren.
  • In der Halbzeit stellte Wolf leider unglücklich um. Im 5-3-2 mit tiefen Achtern bekam der VfB keinen Zugriff auf die Räume um die Halbverteidiger. Schließlich leitete Latza aus diesem Raum auch das 2:1 ein. An der Stelle könnte man mutmaßen, dass der VfB sich zu Hause nicht so hätte zurückdrängen lassen. Teilweise versuchten die Offensivspieler sogar ein Angriffspressing zu starten, aber die Mannschaft schob nicht geschlossen nach.
  • Mehr Burnic!

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