Sonntag, 19. Oktober 2014

8. Spieltag: VfB Stuttgart - Bayer Leverkusen 3:3

Stuttgarts mutige Ausrichtung scheitert zunächst an Leverkusens purer Klasse, beschert den Roten aber nach der Pause ein furioses Comeback. Das irre 3:3 in der Analyse.

Aufstellungen


Startformationen
Roger Schmidt musste mit Bender, Castro und Rolfes auf viele seiner etatmäßigen Sechser verzichten und bot daher notgedrungen Calhanoglu neben Reinartz auf. Die Offensivreihe bildeten damit Kießling, Bellarabi, Son und Brandt, die wie gewohnt ein sehr freies Zusammenspiel mit viel Dynamik und Flexibilität aufzogen. Son bewegte sich dabei am weiträumigsten und sorgte mit seinem Einrücken für einen kleinen Rechtsfokus, während Brandt etwas positionstreuer und diagonaler spielte.

Das Pressing der Rheinländer war im gewohnt engen 4-4-2/4-2-4 organisiert, wobei zusätzlich oft einer der Sechser weit herausrückte und ein 4-1-3-2 herstellte. Sie spielten ein hohes, aufrückendes Mittelfeldpressing, das jedoch nicht immer konsequent bis zum Torwart durchgezogen wurde, aber genügte, um Stuttgart den flachen Spielaufbau erheblich zu erschweren.

Der VfB-Coach tauschte für die Partie gegen die starken Leverkusener in der Abwehrkette und nahm den zuletzt von Reisestress geplagten Sakai für Niedermeier heraus. Weitreichendere Umstellungen gab es dann davor: Formativ kehrte er nämlich zum 4-3-2-1 aus dem Dortmundspiel zurück; auf den offensiven Halbpositionen spielten diesmal statt Gentner und Didavi allerdings keine zentralen Mittelfeldspieler, sondern mit Werner und Harnik dynamische Außenstürmer. Das Mittelfeld war mit Leitner und Gentner ebenfalls offensiver besetzt als noch gegen die Borussen.

Vehs Ansatz und warum er nicht aufging


In der Analyse zum BVB-Spiel kann man unter anderem nachlesen, dass das Tannenbaumsystem, so wie es vom VfB gespielt wird, große Räume auf der ballfernen Seite lässt. Der Clou gegen Dortmund war, dass einerseits dort beim Gegner kein sonderlich synergetisches Umfeld herrschte und andererseits das Ansteuern dieser Zone mit Deckungsschatten erschwert wurde. Gegen Bayer waren es andere Aspekte, die für das System sprachen: Leverkusen agiert typischerweise sehr eng und verzichtet von sich aus schon auf ständige Breite in der Offensive. Zudem suchen sie sehr kleinräumig und direkt das Kombinationsspiel zwischen den vier Angreifern; Verlagerungen und die Neuorganisation von Angriffen sind eher selten. Bayer zog stattdessen die Angriffe stringent durch und ignorierte meist die ballferne (häufig die linke) Zone. Der VfB konnte mit der 4-3-Staffelung also eine ordentliche Kompaktheit herstellen, ohne allzu viel Gefahr aus offenen Räumen befürchten zu müssen.

Trotzdem kassierten die Stuttgarter in der ersten Halbzeit drei Tore und das nach Chancen keinesfalls unverdient. Mannschaftstaktisch machten die Stuttgarter dabei gar nicht so viel verkehrt, beispielsweise hatten sie die Situationen, in denen Leverkusen auf dem Flügel hing gut unter Kontrolle. In offeneren Szenen dagegen konnten die Gäste kleine bis mittelgroße Schwächen beim VfB attackieren. Das waren beispielsweise der vereinzelt fehlende Kontakt zwischen Mittelfeldtrio und Abwehr, kleinere Unkompaktheiten um Gentners Grundraum herum und Abstimmungsprobleme in der Viererkette. Bayers enorm flexibler und spielstarker Offensivblock benötigte gar keine großartigen formativen Schwachstellen, wie sie beim 1:0 demonstrierten.

Staffelung vor dem 0:1. Allzu viel macht der VfB hier nicht verkehrt, der kleine offene Raum zwischen Gentner, Romeu und der Abwehrkette reicht Leverkusen schon aus. Schönes Kombinationstor.

Die andere große Gefahrenquelle hatte wiederum mit der offensiven Herangehensweise von Veh zu tun. Mit den drei Stürmern und dahinter Gentner und Leitner als nachstoßende Mittelfeldspieler trat der VfB dem Favoriten durchaus mutig entgegen. Durch Leverkusens weites Verschieben und deren hoher Offensivreihe öffnen sich auf der ballfernen Seite häufig Räume, die durch Verlagerungen attackiert werden können; die Roten taten dies, indem sie sich im Spielaufbau auf lange Bälle nach rechts mit Harnik, Ibisevic und Schwaab fokussierten, um anschließend diagonal nach auf die linke Seite zu kommen, wo sich Gentner frühzeitig hinbewegte und von Klein und Werner unterstützt wurde. Falls möglich sollten auch schon zuvor Chancen zum Durchbruch über das Zusammenspiel der drei Offensiven geschaffen werden.

Die Herangehensweise des VfB: Rechts sehr kompakt auf zweite Bälle gehen und, wenn möglich, lokal durchbrechen oder die ballfernen Freiräume anvisieren.

Diese Strategie war zwar recht simpel, aber von der Grundidee nicht schlecht und hätte auch wesentlich besser fruchten können, als es tatsächlich der Fall war. Das wohl größte Teilproblem dabei war, dass wie so häufig ein bisschen die Zielstrebigkeit und der Druck im Ausspielen dieser Szenen (und bei Kontern) fehlte. Dennoch: Auch dank der passenden Offensivstruktur bei Kontern und zweiten Bällen mit viel Aufrücken an die letzte Linie gab es mehrere Szenen, in denen klare Durchbrüche und damit Großchancen möglich gewesen wären, aber wegen Kleinigkeiten und etwas Pech nicht zustande kamen.

Dieser Konter entstand durch einen gezielten langen Ball von Niedermeier gegen Leverkusens Gegenpressing. Werners hohe Grundposition verschafft ihm den entscheidenden Vorsprung gegenüber Hilbert, sodass er frei durchbrechen kann; eine kleine technische Unsauberkeit macht diese brandgefährliche Chance jedoch zunichte. Im anschließenden Gegenkonter erzielte Bayer das 3:0.

Auf der anderen Seite konnte Leverkusen allerdings einige gefährliche Konter fahren, mit denen sie das ambitionierte Aufrücken der Hausherren bespielten. Dabei waren sie naturgemäß vielseitiger und durchschlagskräftiger als die Schwaben. Man könnte auch sagen, dass sich beide Mannschaften von den gewählten Offensivmitteln her durchaus ähnelten, aber Leverkusen diesen direkten Vergleich deutlich für sich entscheiden konnte.

Die Aufholjagd


Nach der Pause brachte Veh Neuzugang Hlousek für Rüdiger und beorderte Schwaab in die Innenverteidigung. Damit symmetrisierte sich das Spiel des VfB und die Konzentration auf die rechte Seite mit zweiten Bällen (und die linke Seite mit anschließenden Überladungen) verschwand. Lange Bälle von Kirschbaum landeten von nun an im Zentrum und es bildeten sich klare Staffelungen um Ibisevic herum. Harnik, der zuvor noch horizontal vor den Ballempfänger eingerückt war, attackierte nun mit Werner zusammen den Raum hinter ihm. Davor spielte meist Leitner, gegebenenfalls unterstützt von Gentner, und kümmerte sich um Abpraller.

Mit dieser Umstellung war es dem VfB möglich, Abschläge in gefährlichere Zonen zu bringen. Zum einen kommt ein hoher Ball der gleichen Länge einfach "weiter", wenn er vertikal gespielt wird, anstatt diagonal auf den Flügel raus; zum anderen waren die Rückzugsstrukturen für den Gegner damit nicht mehr so klar, denn es gab nun zwei direkt bespielbare Flügelräume, anstatt nur einen. Darüber hinaus gelang es dem VfB nun einen Tick besser, die eigenen Aufbauspieler reinzubekommen, wodurch sie Bayers Unkompaktheiten besser attackieren konnten. Diese wiederum begannen die zweite Halbzeit auf ihrem gewohnten Niveau, ließen aber mit der Zeit dann doch nach, zum Beispiel im Rückwartspressing, der grundsätzlichen Intensität und den Offensivstaffelungen, die sie mitunter zu breit anlegten und damit ein wenig die Bindung und Gegenpressingabsicherung aus der ersten Hälfte verloren.

Der VfB kam dadurch besser ins Spiel. Insbesondere attackierten sie nun die gegnerische Abwehr mit massivem Aufrücken, stellten viel Strafraumpräsenz her und setzten ein paar gefährliche Konter. Mit der Einwechslung von Maxim wurde dies noch verstärkt, jetzt spielten sie 4-2-3-1 mit Gentner als sehr offensivem Achter und hatten damit noch mehr Offensivkraft. Während die Konter vielversprechend waren, aber an Kleinigkeiten scheiterten, konnte Stuttgart bei Ballbesitzangriffen immer sicherer über die offenen Räume neben Bayers Doppelsechs aufrücken und zumindest Standards herausholen. Das sorgte nicht nur für Offensivpräsenz, sondern sicherte die Roten auch ein wenig besser gegen Konter ab, da der Gegner hinten reingedrückt wurde. Diese Effekte summierten sich letztlich dergestalt, dass der VfB sogar ein leichtes Übergewicht in der zweiten Hälfte verbuchen konnte. Dennoch erforderte es auch ein bisschen Glück - zwei der drei Stuttgarter Treffer fielen nach Standards - um an diesem Tag etwas Zählbares mitzunehmen.

Zusammenfassung


Vehs mutiges System aus der ersten Hälfte drohte zunächst völlig nach hinten loszugehen, der Stuttgarter Coach konnte das Ruder jedoch mit einigen guten Anpassungen und etwas Glück noch herumreißen. Das 4-3-2-1 entpuppt sich als äußerst spannende Alternative für den VfB, da es vor allem im Konterspiel große strukturelle Vorteile bietet. Fraglich ist nur, inwieweit es auch auf Spiele gegen flügellastigere Mannschaften anwendbar ist, die mit Verlagerungen und anschließenden Flanken oder Diagonalkombinationen die enge Mittelfeldreihe knacken könnten.

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