Sonntag, 7. April 2019

Die Ruhigen und die Wilden

Der ligaweite Ballbesitztrend hat den Abstiegskampf erreicht. Während Nürnberg dank kalkulierter Aufbaustruktur mithalten kann, passen beim VfB die Einzelteile nicht so richtig zusammen. Am Ende wird aus dem ruhigen Gegeneinander ein wuchtiger Schlagabtausch.

In den letzten Wochen fand der VfB einen Weg zur Stabilität, indem sie sich auf ein 5-3-2- Mittelfeldpressing mit vielen Zwischenpositionen konzentrierten. Aufgrund des Ausfalls von Gonzalo Castro musste Weinzierl jetzt zum ersten Mal umbauen. Er entschied sich für Donis als zweite Spitze, während Esswein die höhere linke Acht von Zuber übernahm. Zuber spielte wiederum die tiefere rechte Acht. Insgesamt war der VfB damit offensiver besetzt als zuvor.

Im Pressing konnte der VfB das hohe Niveau der Vorwochen zunächst nicht halten. Aus dem Mittelfeldpressing heraus wollte der VfB nach vorne verteidigen, aber die Kohärenz zwischen den Mannschaftsteilen fehlte. Die Stürmer liefen die Abwehr an und stellten Rückpässe zu, ohne dass die Akteure dahinter konsequent nachschoben. Das öffnete Räume für Nürnbergs zentralen Sechser Erras in der Mitte des Stuttgarter Pressing-Fünfecks und Nürnberg konnte sich über ihn befreien.

Nürnberger Ballbesitzfußball


Nürnberg füllte seine Spielanteile mit einer einstudierten Struktur aus und kontrollierte damit die Anfangsphase. Ihr 4-3-3 formten sie in eine anderen Formation um: Rechtsverteidiger Bauer rückte in die letzte Linie auf und schuf Breite, während Löwen rechts herauskippte und die Bälle forderte. Da Esswein erstmal von der Achterposition aus rausschieben musste, hatte Löwen im ersten Moment Zeit am Ball.

Schema der Nürnberger Aufbaustruktur (hier im mittelhohen Aufbau)

Die wichtigsten Stationen für Löwen im Anschluss waren der bereits erwähnte Erras, der als Ankerspieler im Sechserraum blieb, sowie Rechtsaußen Pereira. Da Insua von Bauer gebunden wurde und Ascacibar Erras im Auge behalten musste, lag es an Kempf, Pereira zu verteidigen. Diese Ausgangssituation stellte den VfB vor Schwierigkeiten. Kempf musste entweder weit rausrücken und kaum abgesicherte Duelle mit dem wendigen Brasilianer führen oder hinten bleiben und ihn aufdrehen und andribbeln lassen. Erschwerend kam hinzu, dass nicht nur Pereira, sondern auch der ausweichende Ishak Kempf beschäftigte und Gefahr in die Tiefe ausstrahlte.

Am unangenehmsten war Pereira, wenn er auf den Flügel auswich, denn dann konnte Kempf ihm gar nicht mehr folgen (ein offenbar beliebter Trick gegen 5-2-3-ähnliche Formationen). Wenn dann etwa Insua anlief, wurden einfache hohe Bälle auf Bauer möglich und Nürnberg konnte aufrücken. Im Anschluss an derartige Aufrückmomente versuchten sie die übrigen Spieler einzubinden. Ishak, Behrens und Kerk bewegten sich kollektiv in die Schnittstellen, teils mit Wechselbewegungen und dienten als Anschlussoptionen. Währenddessen sicherte Leibold etwas einrückend ab. Das alles klappte auch ganz gut und brachte Torgefahr, etwa bei Pereiras Großchance kurz vor dem 0:1.

Am Rande bemerkt: Nürnberg hatte auch für den Aufbau über links eine Idee. Dafür tauschten einfach Kerk und Leibold die Position, um Beck zu locken. Der Effekt war vergleichbar mit Pereiras Ausweichen, das Insua herauszog. Nach Kerks früher Auswechslung wegen Kreislaufproblemen (gute Besserung!) gab es diese Variante jedoch nicht mehr zu sehen.

Stuttgart übernimmt


Ein wichtiges Merkmal von Nürnbergs System war, dass es nicht nur gegen Stuttgarts Mittelfeldpressing funktionierte, sondern auch gegen ihr Angriffspressing (eine Ballbesitztruktur auf verschiedene Höhen zu übertragen ist nicht trivial - viele (?) Ballbesitzsysteme setzen ein Mittelfeldpressing beim Gegner voraus). Mit der Zeit spielte der VfB konsequenter und mit einer besseren Struktur Angriffspressing. Indem Zuber auf die Zehnerposition gegen Erras rückte und Beck sich aus der Fünferkette nach vorn löste, entstand eine schiefe, breite Mittelfeldraute. Damit entwickelte der VfB mehr Druck auf Erras. Löwen und Pereira blieben dagegen schwer zu greifen.

Trotzdem übernahm der VfB langsam das Kommando und fand in das eigene Ballbesitzspiel. Dieses sah ähnlich aus wie in den letzten Wochen - ein 3-1-4-2, nur mit noch offensiveren Achtern. Im Detail zeigten sich aber klare Veränderungen. Zuber tendierte etwas ins Zentrum und spielte über weite Strecken einen klassischen Zehner, der kaum unterstützte. Gomez und Donis setzten sich nach rechts ab, während Esswein weit nach links auswich. Der VfB überlud damit tendenziell halbrechts.

Interessanterweise bedeutete das nicht, dass der VfB besonders viel über rechts spielte. Das Gegenteil war der Fall. Insua und Esswein bildeten das dominante Pärchen in der ersten Halbzeit. Ohne weitere Unterstützung versuchten die beiden den Flügel runter zu spielen und anschließend die Ballungszone halbrechts mit Flanken zu bedienen.

Erfolgreiche Flügelverteidigung


Diese einfachen Flügelangriffe verteidigte Nürnberg aber solide. Gegen den Ball organisierten sie sich im 4-1-4-1/4-3-2-1. Die Außenstürmer liefen die Halbverteidiger von außen an, um den VfB nach innen zu lenken. Dort machten drei Sechser den Raum vor der Abwehr extrem eng. Zwar ließ Nürnberg Insua und Beck damit offen, aber im besten Fall verschwanden sie im Deckungsschatten des anlaufenden Außenstürmers. Alternativ wurden sie direkt von den Außenstürmern verteidigt. Entweder im Rückwärtspressing oder mannorientiert. Vor allem Pereira stellte gelegentlich Fünferketten gegen Insua her, wenn Bauer eng gegen Esswein verteidigen musste.

Ansonsten war Pereira in der Defensivarbeit aber auffallend launenhaft. Vielleicht wollte der VfB deshalb über links kommen. Wenn Pereira gerade mal fehlte, halfen Löwen und teils Ishak jedoch mit weiten Läufen aus, während Erras die Schnittstelle zwischen Bauer und Mühl im Auge behielt. Ohne einen dritten Spieler, der Räume anlaufen kann, fehlte es über links an ausreichender Präsenz, um Nürnbergs Verteidigung vor Probleme zu stellen. Die Besetzung des Strafraums mit Beck, der den zweiten Pfosten attackierte, war zumindest ein kleiner Pluspunkt.

Über die unterladene Seite anzugreifen, erwies sich für den VfB also nicht wirklich als effektive Strategie. Einen spannenden Aspekt hatte sie allerdings - nämlich im Gegenpressing. Nach Flanken oder ungenauen Diagonalbällen auf die rechte Seite hatte der VfB mit Donis, Gomez, Zuber und Beck sofort Überzahl und kam hervorragend ins Gegenpressing. Daraus entstanden einige der aussichtsreichsten Stuttgarter Angriffe per Gegenkonter.

Zweite Halbzeit


Als Reaktion auf das 0:1 stellte Weinzierl in der Pause auf ein breites 4-1-4-1 um. Didavi kam für Beck und spielte eine Zwischenposition aus Zehner, linkem Achter und hängender Spitze, während Zubers Rolle halbrechts ungefähr gleich blieb. Esswein und Donis spielten fortan als breite Flügelstürmer. Esswein bekam Unterstützung von Insua, der mal eingerückt, mal breit spielte. Der neue Rechtsverteidiger Kabak hielt sich offensiv zurück und überließ den Flügel Donis, der isolierte Dribblings zeigen sollte.

Ein Vorteil dieser Ausrichtung war, dass der VfB seine Anordnung im Angriffspressing beibehalten konnte. Didavi rückte dafür neben Gomez und statt Beck spielte Donis den rechten Halbspieler der Pressingraute. Der Club fand gegen diesen frühen Druck nicht mehr in sein Ballbesitzsystem aus der ersten Hälfte (auch wenn sie es ein paar Mal versuchten). Sie scheuten das Risiko und suchten vermehrt Ishak, der jetzt nach links auswich und mit Behrens und Kubo zusammen um die langen Bälle kämpfte.

Zudem erschwerte der Viererketten-Aufbau Nürnberg den Zugriff, da die Zuordnungen für den Dreiersturm nicht mehr so klar waren wie gegen die Dreierkette. Der VfB spielte nun viele Verlagerungen und versuchte Esswein und Donis in Dribblings zu schicken. Den beiden fehlte allerdings die Unterstützung von Zuber und Didavi, die eher selbst die Bälle forderten und zu wenig Läufe in die Tiefe anboten. Dadurch konnten Nürnbergs Außenverteidiger zum Flügel rausschieben, ohne sich Sorgen um die Schnittstellen machen zu müssen.

Der VfB im Flankenwahn


Dieses Problem behob Weinzierl in der 60. Minute mit der Einwechslung von Gonzalez für Esswein. Dadurch rückte Zuber auf links und der VfB spielte ein noch wuchtigeres 4-1-3-2. Nun bildeten sich auf der ballfernen Seite große Überzahlsituationen, weil die Spieler kollektiv auf die Flanke aus dem Halbfeld spekulierten. Die Flanken kamen und es fiel zumindest der Ausgleichstreffer.

Aus der Ballkontrolle und dem Offensivpotential, das der VfB nach der Pause auf dem Platz hatte, machten sie dennoch sehr wenig. Nürnberg reagierte auf die Offensivpräsenz des VfB mit konsequenter Defensivarbeit der drei Sechser plus Kubo. Die vier schlossen eng an die Viererkette an und konnten dort nachstoßende Läufe aufnehmen. Der VfB wählte gegen dieses Bollwerk ungeduldig die Flanke, anstatt gezielt nach offenen Räumen zu suchen. Immer wieder flankten sie aus bedrängter Position an der Seitenlinie den Ball in die Mitte, anstatt nochmal zurückzuspielen und eine bessere Situation abzuwarten. Läufe in die geöffneten Schnittstellen wurden kaum angespielt und Optionen im Rückraum ignoriert. Dieses stumpfe, hektische Vorgehen limitierte nicht nur die eigene Torgefahr, sondern ermöglichte außerdem den einen oder anderen Konter für Nürnberg.

In den letzten paar Minuten entwickelte sich schließlich ein offener Schlagabtausch. Der VfB warf alles nach vorne. Nürnberg konterte riskant über die Außenverteidiger. Beide wollten den Sieg erzwingen, doch die Torhüter retteten ihren Mannschaften das insgesamt leistungsgerechte Unentschieden.

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