Freitag, 25. Dezember 2015

Oriol Romeu

Der beste VfB-Sechser seit Pavel Pardo, in der vergangen Saison lange hauptverantwortlich für den konstruktivsten Stuttgarter Spielaufbau seit Jahren, aber auch Mit-Leidtragender der schwammigen Gesamtorganisation unter Armin Veh. Erst war er der einzige Anker in einer schlimmen Chaosmannschaft, wurde dann später unverständlicherweise nicht mehr aufgestellt und letztlich nicht weiterverpflichtet, weil man eine neue Spielidee mit viel Rumgerenne bevorzugte. Zur falschen Zeit am falschen Ort, könnte man zusammenfassen. Gewechselt ist Oriol Romeu Vidal letzten Sommer zum FC Southampton.

Der La Masia-Schüler


„Ich versuche, mein Spiel auf Busquets aufzubauen. Der Schlüssel des Spiels ist zu antizipieren. Er weiß zwei Sekunden vor allen anderen, wohin der Ball gehen wird. Das ist das, was ich auch können will.“
- Oriol Romeu

Ausgebildet wurde der junge Spanier in der Jugendakademie des FC Barcelona und, auch wenn er sich selbst etwas „englischer“ als das Klischee des kleinen, taktisch geschulten Technikers einschätzt, ist seine Spielweise doch klar vom katalanischen Ballbesitzfußball geprägt. Sein großes Vorbild ist der heimliche Weltfußballer Sergio Busquets – und auch wenn Romeu natürlich nicht dessen Gesamtniveau hat, findet man in der Spielweise der Beiden doch Parallelen.

„Romeu lässt seine Teamkameraden nie im Stich. Er stopft jede Ecke und jede Lücke. Er gibt die Balance in der Mitte, erlaubt seinen Mitspielern alle Freiheiten und erobert die Bälle entschlossen zurück.“
- Martí Perarnau

Im Aufbauspiel ist Romeu ähnlich wie Busquets ein balancierender Stabilisator und absolut zuverlässiger Knotenpunkt im Sechserraum. Er hält fast durchgehend das Zentrum und positioniert sich vor den Innenverteidigern, um beiden eine einfache und technisch wie taktisch fähige Anspielstation zu bieten. Damit schafft er ein stabiles Fundament für die tiefe Ballzirkulation und gibt auch seinen Mitspielern Sicherheit in ihrem Passspiel.

Darüber hinaus kann er in einem lebendigen Mittelfeld die Raumaufteilung aufrecht erhalten, indem er unterschiedliche Läufe mit leichtem Ausweichen oder Aufrücken beantwortet. Dabei achtet er stets darauf die Verbindungen nicht abreißen zu lassen und als Anspielstation bereit zu stehen. Beim VfB machte er das zum Beispiel, um Didavi oder Maxim bei ihrem Zurückfallen zu unterstützen. Bei Southampton öffnet er eher Raum für Vorstöße der Innenverteidiger.

Romeu Kernfähigkeiten sind allerdings seine hervorragende Technik, sein hohes Spielverständnis und die Gedankenschnelligkeit, was ihn zu einer schwer pressbaren Passmaschine macht. Er besitzt ein gutes Umblickverhalten und schaut zum Beispiel auch vor Anspielen immer noch kurz über die Schulter, um zu sehen, ob niemand ihn anläuft und er aufdrehen kann. Handlungsschnell deutet Romeu dann das Geschehen auf dem Platz und trifft die richtigen Entscheidungen, legt den Ball mit Leichtigkeit an heranstürmenden Gegenspielern vorbei, spielt schwierige Pässe in offene Räume, windet sich lässig aus Drucksituationen und behält dabei immer im Blick, was der eigenen Mannschaft den größten Vorteil bringt.

So sieht man nie unnötiges Spektakel von ihm: Seine Ballkontaktzeiten sind nicht länger als nötig, seine Pässe kurz, prägnant, präzise und effizient. In der Passgewichtung ist Romeu sehr variabel. Die meisten seiner Zuspiele kommen sehr weich und geschmeidig, was sie für seine Mitspieler angenehm zu verarbeiten macht, während er harte Flachpässe nutzt, um das Tempo zu verschärfen und gegnerische Ketten zu durchdringen. Seine Pressingresistenz nutzt er rein pragmatisch und nie zur Selbstinszenierung. Kann er einen konstruktiven Pass zum freien Nebenmann spielen, spielt er den Pass, anstatt sich mit aufsehenerregenden Dribblings oder langen Bällen hervorzutun, wie es andere Spieler vielleicht machen würden. Nicht dass er es nicht könnte, aber er hat es nicht nötig. Seine Anerkennung in der Öffentlichkeit leidet darunter etwas, seine Effektivität als Fußballer jedoch keineswegs.

Romeus Passentscheidungen in einer Situation veranschaulicht. Statt dem offensichtlichen langen Ball (3) wählt er den schwierigeren Kurzpass (2) an Fernandinho vorbei auf Bertrand, um das Ausnutzen des Freiraums auf der rechten Seite zu verzögern. Delph wird vermutlich noch rüberrücken und weiterer Raum für Mané & Co. wird freiwerden. Dass er den strategisch unguten Ball auf den Flügel (1) nicht mal in Betracht zieht, ist eh klar. Er täuscht mit seiner Blickrichtung sogar ein bisschen diesen Pass an, um Fernandinho wegzulocken und schlägt dann in dem Moment zu, in dem der Brasilianer etwas aus der Balance gerät.

Stattdessen versucht er immer wieder, den Ball zwischen die Linien zu befördern. Dabei denkt er stets einen Schritt im Voraus und gibt als tiefer postierter, überblickender Spieler mit der Schärfe und Richtung des Passes den weiteren Angriffsverlauf vor. Wenn es die Situation erlaubt stößt er im Anschluß gelegentlich auch selbst in freie Räume vor, jetzt bei Southampton noch deutlich mehr als beim VfB, wo er als einziger Sechser oft gebunden war. Lange Bälle auf die Flügel kann er auch, er setzt sie aber wegen ihres oft geringen (und überschätzten) strategischen Nutzens nur selten ein. Wenn, dann kommen sie aber im richtigen Moment, gefühlvoll und genau.

Spiel gegen den Ball


Offensiv hat Romeu, betrachtet man seine Fähigkeiten und Spielweise als Gesamtpaket, kaum Schwächen. Die meiste Kritik, die der spanische Sechser in seiner Zeit beim VfB erntete, bezog sich aber ohnehin auf sein Abwehrverhalten. Zu defensivschwach und sowieso viel zu langsam für einen Sechser – eine Position, auf der bekanntermaßen nur Spieler mit außergewöhnlichen Sprintfähigkeiten spielen können – sei er, hieß es da manchmal.

Diese Betrachtung greift natürlich zu kurz, aber dennoch ist Romeu gegen den Ball ein etwas spezieller Spieler. Seine Tacklings wirken auf den ersten Blick relativ unsauber, da er den Gegner so manches Mal nicht klassisch stellt, sondern auf einmal Geschwindigkeit aufnimmt, an ihm vorbeiläuft und seitlich oder gar von hinten versucht den Ball zu erobern. Da die meisten Spieler gewohnt sind, den Ball erst einmal behaupten zu können, wenn sie sich mit dem Rücken zum Tor stellen, kann Romeu viele Gegenspieler überrumpeln und dann mit seiner bissigen, aber dennoch sehr sauberen Zweikampfführung, den Ball rausspielen. Die Kehrseite ist natürlich das hohe Risiko, das er damit eingeht. Dreht sich der Gegner in die richtige Richtung, ist Romeu überspielt und da er tatsächlich relativ langsam ist, kommt er dann nicht mehr hinterher. Im besten Fall kann er so allerdings unerwartete Ballgewinne erzielen und kompakten Pressingsystemen eine etwas „dreckige“ Komponente hinzufügen.

Sein Stellungsspiel und seine Läufe im Pressing sind wiederum intelligent und griffig. Ihm fehlt jedoch die enorme Beweglichkeit, die zum Beispiel Serey Die hat, und er agiert beim Stellen etwas statisch, sodass es nicht unmöglich ist, Pässe an ihm vorbeizukriegen. Häufig nutzt er auch raumgreifende Grätschen, um im Zweikampf möglichst viele Auswege abzudecken. Dabei ist er jedoch nie unfair oder gar brutal, sondern sehr geschickt.

Insgesamt kann man Romeus Defensivverhalten als sehr aggressiv, dabei aber doch relativ sauber und teilweise etwas plump einschätzen. Nimmt man sein balanciertes Stellungsspiel im Ballbesitz noch dazu, womit er Dinge wie Konterabsicherung und Gegenpressingzugriff stärkt, ergibt das keineswegs einen defensivschwachen Sechser. Nur einen, der keine riesigen Räume allein kontrollieren kann, sondern hier und da etwas Unterstützung braucht. In dieser Hinsicht gaben ihm seine Mitspieler beim VfB ausgesprochen wenig zurück.

Der nach VfB-Logik einzige legitime Schluss daraus, war, mal wieder an den echten Problemen vorbeizuwursteln und einen Sechser zu kaufen, der besser mit den großen Räumen zurechtkommt, anstatt selbige systematisch zu schließen. Die Probleme sollten den VfB in der folgenden Saison bald wieder einholen. Romeu jedenfalls stand zwischen Spieltag 22 und 34 nur noch einmal in der Startelf – gegen den SC Freiburg als Vertreter des gesperrten Die – und verabschiedete sich mit einer tollen Leistung aus Stuttgart.




Romeu bei den Saints


Im Sommer ging Romeu zurück nach London und wechselte letztlich für eine durchaus gerechtfertigte Ablöse von rund 7 Millionen Euro zum FC Southampton. Dort ist er allerdings auch noch nicht vollständig glücklich geworden. Er stand in der Liga bislang nur sechs Mal in der Startelf und absolvierte dabei 553 von möglichen 1440 Spielimunten.

Der athletische, aber strategisch wenig begabte Victor Wanyama hat als einziger zentraler Mittelfeldspieler einen Stammplatz, während es mit dem lange verletzten und mittlerweile zurückgekehrten Jordy Clasie, sowie vielseitigen Spielern wie Davis und Ward-Prowse viel Konkurrenz um die Position neben ihm gibt. Als bewegliche Achter passen die beiden außerdem ganz gut zu Wanyama, während dieser sich mit Romeu nicht ganz optimal ergänzt.

"I like to play with pressure. I like to do that and I feel good."
- Oriol Romeu

Ein Grund für seine geringe Spielzeit ist auch, dass Romeus Fähigkeiten nicht so sehr gebraucht werden. In der englischen Liga sind Pressing und Intensität noch nicht so weit verbreitet wie man es als Deutscher von der heimischen Bundesliga gewohnt ist. Die Räume sind groß, die Spieler haben mehr Zeit am Ball – das macht den Sechsern das Leben leicht und Romeus Pressingresistenz ein bisschen obsolet. Wegen des Mangels an organisiertem Gegenpressing kann er nicht mal in Umschaltsituationen seine Qualitäten einbringen, sondern kann nicht mehr tun als einen intelligenten, aber im Endeffekt doch meist einfachen Pass mit langer Vorlaufzeit zu spielen – und das können andere Spieler auch. Da Southampton außerdem über kein allzu ambitioniertes Aufbauspiel verfügt und bei Pressingansätzen des Gegners schnell auf lange Bälle zurückgreift, sieht Romeu immer wieder Bälle über sich hinwegfliegen. Die Premier League unterfordert ihn in dieser Hinsicht ein wenig, Bundesliga war da schon passenderes Terrain für ihn. Darüber hinaus sieht man in England auch hin und wieder mal etwas schlampige Phasen, wo er plötzlich ohne Druck merkwürdige Fehlpässe spielt, die man sonst von ihm nicht kennt – ein Phänomen, das vielleicht auch mit der geringen Spielintensität in Zusammenhang steht.

Da Romeu in der Vorbereitung von Southamptons Angriffssituationen nicht besonders häufig gesucht wird, hilft er stattdessen auf unauffälligere Weise durch seine balancierende Positionierung und mit vielen ausweichenden Bewegungen, mit denen er zum Beispiel dem spielstarken Innenverteidiger José Fonte das Mittelfeld für Vorstöße freimacht. Vor allem gegen Teams wie Norwich und Manchester United, die gegen den Ball mit vielen Mannorientierungen auftreten, nutzte Koeman diese Qualitäten Romeus erfolgreich, um verschiedenen Mitspielern Räume zu öffnen. Gegen Norwich City hatte er mit Davis und Ward-Prowse außerdem spielstarke und bewegliche Partner, sodass mehr Bewegung ins Mittelfeld einkehrte und in Zusammenhang mit Romeus Balancegeben ein konstruktiver und strukturell ansprechender Spielvortrag möglich wurde. Ein dominanter, ungefährdeter 3:0-Sieg war das Resultat.

Was das Pressing angeht machen die Saints in England auch keine so richtige Ausnahme, auch wenn sie immer wieder ganz gute Momente reinbringen. Die Pressingspitzen der in verschiedenen Formationen aufgereihten Mannschaft sind in den Nicht-Angriffspressing-Phasen ziemlich passiv und arbeiten nicht konstant mit. Da die generelle Kompaktheit und Intensität in den Reihen dahinter zwar teilweise gut, aber insgesamt doch sehr schwankend ist, entstehen so im Zentrum gelegentlich große Räume, die für die Sechser nicht so leicht zu kontrollieren sind – Romeus riskanter Zweikampfstil passt dazu nicht optimal. Wie es zum Beispiel anders gehen kann, demonstrierte Koeman gegen Manchester City, als er das Zentrum mit einem engen 4-1-4-1 verriegelte und Romeu halblinks als herausrückenden Achter nutzte, um überraschende Ballgewinne zu erzielen und den Wirkungsbereich von de Bruyne zu kontrollieren.

Zumindest die Konterabsicherung ist vor allem in den Spielen, in denen Romeu neben Wanyama aufgestellt wurde, jedoch ganz gut, da die beiden gemeinsam bis kurz vor den Strafraum aufrücken und Abpraller aus dem flankenorientierten, oft etwas abgehackten und nicht so harmonischen Offensivspiel mit ihrem Durchsetzungsvermögen aufsammeln können. Romeu ist dabei der etwas höhere Akteur und bindet sich selten sogar in Kombinationen im und um den Strafraum ein oder geht als robuster Abnehmer mit in den Sechzehner – was die arg begrenzte Nutzung seiner Fähigkeiten nochmal schön unterstreicht.

Fazit


Im Schatten der goldenen Barca-Generation sucht Oriol Romeu seinen Platz zwischen englischem Kick and Rush und deutschem Konterfußball. Vielleicht findet er ihn schon bald, wenn Southampton etwas mehr Aufbauspiel machen will. Vielleicht muss er sich aber auch bis zum nächsten Kapitel seiner noch jungen Karriere gedulden.

Schön war's jedenfalls als Suttgart-Fan, wo eher Fernschusstore und schnelles Geradeausrennen bejubelt werden, zumindest ein bisschen was von seinem konstruktiven, teamorientierten, positiven Fußball, einfach ein kleines bisschen Barcelona, erleben zu dürfen. Dass der sympathische Spanier dann auch noch in jedem Interview betont, wie viel er von unterschiedlichsten Leuten lernen kann und will, dass er als Ersatzspieler seinen Konkurrenten in Schutz nahmsich sogar hätte vorstellen können, beim VfB zu bleiben und offenbar immer noch eine gewisse Verbundenheit mit dem Verein hat, rundet das Bild dieses wundervollen Fußballers nur allzu passend ab.

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