Mittwoch, 16. Mai 2018

Neuzugänge: Maffeo, Sosa, Kempf, Kopacz

Hier gibt's kurze Analysen der vier Neuzugänge im VfB-Kader.

Der Großteil des Videomaterials, das meiner Einschätzung zugrunde liegt, findet sich jeweils am Ende der Segmente zu den jeweiligen Spielern. Wer skeptisch ist (sollte man sein), der kann sich den Text sparen, zu den Zusammenschnitten springen und sich selbst einen Eindruck machen.

Die Flügelverteidiger


Fangen wir an mit den beiden teuersten Neueinkäufen. Pablo Maffeo kommt für die rechte Abwehrseite, Borna Sosa für die linke. Beide sind vom Positionsprofil her offensive Flügelverteidiger-Typen. Ein Spielertyp, der im Kader der vergangenen Saison völlig fehlte, abgesehen vielleicht von Ailton.

Von den beiden ist Maffeo der geschliffenere Spieler, dem man anmerkt, dass er daran gewöhnt ist, in einer schnellen, intensiven Topliga zu spielen. Durch sein Tempo kommt der Spanier zügig in die Zweikämpfe und bearbeitet bissig seine Gegenspieler. Dank seines hervorragenden Antritts kann er auf Richtungswechsel schnell reagieren und ist schwer abzuhängen. Deshalb spielte er bei Girona sogar mal Manndeckung gegen Messi. Der Nachteil seiner 1,73m ist, dass ihm etwas die Reichweite im Zweikampf fehlt. Wo er auch noch nicht top ist, ist seine Antizipation von Situationen und damit zusammenhängend seine Positionierung. Er ist aber so schnell, dass er da auch ein größeres Toleranzfenster hat als andere Spieler.

Im Vergleich zu Maffeo wirkt Sosa geradezu lasch im Defensivverhalten. Er hält größere Abstände zu seinen Gegenspielern und verteidigt im Zweifel eher zurückhaltend. Insgesamt macht er einen lässigen Eindruck, was sich manchmal in unkonzentrierten Aktionen mit und gegen den Ball niederschlägt. Für die Bundesliga wird er auf jeden Fall an Schärfe gewinnen und sich an Pressingabläufe gewöhnen müssen.

Deutlich mehr glänzen kann der Kroate im Spiel nach vorne. Mit Ball entwickelt er eine hohe Dynamik mit der er druckvoll in Räume vor sich reinzieht und sogar Gegner überlaufen kann (manchmal ein bisschen zu Kopf-durch-die-Wand-mäßig). Allerdings kann er Raumvorteile auch nicht immer in ihrer Gänze ausschöpfen und bricht seine Dribblings tendenziell etwas zu früh ab, Emiliano Insua ist da zum Beispiel besser. Sehr gut und prägend für sein Spiel sind auch die Flanken. Er bringt da das ganze Paket mit: Hohe Flanken aus dem Lauf, Halbfeldflanken mit viel Effet und flache Hereingaben. Aus diesem Repertoire wählt er gut aus und bringt die Bälle dahin, wo es dem Gegner wehtut.

Wie die meisten Außenverteidiger ist Sosa aber auch ein eher linearer Spieler. Da er recht klar auf seinen linken Fuß fixiert ist, spielt und dribbelt er fast nur vertikal oder diagonal nach vorne. Anders als Spieler wie Gotoku Sakai oder Bastian Oczipka kann er nicht so richtig auf die Spielfeldmitte zugreifen. Das wird umso mehr zu Problem je seltener die Aktion nach vorne geht und je weniger sinnvoll sie ist. Einzelne enge Situationen kriegt er dennoch überraschend gut aufgelöst. Das Potential, ein konstruktiverer und weniger vorhersehbarer Außenverteidiger zu werden ist also vermutlich da (und wenn sogar Nico Schulz das gelernt hat...).

Maffeo hat als Flügelverteidiger bei Girona ein nochmal deutlich aggressiveres Bewegungsspiel, ein bisschen so wie man es von Philipp Max aus der Bundesliga kennt. Maffeo dribbelt kleinteiliger und enger am Gegenspieler als Sosa und kann damit Gegner abhängen und Pressingsituationen auflösen, ohne aber ständig zur Grundlinie durchzukommen. Am Ball ist Maffeo keinesfalls total sauber, vereinzelt unterlaufen ihm technische Fehler bei einzelnen Kontakten. Manchmal wird aus den Dribblings eher ein kreatives Durchwursteln als ein unantastbares Gleiten durch den Raum. Auch sein Passspiel ist nicht fehlerlos. Maffeo ist niemand, der permanent Situationen perfekt löst, sondern schon ein attackierender Spieler. Darin ist er aber ziemlich gut.

Was Flanken angeht, wirkt Maffeo etwas weniger variantenreich als Sosa. Wahrscheinlich hat er trotzdem ein ähnliches Repertoire, aber Maffeo holt sich lieber kleine Raumvorteile im 1-gegen-1 in breiter Position, um die Flanke dann mit rechts oder links am Gegner vorbeizuzwirbeln. Der Strafraum ist dann meistens schon gut gefüllt und der Ball muss in hohem Bogen reinkommen. Sosa flankt hingegen viel frühzeitiger oder findet im Anschluss an seine durchbrechenden Vorstöße dynamische Strafraumsituationen vor, die er dann mit weniger Gegnerdruck auch gewählter ansteuern kann.

Die Konstellation auf den Außenverteidiger-Positionen scheint beim VfB zu passen: Auf beiden Seiten hat der VfB einen eher defensiven (Beck) bzw. ausgeglichenen (Insua) Viererketten-Außenverteidiger mit hohem Spielverständnis, Zuverlässigkeit und Pressingkompetenz. Und dazu eben jetzt die beiden jungen, offensiven Alternativen, wovon der weiter entwickelte auf der problematischeren der beiden Positionen spielt. Das sieht schon ganz gut aus.






Der Stratege


Sofort helfen kann auch der bundesligaerprobte Marc-Oliver Kempf. Kempf gehört zu diesen Innenverteidigern, die technisch zwar nicht überragend scheinen, aber irgendwie trotzdem total gute Pässe spielen. Er macht keine ganz abgefahrenen Sachen wie Benjamin Pavard, sondern spielt einfach die richtigen Pässe in die richtigen Räume zu sehr guten Zeitpunkten und lässt sich dabei kaum vom Gegner beeinflussen. Etwa wird er kaum nervös, wenn er den Ball länger halten muss. Kempf nutzt die Zeit, um das Spielfeld zu beobachten, anstatt den Ball hastig weiter zu schieben. Seine strategische Qualität wird, so scheint es, hauptsächlich durch seinen schwachen rechten Fuß etwas eingeschränkt. Vielleicht führt sein Beobachten des Spiels auch dazu, dass ihm dann vereinzelt auch Fehlpässe unterlaufen, die man nachher auf fehlende Konzentration schieben würde.

Einen ähnlich veranlagten Spieler hat der VfB bereits im Kader, nämlich Marcin Kaminski. Im Vergleich zu Kaminskis geschmeidigem Aktionsrhythmus, ist Kempf aber gewissermaßen ein Rebell. Damit ist sein Spielaufbau zwar weniger konstant und in den Feinheiten der einzelnen Pässe etwas schwächer als Kaminskis, aber dafür dominanter und potentiell strategisch noch mächtiger. In Stuttgarts Ansammlung ausschließlich spielstarker Innenverteidiger ist Kempf nicht nur mehr vom Gleichen, sondern bringt auch eigene, neue Facetten mit rein.

Ach ja. Keine Ahnung, ob er verteidigen kann. Interessiert ja auch keinen.



Der Dribbler


Bleibt noch ein letzter Spieler auf der Liste, nämlich David Kopacz. Den U21-Nationalspieler Polens wollte der BVB offenbar vom Offensivallrounder zum Rechtsverteidiger umschulen. Beim VfB ist er hingegen offensiv eingeplant, was angeblich eine Rolle bei diesem Transfer gespielt hat.

Seine Spielweise lässt in jedem Fall einen gelernten Offensivspieler vermuten. Kopacz ist ein ziemlich guter Dribbler mit gutem Tempo und Finten im 1-gegen-1. Dabei startet er am liebsten mit etwas Raum um sich herum und mit Blick zum Tor, ein klassischer Flügeldribbler ist Kopacz jedoch nicht. Entweder fordert er seitlich des gegnerischen Blocks die Bälle und leitet diagonale Angriffe durchs Zentrum ein oder läuft in die Spitze und sucht die Abschlusssituation. Oft rückt er auch in die Mitte ein, allerdings kommt er in der Enge nur mäßig gut zurecht. Ihm scheint da etwas der Überblick und das Feingefühl für die Situation zu fehlen, was sich in suboptimalen Entscheidungen und einem schwachen Bewegungsspiel niederschlägt. So versucht er sich auch eher aus der Enge in den Raum zu lösen, anstatt kleine Raumvorteile auszuschöpfen.

Mit diesem Profil wirkt die Idee mit dem Rechtsverteidiger durchaus sinnvoll, zumal Kopacz recht laufstark zu sein scheint. Die andere logische Position wäre die des Außenstürmers, für die er wohl auch beim VfB eingeplant ist. Als Zehner oder einrückender Außen wie im 4-2-2-2 der abgelaufenen Saison kann ich ihn mir nur dann vorstellen, wenn man extrem auf zweite Bälle spielt. Bei den Abprallern hätte er stets das Gesicht zum Tor und könnte ins Dribbling gehen, ohne sich allzu viele Gedanken darum zu machen, was in seinem Rücken passiert.

Bleibt noch die Frage, ob seine individuellen Fähigkeiten überhaupt für die Bundesliga reichen. Im naheliegenden Vergleich mit dem nur 9 Monate älteren Jacob Bruun Larsen fällt er aus meiner Sicht in so ziemlich allen Fähigkeiten ab, die erfolgreichen Fußballaktionen zugrunde liegen. Während Larsen durch sein positionsunabhängiges Spielverständnis in unterschiedlichen Räumen zurechtkommt, wirkt Kopacz eher wie ein Allrounder wider Willen. Mal schauen, wie er sich beim VfB entwickelt.

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