Dienstag, 27. März 2018

Tayfun Korkuts Start beim VfB

7 Spiele, 5 Siege, 2 Unentschieden. Der VfB gehört seit der Amtsübernahme von Tayfun Korkut zu den formstärksten Mannschaften der Liga. Wie kommt's?

Was war


Rekapitulieren wir kurz die strategische Grundausrichtung des VfB unter Korkuts Vorgänger Hannes Wolf. In der Bundesliga-Hinrunde stand zunächst das Pressing im Fokus, das in einem 5-2-2-1 stattfand, meist als Mittelfeldpressing angelegt war, und mannorientiertes Zuschieben auf dem Flügel vorsah. Im Herbst stellte Wolf im Wesentlichen auf 5-2-1-2 und klassisches Zustellen über das ganze Feld um.

Mit Ball verfügte der VfB über eine stabile, gut strukturierte aber etwas harmlose Zirkulation. Punktuell gab es außerdem Anpassungen in Form von besonderen Positionsordnungen (zum Beispiel gegen Wolfsburg oder Frankfurt), die der Mannschaft Strukturvorteile geben und letztlich die Torgefahr aus dem geordneten Aufbau heraus erhöhen sollten. In den ersten Spielen der Rückrunde trieb Wolf diese Bemühungen auf die Spitze, was bekanntermaßen keine Ergebnisse einbrachte und zu seiner Entlassung führte. Mehr zu diesem Thema in den Spielanalysen zu Mainz und Schalke.

Was ist


Dieses taktische Fundament hat Korkut für's Erste komplett über den Haufen geworfen und eine eigene Strategie installiert.

Das zentrale Element von Korkuts VfB ist das sehr gute Pressing. Die Mannorientierungen und das Zustellen wichen einer kompakten Grundordnung mit ausgeprägten Kettenmechanismen, flexibler Orientierung und hoher Intensität. Die Mannschaft spielt mehr auf Konter und zweite Bälle. Wolfs Positionsspiel ist einer mikrotaktisch eher improvisierten Ballbesitzordnung gewichen.

Steigen wir ein in die Details.

Angriffspressing: Von halsbrecherisch zu effizient.


Basis vom Mittelfeld-, Angriffs- und Abwehrpressing ist das 4-4-2, das in den ersten Spielen unter Korkut praktisch durchgängig in einem hohen Mittelfeld- oder Angriffspressing umgesetzt wurde.

In Korkuts erstem Spiel gegen Wolfsburg spielte die Mannschaft das Ganze in vielen Phasen flexibel aus der Position heraus mit wenig Mannorientierung. Quasi ein normales Mittelfeldpressing, nur eben am gegnerischen Strafraum. Sowas ist im Angriffspressing eher selten und funktionierte in Anbetracht der kurzen Vorbereitungszeit auch nicht sonderlich gut. Die drei Linien des 4-4-2 waren über nahezu ein halbes Feld hinweg schwer miteinander zu verzahnen. Weil das Mittelfeld hinter den anlaufenden Spielern zu breit verteidigte wurde der VfB anfällig im Zwischenlinienraum. Die Sechser mussten entweder diese Lücken in Kauf nehmen oder tiefer spielen und die Verbindung nach vorne abreißen lassen.

Das Problem wurde aber in den folgenden Spielen behoben. Die Stürmer laufen inzwischen gewählter und weniger aggressiv an, nutzen Pässe als Trigger für Bogenläufe oder stellen nur passiv zu. Dadurch sind ihre Anlaufbewegungen schwieriger zu bespielen und das Pressing, was Druckausübung und Leiten angeht, ist effizienter. Damit können auch die Spieler hinter den Pressingspitzen tiefer bleiben. Meistens muss nur ein Spieler herausrücken (häufig ein Sechser gegen einen Sechser, seltener ein Außenstürmer z.B. gegen einen Halbverteidiger), während sich die übrigen Spieler in einer engen Dreierkette vor den vier Verteidigern anordnen. Aus diesem dichten 4-3-Block heraus konnten die Spieler, flexibel auf die Folgesituation reagieren und sind gut gerüstet gegen lange Bälle.

Beispielhafte Pressingszene. Nach Gomez' Leiten kann der VfB Sippels langen Ball in Überzahl verteidigen.

Lässt sich der Gegner auf den Flügel leiten, stellen die hinteren Spieler ballnah komfortabel Mannorientierungen her, um dem Gegner die Optionen zu nehmen und die Bälle zu holen. An dieser Stelle kommt insbesondere die Klasse von Emiliano Insua zur Geltung, der auf seiner Position wohl zu den besten Balleroberern der Liga gehört. Seine sehr sauberen Ballgewinne sind der Ursprung vieler Stuttgarter Konterchancen.

Manchmal können die Gegner gegen das Leiten oder die Momente reinen Zustellens auch eine Befreiungsstation finden, zum Beispiel einen tiefstehenden Außenverteidiger. Während in der breiten Anordnung gegen Wolfsburg immer ein Außenstürmer nachschieben konnte, ist das in der 4-3-3/4-3-1-2-Formation schwieriger. Im Idealfall schiebt trotzdem ein hinterer Spieler auf den freien Mann nach. In manchen Angriffspressing-Situationen, wenn die eigene Formation also besonders gestreckt ist, entfällt dieser Lauf allerdings. Schließlich hat der angespielte Gegner ein gutes Sichtfeld und der anlaufende Spieler muss erst weit aufrücken. Bleibt das Anlaufen aus, zieht sich die Mannschaft aber diszipliniert und aufmerksam zurück. Die Spieler versuchen, während des Fallenlassens Passoptionen im Blick zu behalten. Die tiefen Spieler rücken in Ballnähe eng zusammen, während die zurückeilenden Akteure, dank ihres Sichtfeldes, die seitlichen Räume schließen können.

Zusätzlich passte Korkut die Mannschaft (oder die Mannschaft sich selbst) gut an den Gegner an. Frankfurt wollte zum Beispiel im 3-1-4-2 Stuttgarts Doppelsechs mit hohen Achtern binden und den eigenen Sechser hinter oder zwischen den Stürmern freibekommen. Oft reagierte der VfB dann so, dass Ginczek hinter Gomez statt neben ihm verteidigte. Gegen dieses 4-4-1-1 kamen die Räume dann günstigerweise eher den spielerisch mäßigen Halbverteidigern zu, anstatt Spielmacher Hasebe.

Der Rückzug


In den letzten paar Spielen funktionierte das Angriffspressing allerdings nicht mehr gegen alle Gegner optimal und der VfB musste teilweise etwas tiefer verteidigen.

Anzeichen dieser Entwicklung sah man schon beim 1:0-Sieg in Augsburg, als die Mannschaft von der wahnsinnig breiten Aufbaustruktur der Augsburger auseinandergezogen wurde und nur durch immense und nicht durchgängig abrufbare Laufleistungen genügend Druck machen konnte. Beim glücklichen 3:2 in Köln geriet die defensive Stabilität des VfB besonders ins Wanken. Während der FCA die enge Grundstruktur des Pressings mit Breite attackierte, war der Ansatz der Kölner feinsinniger: Ruthenbeck knackte den VfB tatsächlich durchs Mittelfeldzentrum.

Das gelang ihnen im 3-4-2-1 besonders gegen Stuttgarts Aufrücken in das Angriffspressing aus dem Mittelfeldpressing. Wenn die VfB-Stürmer auf den Innen- und einen Halbverteidiger herausschoben, mussten nicht nur beide Sechser herauskommen, um die Kölner Doppelsechs anzulaufen, sondern auch ein Außenstürmer den freien Halbverteidiger im Blick behalten. Dieser Außenstürmer hing folglich zwischen dem Halbverteidiger und dem Raum hinter dem rausrückenden Sechser, den er eigentlich absichern müsste, in der Luft. Resultat: Raum vor der Abwehr offen. Wenn Ginczek einen der Sechser abdeckte, konnte einer der VfB-Sechser zwar tief bleiben. Das half aber auch nicht viel, da dieser dann von Kölns Doppelzehn überladen wurde. Die Kirsche auf der Torte war, dass Köln dann vorne eine Reihe mit fünf Offensivspielern gegen die Viererkette stehen hatte, sodass die Verteidiger auch nicht wirklich auf die Spieler zwischen den Linien herausrücken konnten.

Eine Woche später gegen Leipzig blieben derartig gezielte Attacken zwar aus, der VfB wirkte aber von sich aus nicht mehr ganz entschlossen in diesem Übergangsbereich. Es entwickelte sich eine leichte Diskrepanz zwischen Spielern die ins Angriffspressing aufrücken und welchen die eigentlich lieber im Mittelfeldpressing bleiben wollten. Während die Stürmer versuchten mannorientiert aufzurücken, zögerten die Mittelfeldspieler teilweise im Anlaufen (das heißt hauptsächlich Gentner). Da fehlten dann ein paar Meter und das Pressing verlor an Griffigkeit. Gegen Leipzig "einigte" sich die Mannschaft dann darauf, in einem hohen Mittelfeldpressing zu verharren. Im jüngsten Spiel gegen Freiburg spielte der VfB schließlich ein zurückgezogeneres Mittelfeldpressing mit wenigen Angriffspressingphasen und -momenten. Ob das so bleibt, werden die nächsten Spiele zeigen.

Durch Gentners zu tiefes Zurückfallen im Vorfeld muss er einen umständlichen Bogen machen, um Klostermann anzulaufen. Der kann in der Zwischenzeit aufdrehen und die hohe Linie des VfB bespielen. Manchmal machen Kleinigkeiten einen großen Unterschied.

Mittelfeldpressing: Praktisch ohne Makel.


We were defending a little bit like Atletico Madrid today.
- Mario Gomez

Damit sind wir beim Herzstück des Stuttgarter Fußballs angekommen, anhand dessen sich auch weitere allgemeine Merkmale herausarbeiten lassen, die für alle Pressinghöhen gelten.

Im Mittelfeld- und Abwehrpressing konzentriert sich die Mannschaft ganz besonders darauf, den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld zu verteidigen. Im besten Fall stellen die Sechser schon die Passwege zwischen die Linien zu. Kommt der Gegner trotzdem irgendwie an den Sechsern vorbei, machen die Mittelfeldspieler von allen Seiten Druck. Nicht nur die Sechser kommen zurück, auch und vor allen Dingen die Außenstürmer Gentner und Thommy schieben weit und diszipliniert in diese Räume mit rein. Durch diese klassischen Kettenmechanik sichert der VfB auch herausrückende Bewegungen der Sechser ab. Als zusätzliche Maßnahme, um den Raum vor dem zurückweichenden Mittelfeld nicht zu groß werden zu lassen, kommt in der tiefen Konstellation häufig (aber nicht immer) auch noch Ginczek als hängende Spitze zurück.

Darüber hinaus gibt es noch ein paar Elemente, die diesem sonst klassisch positionsorientierten und kompakten 4-4-2 mehr Flexibilität verschaffen. Die Spieler und ganz besonders die beiden Flügelstürmer sind angehalten, sich ständig zu orientieren und ihre Position der Situation anzupassen. Ein besonders auffälliges Beispiel: Hin und wieder lässt sich einer der Flügelstürmer gegen einen hohen Außenverteidiger zu einer kurzzeitigen Fünferkette zurückfallen. Das passiert dynamisch, wenn etwa gerade eine Verlagerung in Gange ist oder sich andeutet. So kann der Außenverteidiger eng bleiben und bei der Tiefensicherung und im Strafraum helfen, während man außen trotzdem Zugriff bekommt. Zugleich schiebt Ginczek normalerweise mit zum Flügel und stopft die Außenstürmer-Lücke. Ein vorübergehendes, stabiles 5-4-1 entsteht. Ähnliche Mechanismen sind zum Beispiel das Zurückfallen eines Sechsers in den Strafraum oder das Durchschieben eines Innenverteidigers zum Flügel. Beide Abläufe passieren nicht mechanisch, sondern je nach Situation, wenn es angebracht ist.

Situative Umformung ins 5-4-1

Gegen diese lassen sich schwer Mittel finden. Geht man Situationen durch, in denen ein Gegner mal das sortierte Mittelfeldpressing des VfB knackt, fällt es (mir zumindest) schwer, da klare Rezepte rauszuziehen. Es scheint so, als funktioniere alles ein bisschen aber nichts so richtig.

Neben der Flexibilität und Disziplin stimmen auch die Intensität und die Besetzung. Die acht Abwehr- und Mittelfeldpositionen strotzen vor Defensivstärke. Insuas Qualitäten habe ich auf vfbtaktisch schon mal diskutiert. Sein Pendant auf rechts, Andreas Beck, ist ebenfalls ein geschickter Verteidiger, genauso wie die mittlerweile stabilen Innenverteidiger Pavard und Baumgartl. Im Mittelfeld muss man Erik Thommy herausheben, der nicht nur viel läuft, sondern sich besonders dynamisch und intelligent umorientieren kann. Dagegen verteidigt Christian Gentner etwas träger, aber gewohnt fleißig. Dazu kommt mit Ascacibar ein prima Abräumer auf der Sechs neben einem weiteren soliden Sechser wie Aogo oder Badstuber.

Alternativsystem 5-4-1


Obwohl die Pressinghöhe unter Korkut bewusst variiert wird und auch mal "antizyklisch" gepresst wird (das heißt zum Beispiel bei eigener Führung höher schieben), ist die Mannschaft nicht immun gegen physische und psychologische Auswirkungen des Spielverlaufs. Liegt der VfB in Führung und neigen sich die Partien dem Ende, verteidigt auch der VfB tiefer. Korkut stellt in dieser Situation fast immer irgendwann auf 5-4-1 um. Damit entfällt der Kompromiss mit den zurückfallenden Außen und das Mittelfeld kann sich voll und ganz auf ihre Kettenmechanismen konzentrieren. Folglich gibt es dann auch viel Rausrücken aus dem Mittelfeld, das den Zugriff auf die Aufbauräume sicherstellt. Dahinter sichert die Fünferkette die Tiefe und beugt präsenten Schlussoffensiven vor. Anders als es scheinen mag, wird das 5-4-1 aber nicht als reines "Mauersystem" gespielt, wäre also auch als Startsystem denkbar.

Konter: Ginczek, Gomez und mehr


Mittlerweile sollte klar sein, warum der VfB so wenig Gegentore bekommt. Wer aber nur verhindert und keine Tore schießt, gewinnt auch keine Spiele. Beim VfB stehen in 7 Partien unter Korkut 9 Tore zu Buche, womit man hochgerechnet immerhin irgendwo in der Nähe des Ligadurchschnitts liegt. Schauen wir also, was der VfB offensiv so macht.

Mittel der Wahl sind für den VfB häufig Konter und zweite Bälle. Für das Konterspiel ist wichtig, dass die Mannschaft sich im individualtaktischen Verhalten dahin entwickelt hat, dass sie weniger in die Breite spielt und die stabile Zirkulation sucht, sondern druckvolle und vertikale Pässe spielt, wenn es sein muss auch in enge Räume hinein. Schließlich heißt kompakt verteidigen auch, dass man im Umschaltmoment selbst erst mal keine Breite hat.

Dem VfB hilft außerdem, dass er sehr viel im Übergangsbereich zwischen Mittelfeld- und Angriffspressing operiert (sofern er es gut macht, siehe weiter oben die Diskussion des hohen Pressings). Dem Gegner wird damit nicht die komplette Luft zum Atmen genommen, sondern im Idealfall zum Risiko eingeladen und überrascht. Wegen Insua geht über links etwas mehr als über rechts.

Nach hohen Ballgewinnen kommt das Duo Ginczek und Gomez ins Spiel. Beide können sowohl als klassischer Konter- und Abschlussspieler Tiefe geben als auch als Zwischenstation und sogar hängend mit dem Gesicht zum Tor gut eingesetzt werden. Dadurch ergibt sich praktisch immer eine sinnvolle Aufteilung zwischen den beiden. Das Nachrücken von den umliegenden Positionen ist schnell und druckvoll aber nicht kopflos.

Zweite Bälle: Erst eng, dann breit


Die zweite Säule des Offensivspiels besteht aus zweiten Bällen. Dabei ist das Konzept des VfB zwar nicht überragend produktiv (vergleiche zum Beispiel Köln), aber kommt mit wenig Risiko daher und sorgt punktuell immer wieder für Gefahr. Deutet sich der lange Ball an, ziehen die Flügelspieler weit in die Mitte. Dann kommt der lange Ball auf Gomez oder Ginczek, wobei einer der beiden in den Rücken des Zielspieler einläuft. Gegebenenfalls schiebt noch ein Sechser und/oder ein Außenverteidiger mannorientiert nach und deckt mit den beiden Außenstürmern die Räume neben, diagonal hinter und vor dem Zielspieler, sodass der Abpraller, egal wo er hingeht, geholt oder direkt gepresst werden kann.

Typische Staffelung auf den zweiten Ball

Dabei sind Gomez und Ginczek eigentlich gar nicht besonders gut darin, die Bälle kontrolliert runterzupflücken. Mit ihrem Körper können sie aber meist den Gegner am gezielten Kopfball hindern und kommen oft selbst irgendwie noch ran. Im schlechtesten Fall prallt der Ball unkontrolliert irgendwohin ab. Im besten Fall kommen effektive Weiterleitungen in die Dynamik dabei raus. Ein wichtiger Faktor ist, dass es einerseits gleich zwei Zielspieler gibt und andererseits Zieler recht weite und präzise lange Bälle spielt. Das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass etwa der 1,75m große Thommy unfreiwillig ins Kopfballduell muss.

Da die Außen so weit einrücken und um den Spieler im Kopfballduell abzusichern, muss sich der Gegner ebenfalls zusammenziehen. Kann der VfB den Ball zwischen den Linien halten, müssen die gegnerischen Außenverteidiger gegen die Außenstürmer eng bleiben und es entsteht Raum auf den Flügeln. Über nachstoßende Läufe der Außenverteidiger (Beck hat da ein meisterhaftes Timing) kommt es dann vereinzelt zu Flankensituationen mit dynamischer Strafraumbesetzung.

Wichtig ist auch, dass diese Variante defensiv sehr stabil ist. Gewinnt der VfB den Ball nicht, stehen trotzdem viele Spieler kompakt zentral hinter dem Ball. Deswegen kommt der Gegner nicht in die interessanten Räume und man selbst kann unkompliziert ins Pressing ausschwärmen.

Spielaufbau: Improvisation statt Positionsspiel


Nun ist es nicht so, dass der VfB jeden Ball lang nach vorne haut. Es gibt natürlich auch flache Ballbesitzphasen, die teilweise sogar recht ambitioniert ausgespielt werden. Ich denke aber, man kann trotzdem sagen dass der eigene Ballbesitz die schwächste Spielphase beim VfB ist, auf jeden Fall aber diejenige, die sich im Vergleich zu Korkuts Vorgänger am meisten verschlechtert hat. Unter Wolf wurde das Ballbesitzspiel sehr stark von der Struktur getragen. Die Spieler hatten klar zugewiesene Räume, in denen sie sich bewegen sollten. Durch geschickte Ausgestaltung dieser Zuweisungen (und damit der Definition der Formation) generierte Wolf eine Positionsstruktur in der die Spieler zuverlässige, sichere und im besten Fall auch noch gefährliche Passmöglichkeiten vorfanden. Das stabilisierte das Ballbesitzspiel des VfB enorm. Diese Stabilität ist in der Form nicht mehr da.

Eine "Makrostruktur" (also die grobe Anordnung der Spieler) ist natürlich auch unter Korkut definiert: Die Außenverteidiger bleiben im ersten Moment tief angebunden (Insua manchmal höher). Der linke Sechser (Aogo oder Badstuber) hält die Sechs oder fällt zwischen die Innenverteidiger oder hinter Insua zurück, während Ascacibar etwas erhöht und weniger präsent die Position hält. Die Außenspieler stehen eingerückt da (nicht zuletzt für lange Bälle) und weichen mehr oder weniger in alle möglichen Richtungen aus. Ballnah gehen sie auch mal breit, sonst sind die offensiven Flügel meist unbesetzt. Die Seitenaufteilung zwischen Gentner und Thommy sowie Gomez und Ginczek wechselt immer wieder mal zwischen und innerhalb der Spiele.


Anfangs gab es noch die Idee, links einen einrückenden und rechts einen breiten Flügelspieler wie Donis aufzustellen. Mittlerweile beschränkt sich die Asymmetrie aber im Wesentlichen auf die Unterschiede in den Rollen der Sechser und der Außenverteidiger. Über links zeigen Insua, Aogo/Badstuber und Gentner/Thommy auch mal Dreiecksabläufe oder Insua sorgt mit seinen diagonalen Dribblings individuell für Durchschlagskraft. Zuletzt rückte der Argentinier vereinzelt auch wieder ein, wie in der Zweitligarückrunde. Ideen sind also da, die Qualität in der Umsetzung fehlt aber noch. Die Verbindungen sind immer ein wenig fragil, da strukturell wichtige Bewegungen spontan und daher unzuverlässig und ungenau ablaufen. Die Mannschaft fächert zu wenig auf und die Sechser bewegen sich passiv und unbalanciert. Dazu kommt natürlich die spielerisch eher schwache Besetzung der vier Mittelfeldpositionen. Insgesamt läuft der Spielaufbau dadurch recht hakelig und es kommt vergleichsweise häufig zu Ballverlusten. Gegen Freiburg und Köln kassierte der VfB Kontertore. Köln forcierte sogar gezielt Ballgewinne, indem sie (Gegen-)Pressingfallen im Sechserraum aufstellten.

Fazit: Eine gute Mannschaft mit Spielglück


Es ist wie so oft bei herausstechenden Serien, egal ob positiv oder negativ: Wir haben einen Teil Leistung, aber auch einen Teil Zufall. Der VfB profitiert derzeit immer wieder von frühen Führungen und erzielt viele seiner Tore nach Standards. Ob das bis zum Saisonende so weitergeht... nun, einplanen kann man es wahrscheinlich nicht. Wie Korkut und die Mannschaft mit der Situation umgehen, dass man auch mal einem Rückstand hinterherläuft, wird interessant zu beobachten sein.

Insgesamt ist die Entwicklung der Mannschaft aber sehr positiv zu bewerten. Gerade weil der VfB traditionell sehr mannorientiert verteidigt, ist es schön zu sehen, dass es auch aktiver, intelligenter und kollektiver geht.

Kommentare:

  1. Super Analyse, vielen Dank dafür. Mir macht das Mut für die kommenden Aufgaben und auch für nächste Saison. Korkut hat es in kürzester Zeit geschafft eine defensive Stabilität zu erlangen, die es unter Wolf so nie gab. Am Ballbesitzspiel muss dann halt mit der Zeit gefeilt werden oder in der Sommervorbereitung. Mit ein paar gezielten Verstäkungen (unter anderem Alternativen für die Aussen und im Mittelfeld für die Position neben Ascacibar) kann das Ganze nochmal auf ein anderes Niveau gehoben werden.

    Einem Rückstand sind sie in Köln ja auch schon einmal hinterher gelaufen... und haben sich nicht umhauen lassen. Wichtig ist jetzt einfach, dass Korkut keinen Schlendrian reinschleichen lässt und die Spannung hoch hält. Vielleicht auch mal durch Änderungen in der Startelf als Belohnung für gute Trainingsleistungen.

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  2. Die Analyse klingt in der Tat nicht schlecht, aber es fehlt beim VfB leider immer noch am kreativen, offensiven Spielkonzept. Wolf hat es nicht fertig gebracht, der Mannschaft eines beizubringen. Ich hoffe, dass das bei Korkut besser klappt - momentan ist zuviel Glück im Spiel

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