Montag, 30. November 2015

Spielanalyse: Borussia Dortmund - VfB Stuttgart 4:1

Das erste Spiel des neuen VfB-Trainers ist geprägt von Passivität, 4-4-1-1 und schnellen Kontern. Gegen einen nicht am Limit spielenden BVB feiert Jürgen Kramny einen gemischten Einstand mit mehr Schatten als Licht.

Im Zuge von Kramnys Beförderung hatte Dutt von den "Leitplanken" gesprochen, in denen sich alle Trainer beim VfB bewegen sollen. Als jemand, der keine Jugendteams schaut, konnte man im Zuge des (allzu frühen) ersten Trainerwechsels nach dem großen Umbruch letzten Sommer also zumindest darauf hoffen, einen kleinen Eindruck davon zu gewinnen, wie dieser oft zitierte sportliche und taktische Rahmen eigentlich genau aussieht und wie viele Freiheiten er tatsächlich erlaubt.

Kramnys Plan, Dortmunds Startprobleme


So war es doch ein bisschen überraschend, dass die Änderungen im Vergleich zu Alexander Zornigers wildem Angriffspressing recht gravierend ausfielen. Zunächst einmal wurde die Pressinghöhe nach hinten korrigiert - statt 4-4-2-Angriffspressing gab es nun ein relativ passives Mittelfeldpressing. In diesen standen die beiden Spitzen nicht mehr nebeneinander und liefen die gegnerischen Verteidiger an, sondern staffelten sich vertikal und blieben weitgehend in Dortmunds Sechserraum. Didavi als hängende Spitze orientierte sich ein bisschen nach links hinten und nahm ansonsten häufig Gündogan auf, während Werner höher blieb und ganz selten doch einmal Pressingläufe nach außen einstreute. Ansonsten blieben Didavi und Werner aber eher teilnahmslos und die Räume neben ihnen fielen eher in den Aufgabenbereich der etwas höher postierten Flügelstürmer, sowie der Sechser.

Rupp und Gentner spielten überwiegend mannorientiert gegen Dortmunds Achter und verfolgten ihre Gegenspieler häufig auch dann, wenn diese in die letzte Linie vorstießen. Zurückfallende Bewegungen wurden von den Beiden zunächst ebenso aggressiv verfolgt und konnten gemeinsam mit den ohnehin hoch bleibenden Spitzen und dem Flügelspieler in ein paar kleine Pressingerfolge verwandelt werden. Wichtig war dafür, dass Dortmund die offensiven Halbräume, die Castro und Kagawa bei ihren Rückstößen freigaben, nicht besetzte und das Herausrücken des VfB so nicht bestrafen konnte. Allerdings war der VfB zu zurückhaltend beim Übergang ins Pressing und schaffte es nicht, diese Schwäche konstant auszunutzen.

Ein anderes Problem des BVB waren die passiven Innenverteidiger, die Vorstöße in die freien Halbräume neben den Spitzen mieden und lieber mit Pässen auf die Achter eröffneten. Die konnten dann allerdings von Stuttgarts Sechsern angelaufen werden und mussten prallen lassen. Diese fehlende Raumnutzung setzte sich in den höheren Zonen, wo durch die Passivität und die Mannorientierungen des VfB ebenfalls viel Raum aufging, zunächst ein wenig fort. Dazu kam, dass Dortmund wegen den sehr offensiv besetzten Achterpositionen ohne den verbindenden Gündogan immer wieder zu flachen Offensivstaffelungen neigte. Gerade Castro ging zu aggressiv in die Tiefe, während die Flügelspieler recht positionstreu begannen und die Verbindungen abreißen ließen.

Tuchels Korrektur


Wichtig war für Dortmund natürlich die frühe Führung, die Castro im Anschluss an einen unkollektiven Pressingversuch des VfB erzielte - ein Muster, das anschließend von einer konsequenten Passivität abeglöst wurde und erst in der Zeitnot der Schlussphase wieder vereinzelt zum Vorschein kam.

Wirklich überzeugend spielte der BVB allerdings erst nach etwa einer Viertelstunde, als sie mit ein paar taktischen Änderungen das Heft in die Hand nahmen. Kagawa spielte konstant tiefer und entzog sich damit den Pressingläufen von Rupp. Der VfB reagierte in dieser Phase insgesamt mit etwas mehr Passivität, was sich besonders in größerer Zurückhaltung der Sechser zeigte und Dortmund in den Halbräumen viele Freiheiten verschaffte. Darüber hinaus spielte Reus einrückender als vorher und besetzte den Raum vor Kagawa, während in anderen Szenen Bender zu mutigeren Vorstößen ansetzte. Ein solcher Vorstoß leitete auch das frühe 2:0 ein.

Zusätzlich gab es eine kleine Rochade in der Offensive: Mkhitaryan spielte fortan einen breiten Linksaußen, Reus driftete als neue Sturmspitze durchs Offensivzentrum und Aubameyang gab einen tororientierten Rechtsaußen. Diese Änderung sorgte noch einmal für verbesserte Präsenz zwischen den Linien, da Aubameyang zuvor eher mit kurzen Ablagen gearbeitet hatte, dabei aber etwas schlampig auftrat und Reus nun etwas gestaltender unterwegs war.

In dieser Phase zeigten sich die Schwächen des Stuttgarter Pressings recht deutlich. Während die Abwehr und das Mittelfeld zwar prinzipiell nahe aneinander agierten, war die Kompaktheit in der Horizontalen eher schwach. Die generelle zurückweichende Tendenz, die nicht zuletzt durch die Mannorientierungen bedingt war, sorgte außerdem immer wieder für offene Räume vor dem Mittelfeld, aus denen der BVB ungestört sein Spiel entfalten konnte. Nicht zuletzt stellte auch Gentner mit ungenauen Positionierungen und zu starrer Mannorientierung wieder einmal seine Nichteignung für die Doppelsechs unter Beweis. Positiv ist aber zumindest zu erwähnen, dass Niedermeier mit gutem Herausrücken diese Problemzone hin und wieder doch kaltstellen konnte und Didavi sich gelegentlich helfend dorthin orientierte.

Offensivansätze des VfB


Trotz Dortmunds Ballbesitzhoheit und ihrer hohen Durchschlagskraft, war der VfB nicht chancenlos. Die Staffelungen auf die zweiten Bälle waren solide und kompakt. Da der BVB in seinem 4-3-3 immer wieder ein kleines Loch zwischen Mittelfeld und Sturmreihe ließ, schaffte es der VfB trotz fehlender Zielspieler immer wieder sich dort kurz zu behaupten und eigene Angriffe in die Wege zu leiten - auch wenn es ein bisschen kurios war, wie fast jeder Abpraller in diesen offenen Raum hineingesaugt zu werden schien.

Das Problem war allerdings, dass die meisten in mittlerer Höhe begonnenen Angriffe zu simpel weiterentwickelt wurden und der VfB wie so häufig nach dem Pass auf Kostic mit seinem Latein am Ende war. Gentners ungewohnt tiefe Rolle sorgte außerdem dafür, dass ein wenig der Zug zum Tor fehlte und teilweise dann Maxim als Abnehmer in den Strafraum aufrücken musste. "Nette" Ergänzung zu der seit Monaten mangelhaft ausgearbeiteten, limitierenden Rolle, die der Rumäne aktuell spielen muss.

Gefährlicher und auch entsprechend augenscheinlicher waren die weiträumigen Konter über Werner, die die hin und wieder suboptimalen Absicherung des BVB möglich machte. Die schon angesprochene unausgewogene Positionsbesetzung und die generell recht zweigeteilte Systematik mit Lücken zwischen den hohen Achtern und dem sehr tief agierenden Gündogan waren dafür verantwortlich, dass Dortmund nach Ballverlusten nicht immer direkt Druck machen konnte. Werner konnte dann folgende lange Bälle hinter die gelegentlich etwas unsouveräne Abwehr erlaufen und behaupten. So kam es zu den besten Möglichkeiten des VfB und auch zum entscheidenden Aufrücken vor dem Anschlusstreffer.

Zweite Halbzeit


Vor der Halbzeit war der BVB vorübergehend wieder schwächer geworden, da sie von einzelnen Mannorientierungen Kostics etwas auf ihre rechte Seite gelockt wurden, wo sie aber wegen der sehr direkten Besetzung mit Castro und Aubameyang nicht ganz so vielfältige Szenen zeigten. In der Pause stellte Tuchel auch wieder zurück auf die alte Offensivaufteilung mit Mkhitaryan rechts, Reus links - allerdings sehr viel einrückender als zu Beginn der Partie - und Aubameyang zentral. Darüber hinaus zog er Castro zurück und verordnete ihm eine sehr viel tiefere, abkippende, teilweise verbindende Rolle, während Kagawa etwas höher bleiben konnte, aber nicht so viel in die Spitze arbeitete wie Castro zuvor. Dortmunds tiefes zentrales Mittelfeld hatte nun bessere Verbindungen zueinander und konnte besser absichern. Die Werner-Konter aus der ersten Halbzeit waren somit kaum mehr zu sehen.

Davon abgesehen wäre es nicht unbedingt richtig zu sagen, der VfB hätte offensiv nach der Pause abgebaut. Zwar folgte den acht Abschlüssen aus Durchgang eins (doppelt so viele wie Dortmund übrigens) kein einziger mehr, aber das hatte auch mit wiederholtem Ballglück des Gegners und schlampigen Pässen in der Entwicklung vielversprechender Aktionen zu tun. Ballgewinne waren vereinzelt immer noch da, zweite Bälle auch noch ein Mittel, eigentlich lief nicht so viel anders als zuvor, nur Torschüsse generierte der VfB aus seiner ohnehin limitierten Spielanlage keine mehr.

Dagegen blieb der BVB weiter gefährlich. Nach der Einwechslung von Weigl war die Offensive wieder direkter und 4-2-4-artig unterwegs, wobei Gündogan oder Mkhitaryan auf unkonstanter Basis entscheidende Verbindungsknoten herstellten. Ohne großartige weitere Änderungen in der Herangehensweise des VfB, abgesehen davon, dass die Pressingformation doch noch ein wenig auseinanderfiel, ging die Partie mit zwei weiteren Dortmunder Toren zu Ende.

Fazit


Insgesamt war Jürgen Kramnys erste Partie trotz einzelner positiver Erscheinungen doch eher enttäuschend. Die geringe Aktivität und die Mannorientierungen erlaubten Dortmund zu viele Freiheiten, denen der VfB auch mit einer ordentlichen vertikalen Kompaktheit und der einen oder anderen Defensividee halblinks nicht beikommen konnte. Spätestens mit Tuchels klugen Umstellungen dominierte der BVB auch und spielte sich hochwertige Chancen heraus, die sie zu einem verdienten Sieg verwerteten.

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